Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar zur Bundestagswahl: Der Staat ist keine Kulisse für „Wünsch‘ Dir was“!

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Bundestagswahl 2021 und Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann

Manche Menschen verwechseln das gesellschaftliche Zusammenleben als Bühne des TV-Formats „Wünsch‘ Dir was“. Forderungen und Begehrlichkeiten sind immens, die Bereitschaft sich dafür auch selbst einzusetzen hingegen eher überschaubar. Warum der Staat bei diesem Szenario keine geeignete Kulisse darstellt und was die Bundestagswahl damit zu tun hat, erklärt Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg, in der aktuellen Folge von „Neues von der Werkbank“.

Ruth Baumann, Landesvorsitzende ufh Baden-Württemberg
Die studierte Politologin und Handwerksunternehmerin Ruth Baumann vertritt seit 2008 als Präsidentin die Unternehmerfrauen im Handwerk in Baden-Württemberg (ufh). – © Antoinette Steinmüller Fotostudio

Lassen Sie mich mit einem kleinen philosophisch anmutenden Gedanken beginnen: wir sind ent-grenzt. In unserer Gesellschaft scheint sich zunehmend ein egoistischer Personenkult auszubreiten, der sich objektiven Kriterien und deren Folgen nicht nur verschließt, sondern diese sogar negiert. Regelungen, Grenzen, Forderungen und die daraus resultierenden Zusammenhänge werden ausgeblendet . Ist die Fahrtrichtung auf der Autobahn noch verbindlich, ist es die rote Ampel schon nicht mehr so ganz. Muss ich stehen bleiben, kann ich stehen bleiben, darf ich noch etwas rollen oder sollte ich vielleicht doch einfach weiterfahren?

Sparen war gestern

Vorfreude bei Einkäufen ist längst in Vergessenheit geraten. Wer heute etwas will, sei es einHandy, Fernseher, Auto oder E-Bike, will dies mit dem unbedingtem Willen eines quengelnden Kleinkindes:nämlich gleich und sofort. Sparen und sich in Geduld oder sogar gänzlichem Verzicht üben, scheinen komplett aus der Mode gekommen zu sein . Stattdessen kauft man heute gern mit Kontokorrent oder eben auf „Pump“. Verbrauchsgüter werden also finanziert und Investitionen vernachlässigt. Der bis vor einiger Zeitnoch kritisierte Konsum wird immer mehrsalonfähig und auch angeregt.

Hochwertige Lebensmittel vs. großer Fernseher

Heutzutage will man alles, aber bitte im bezahlbaren Rahmen. Ist dies nicht der Fall, soll die Gemeinschaft für die Kosten „einspringen“. Wie wäre es, neue Schwerpunkte bei den eigenen Ausgaben festzulegen? Weg vom teuren Handyvertrag und hinzu hochwertigen Lebensmitteln. Es sollen Bio-Avocados (mit ausgeblendetem Co2-Abdruck), Kartoffelbrei aus der Tüte (Schälen, Kochen, Stampfen – schon viel zu mühsam) und „richtiger“ Joghurt sein . Und zwar von glücklichen Kühen, mit entkernten Früchten und dem Geschmack aus dem Labor. Der große Fernseher darf aber unter anscheinend teuren Nahrungsmitteln nicht leiden.

Alles hat seine Grenzen, oder etwa doch nicht?

Alles muss mittlerweileunmittelbar und überall verfügbar sein. Doch wer etwas bestellt, sollte dies auch bezahlen können. Ein „Ich will“ allein reicht hier nicht aus und erinnert bloß an ein naivesKindsverhalten, das vielen Eltern hinreichend bekannt ist. Aber meisterliche Leistungen, nicht nur im Handwerk, haben nun mal ihren Preis. Das sind Grenzen, die in einer freiheitlichen Gesellschaft so gesetzt sind. Akzeptieren statt Lamentieren heißt die Devise. Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass, wenn man nur laut genug schreit, der „pampernde“ Staat schon wieder einspringen wird . Ein Beispiel: Wir wollen vegane Würstchen mit dem Geschmack von Fleisch. Die Natur setzt hier also Grenzen, diejedoch durch die Zugabe von diversen „E‘s“ einfach umgangen werden.

Kein persönliches „Wünsch‘ Dir was“ möglich

Aktuell äußern nicht nur Unternehmer ihre Bedenken, dass in der Realität nun mal den individuellen Wünschen und Träumen Grenzen gesetzt sind. Diese Warnungen sollte man auch ernst nehmen. Denn hier geht es nicht um ein angestrebtes Mandat, sondern um relevante Sorgen über die Zukunft (und zugleich die Finanzierung) unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Auch wenn der Blick über den Tellerrand schmerzhaft sein kann, sollte man ihn dennoch wagen. Der Staat hat nicht die Aufgabe, jedem sein persönliches „Wünsch‘ Dir was“ zu erfüllen. Es gab zwar schon Formen, wo den Bürgern dies versprochen wurde, aber letztendlich konnte der Beweis doch nie angetreten werden.

Kurzer Rückblick in die Vergangenheit

Lassen Sie mich dies an einem Bild verdeutlichen: Erinnern wir uns an die Zeit, in der es zwei deutsche Staaten gab. Es wäre vermessen zu behaupten, dass die eine oder andere Seite bessere Ingenieure hervorgebracht hat. Anspruch und Qualität von Ausbildungen waren durchaus vergleichbar , dennoch waren die Produkte und deren Beliebtheit recht unterschiedlich. Auf der einen Seite gab es Autos mit Zweitaktmotor, auf der anderen war die Auswahl dagegen etwas breit gefächerter. Know-how allein reicht nicht, es braucht auch offene Märkte für Ein- und Verkauf von Produkten. Kritische Stimmen gab es auf beiden Seiten, der Umgang damit unterschied sich dennoch. Ich frage mich (zusammen mit dem Autor Roland Baader), warum viele Künstler dies ausgeblendet haben. Beide Staaten hatten Grenzen, die Grenzübertritte wurden jedoch unterschiedlich geregelt. Auch die Gendersprache stößt heute an Grenzen, wo die Realität konforme Kleidung vorschreibt…

Gehen Sie wählen!

Der Staat und das gesellschaftliches Zusammenleben sollten nicht die Kulisse für „Wünsch‘ Dir was“ und ent-grenzte (egoistische) Menschen sein. Wer zwischen Freiheit und Bevormundung wählen will, kennt und akzeptiert auch seine eigenen Grenzen. Bei der Wahl bestimmt jeder mit, in welche Richtung es gehen soll. Daher: Gehen Sie wählen!