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Konjunktur: 2016 wird super! Und dann?

Das Handwerk schließt das Jahr 2015 mit einem Umsatzplus von zwei Prozent ab. Auch 2016 rechnen die Konjunkturexperten des ­Zentralverbandes mit zwei Prozent Wachstum. Aber was kommt dann? handwerk magazin analysiert die Chancen, aber auch die Risiken für die Betriebe in den kommenden fünf Jahren.

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Die Sektkorken knallen beim Handwerk noch vor Silvester. 2015 brummte es bei den Betrieben. „Die Geschäftslage kletterte im dritten Quartal 2015 wieder auf ihr Allzeithoch vom Herbst 2011“, jubelte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) bei der Vorstellung des Konjunkturberichts. Denn 90 Prozent der Handwerksunternehmen bewerten die aktuelle Geschäftslage mit gut oder zufriedenstellend. Ebenso viele erwarten, dass die Geschäfte auf stabilem Niveau weitergehen oder sogar wachsen. „Angesichts der guten Entwicklung korrigieren wir unsere Umsatzerwartungen für 2015 von 1,5 auf 2 Prozent herauf“, so der ZDH-Generalsekretär.

Zu diesem Ergebnis tragen die stabile gesamtwirtschaftliche Konjunktur bei, die ausgezeichnete Konsumstimmung und die anhaltend hohe Nachfrage nach Wohnraum und Sanierung. Bei den Verbrauchern sitzt das Geld locker, angesichts Reallohnplus, niedrigen Zinsen und Rekordbeschäftigung.

Und was wird 2016? Bei anhaltend guter Binnenkonjunktur wird im Handwerk erneut ein Umsatzplus von 2 Prozent erreichbar sein – bei konstanten Beschäftigtenzahlen – prognostizieren die Konjunkturexperten des Verbandes auf der Basis ihrer Umfragen bei 15 450 Handwerksunternehmen in West- und 5835 Betrieben in Ostdeutschland. Die Show geht also weiter.

Was die Zukunft bringt

Aber wie lange noch, was bringen die nächsten Jahre für die Betriebe? handwerk magazin hat bei Gerit Vogt, Volkswirt und Mittelstandsexperte beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), eine Analyse der nächsten Jahre in Auftrag gegeben. Das Ergebnis (siehe Seite 14) zeigt durchaus auch Risiken, auf die sich perspektivisch handelnde Unternehmer vorbereiten sollten.

Risiko Konsumklima

Vogt warnt, dass es beim Konsumklima mittelfristig Einbrüche geben kann, wenn Sonderfaktoren wie die Einführung des Mindestlohns auslaufen oder die billigen Energiepreise sich verteuern könnten. In der Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsinstitute heißt es zwar, das Wachstum werde vom privaten Konsum getragen. Aber angesichts niedriger Zinsen, gesunkener Rohstoffpreise und einer deutlichen Abwertung des Euro sehen nicht wenige Ökonomen die deutsche Wirtschaft unter ihren Möglichkeiten, heißt, der Aufschwung ist eher verhalten. Hinzu kommen die Folgen des Abgasskandals in der Autoindustrie, die zu einer Kaufzurückhaltung führen können.

Digitalisierung erhöht Druck

Auch die Digitalisierung der Wirtschaft könnte für einige Handwerksbranchen wie zum Beispiel die Zulieferer von Nachteil sein, weil sie den Wettbewerbsdruck erhöht.

In seinem Jahresgutachten zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mahnt der Sachverständigenrat, „die Zukunftsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft durch geeignete Rahmenbedingungen zu gewährleisten“, so der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). So gebe es weiter Probleme bei der Digitalisierung der Betriebe.

Fachkräftemangel weitet sich aus

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist so niedrig wie seit 24 Jahren nicht mehr. „Im November waren 2,6 Millionen Menschen auf Jobsuche“, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, bei der Präsentation der aktuellen Zahlen. „Das ist gut für die Konjunktur, aber schlecht für Betriebe, die dringend Fachkräfte brauchen“, erklärt BVR-Volkswirt Gerit Vogt. Im November waren 610 000 Arbeitsstellen bei der BA gemeldet, 96 000 mehr als vor einem Jahr. Besonders gesucht sind Fachkräfte in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik, im Metallbau, der Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik und in medizinischen Gesundheitsberufen.

Die Rente mit 63 befeuert den Fachkräftemangel zusätzlich. Sie führe zu einem Abschmelzen der Belegschaften und werde aufgrund der extrem hohen Fallzahlen die Rentenversicherung über Gebühr belasten, warnt der Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Flüchtlinge schneller integrieren

Dass Zuwanderer den Fachkräftemangel schnell beseitigen können, glauben Experten immer weniger. Maßnahmen zur Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen müssten besser koordiniert werden, um Betrieben Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen und soziale Verwerfungen zu vermeiden, mahnt der ZDH an. ifo-Volkswirt Ludger Wößmann fordert, das Bildungsniveau der Flüchtlinge systematisch zu erfassen. „Wir stochern derzeit im Nebel“, beklagt der Bildungsökonom. Niemand wisse wirklich, über welche Qualifikationen die Menschen verfügen. „Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass zwei Drittel der Flüchtlinge aus Syrien von ihrem Bildungssystem für eine Beteiligung an einer modernen Gesellschaft nicht ausreichend ausgebildet wurden“, fügt Wößmann hinzu. Laut Handwerkskammer für München und Oberbayern haben 70 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ihre Ausbildung abgebrochen, die sie vor zwei Jahren begonnen haben.

Investitionen stocken

Unsicherheit herrscht auch bei den Investitionen. Die Bauinvestitionen der Öffentlichen Hand und auch der Wirtschaftsbau entwickeln sich schon jetzt rückläufig. Baubetriebe profitieren noch vom beständigen Plus beim Wohnungsbau, speziell in den Ballungszentren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung beklagt, dass der Staat seit Jahren zu wenig investiert. Inzwischen sei ein Nachholbedarf im zweistelligen Milliardenbereich aufgelaufen. In der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsinstitute wird kritisiert, dass die Investitionen sich nur allmählich beleben, obwohl Kredite nach wie vor billig sind und die Europäische Zentralbank weiter viel Geld in die Märkte pumpt.

Angesichts der mäßigen Expansion der Weltwirtschaft dürften die Exporte nur leicht steigen, zumal die belebende Wirkung der Euro-Abwertung allmählich nachlässt. Das ifo-Institut rechnet für die Zukunft mit „keinen Impulsen vom Außenhandel für die deutsche Wirtschaft“. Aus der Eurozone kommt wenig Nachfrage, aus den USA und China ebenfalls. Laut ifo-Institut wird der Export 2017 nur 0,1 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen.

Sorge vor Deflation

Preissteigerungen dürften Handwerker in nächster Zeit nur schwer durchsetzen können. Laut Statistischem Bundesamt dümpelte die Inflationsrate im November bei 0,4 Prozent, europaweit liegt sie bei 0,1 Prozent. Die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an. Noch sieht Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank, die Lage gelassen: „Das Wachstum ist in Ordnung, es droht keine Deflationsspirale.“ Würde die Inflationsrate noch weiter sinken und die Preise fallen, könnte das natürlich dazu führen, dass Verbraucher ihre Ausgaben aufschieben, weil sie damit rechnen, dass alles noch billiger wird.

Doch noch glaubt der deutsche Mittelstand nach einer Studie der Förderbank KfW an einen robusten Aufschwung in Deutschland und Europa. „Und sie reagieren zu Recht auf die Stärke der Inlandsnachfrage“, erklärte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner bei der Vorlage einer repräsentativen Umfrage unter Mittelständlern.

Handwerksunternehmen sollten jetzt die hohe Nachfrage vor allem im Konsum sowie im Bau und Ausbau nutzen und ihre Kapazitäten erweitern, denn in den nächsten Jahren könnte sich die Konjunktur abschwächen.

Weitere Downloads zu diesem Artikel
  • ZDH Konjunkturbericht 2|2015 (PDF, 4764 kB)

    Handwerkskonjunktur weiter dynamisch: Hier können Sie den Konjunkturbericht 2|2015 des ZDH herunterladen.Das Handwerk befindet sich in einem goldenen Konjunkturherbst. Die Geschäftslage der Betriebe klettert mehr...

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