Arbeitszeit Arbeitszeitmodelle für Handwerker

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Arbeitszeit und Arbeitszeitmodelle

Von 7 bis 16 Uhr mit einer Stunde Mittag – viele Betriebe arbeiten seit Jahren gleich. Wie Sie mit flexiblen Arbeitszeiten Ihre Attraktivität als Anbieter und Arbeitgeber nachhaltig verbessern.

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    © Peter Weigelt
    Lackierermeister Peter Scholz und sein Team profitieren seit mehr als 20 Jahren von flexiblen Arbeitszeiten.
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    In Stein gemeißelt: Drei Viertel der Betriebe arbeiten noch immer im starren Schema mit festen Zeiten.
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    „Vielen Chefs ist nicht klar, welche Vorteile Flexzeit- Modelle für den Betrieb bringen.“ Ulrike Hellert, Direktorin des „Instituts für Arbeit&Personal“ in Nürnberg.

Mit Flexibilität doppelt gewinnen

Flaute am Montagmorgen, Hektik und viel Ausschuss am Freitagmittag – Lackierermeister Peter Scholz in Zeil am Main erlebte die Nachteile starrer Arbeitszeiten schon kurz nach der Firmengründung in den 80er-Jahren. Hinzu kam, dass die Industriebetriebe in der Region ihm schon damals regelmäßig die besten Leute abwarben. Doch statt sein Schicksal klaglos hinzunehmen, ging Scholz in die Offensive: „Wenn ehemalige Mitarbeiter zur Reparatur ihrer Fahrzeuge bei mir auf dem Hof waren, habe ich offen gefragt, warum sie gegangen sind“. Die Antworten bestätigten, was Scholz nach etlichen Telefonaten mit den Personalverantwortlichen der Industrie bereits vermutet hatte: Die Arbeitszeiten in seinem Karosseriebau- und Lackierbetrieb boten den Mitarbeitern einfach zu wenig Freiraum.

Um künftig attraktivere Arbeitsplätze bieten zu können, entwickelte Scholz ein Modell, das sich besser an den Bedürfnissen der Mitarbeiter orientierte. Heraus kam eine Vier-Tage-Woche, die jedem Mitarbeiter alle vierzehn Tage ein langes Wochenende inklusive Montag und Freitag ermöglicht. In Kombination mit einer Gleitzeitregelung, bei der die Mitarbeiter morgens bis zu 45 Minuten später kommen können, gelingt es dem Lackierbetrieb bis heute, seine Fachkräfte am Standort Zeil zu halten: „Es gibt kaum Fluktuation und die Krankheitsquote liegt unter einem Prozent“, freut sich der Geschäftsführer über den Erfolg des seit mehr als 20 Jahren bestehenden Modells.

Zeit als Wettbewerbsvorteil

Glückstreffer eines mildtätigen Chefs oder strategischer Weitblick eines erfolgsorientierten Unternehmers? Ulrike Hellert, wissenschaftliche Direktorin am „Institut für Arbeit und Personal“ in Nürnberg, kennt die Antwort aus vielen Projekten mit Handwerksbetrieben. „Die Mitarbeiter legen heute immer mehr Wert auf Zeitsouveränität und Flexibilität, deshalb sind flexible Regelungen ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.“ Dass die Mehrheit der Kleinbetriebe trotzdem an starren Regelungen festhält (siehe Chart rechts), hat nach Hellerts Einschätzung vor allem mit Informationsdefiziten zu tun: „Viele Chefs erkennen den Nutzen für den Betrieb einfach nicht“.

Peter Scholz kann die Vorteile seiner Flexzeit-Lösung jedenfalls nicht mehr an einer Hand abzählen. So hat der Betrieb nicht nur geringere Fehlzeiten und Fluktuation als die Wettbewerber, sondern auch längere Maschinenlaufzeiten und höhere Kapazitäten durch den Zwei-Schicht-Betrieb. Dabei arbeitet eine Gruppe montags bis freitags jeweils 9,5 Stunden täglich, die andere Gruppe arbeitet gegenläufig von Freitag bis Donnerstag. Damit hat Scholz an den Haupttagen Dienstag bis Donnerstag das komplette Team zur Verfügung, am schwächeren Montag und Freitag reicht die halbe Belegschaft.

Schluss mit der Freitags-Hektik

Gerade freitags kommen die Vorteile laut Scholz besonders zum Tragen. War früher das komplette Team bis 13 Uhr da, arbeitet heute die halbe Belegschaft bis 17.15 Uhr. „Alles läuft viel ruhiger, weil die Mitarbeiter nicht hektisch bis mittags die Fahrzeuge fertig haben wollen, dadurch gibt es auch viel weniger Ausschuss.“ Ein Umstand, über den sich die Kunden natürlich genauso freuen wie über die kurzen Standzeiten ihrer Fahrzeuge. „Gerade im Versicherungsgeschäft sind Qualität und ein schneller Durchlauf wichtig“, weiß Scholz um seinen Wettbewerbsvorteil.

Welchen Einfluss die Arbeitszeitregelung auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter und das Ergebnis hat, lässt sich nach Auskunft von Arbeitspsychologin Ulrike Hellert sogar wissenschaftlich belegen. „Wer selbstbestimmter arbeiten kann, ist konzentrierter und motivierter, das kommt letzt-endlich der Qualität zugute.“

Die „innere Uhr“ im Blick haben

Erklären lässt sich das laut Hellert mit der „persönlichen inneren Uhr“, die eben bei jedem Menschen ein wenig anders tickt. Gerade bei den jungen Leuten sei diese durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten ein wenig nach vorne gedreht: „Deshalb suchen sie einen Job, bei dem sie flexibel anfangen können, und meiden Branchen wie das Handwerk mit seinen überwiegend starren Zeitregelungen.“

Peter Scholz, der mit seinen 70 Jahren bereits einige Mitarbeitergenerationen erlebt hat, kann dies bestätigen. Viele der Auszubildenden bleiben dem Familienbetrieb wegen der attraktiven Arbeitszeiten treu, obwohl er keinesfalls mit den Löhnen der Industrie konkurrieren kann. Ein Nachteil, der sich nach Erfahrung des langjährigen Unternehmers jedoch durchaus ausgleichen lässt: „Wir brauchen im Handwerk Lösungen, bei denen sich die Mitarbeiter wohl fühlen, dann bleiben sie uns auch erhalten.“ ◇

kerstin.meier@handwerk-magazin.de

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