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Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: In Ausnahmesituationen wie der Hochwasserkatastrophe braucht es keine Bürokratie

Die Bilder aus den Hochwasserregionen zeigen eindrücklich, wie fragil unsere scheinbare Sicherheit und geplante Tagesabläufe sein können. Die Bevölkerung beweist aber auch, dass sie in der Not zusammenrückt und gemeinsam den Wiederaufbau bestreitet. Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg, blickt in der aktuellen Folge von "Neues von der Werkbank" auf die Geschehnisse der letzten Wochen zurück und fasst zusammen, wie unsere Bürokratie von überraschenden Ereignissen überrollt wird.

Themenseite: Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann

Das Hochwasser weicht allmählich und die Aufräumarbeiten gehen voran, während die Warnungen von der Flutkatastrophe aus dem Jahr 2012 noch immer unreflektiert in den Schubladen schlummern.

Von Naturkatastrophen und Pandemien

In der Bundestagsdrucksache 17/12051 vom 03.01.2013 wird auf 88 Seiten ein Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012 abgegeben. Es geht um „Extremes Schmelzhochwasser aus den Mittelgebirgen“ und einer „Pandemie durch Virus Modi-SARS“. Und wir alle haben, ohne wahrscheinlich den Bericht jemals gelesen zu haben, unter derartigen Stichworten abrufbare Bilder im Kopf. Meiner Meinung nach sind wir erneut an einem Punkt angekommen, wo wir uns eingestehen müssen, dass Papier nicht von Verantwortung und zugleich auch Umsetzung mancher Erkenntnisse entbindet. Sicherlich ist es aktuell müßig, darüber zu diskutieren, ob die Ausmaße von Naturkatastrophen und Pandemien komplett verhindert werden können. Der Gedanke aber, ob vorheriges Handeln bestimmte Szenarien abfedern kann, muss erlaubt sein.

Nach der Flut kommt die Hilfe

Wie auch die Pandemie, kam die Flutkatastrophe rücksichtslos und überraschend, ohne Einhaltung von Dienstwegen oder Bearbeitungszeiten. Meine ganz persönlichen Helden sind daher die Macher. Landwirte, Handwerker, „Blaulichter“ und Menschen, die landesweit kamen, um zu helfen. Es sind die „Anpacker“ vor Ort, die vor den Trümmern ihrer Existenz, ob Wohnhaus oder Betrieb, Lebensgrundlage oder Lebenswerk, standen und doch nicht aufgeben haben. Traktoren, Baumaschinen, Lebensmittel, grundlegende Dinge des täglichen Bedarfs, wie auch Tierfutter strömten und strömen noch immer auf unterschiedlichen Wegen in Richtung der Katastrophengebiete. Und mit ihnen viele, viele Menschen, die einfach mit anpacken. Diese Selbstverständlichkeit des Miteinanders und des Helfens macht mich sprachlos.

Helden des Alltags

Unsere Landwirte, deren Erwerbsleben nicht nur aufgrund von Wetterkapriolen und unzähligen Regularien kein „Zuckerschlecken“ ist, lassen es sich nicht nehmen, zu unterstützen, wo und wie es nur geht. Auch Handwerker machen sich mit Fahrzeugen und Ausrüstung auf den Weg um anderen zu helfen. Dann wären da noch die vielen Gliederungen der „Blaulichter“, die, meist ehrenamtlich, ihre Freizeit und oft auch ihren eigenen Geldbeutel in den Dienst der Mitmenschen (auch wenn das Wort antiquiert erscheinen mag) stellen. Und nicht zuletzt, die vielen namenlosen Bürger, die durch Geld- und/oder Sachspenden versuchen Not und Elend bestmöglich zu lindern. Allesamt sind das die Helden des Alltags.

...und doch denkt so manch einer nur an sich

Hilfe gibt es hier unmittelbar und vor Ort. Der Einsatz erfolgt unbürokratisch und ohne der vorab gestellten Frage nach einer möglichen Spendenbescheinigung oder steuerlichen Absetzbarkeit. Die Landwirte und ihre Schlepper wurden freudig begrüßt, auch der Diesel war wertgeschätzt. Ganze Familien machten sich auf den Weg, um Kollegen zu helfen. Der Zusammenhalt war und ist förmlich greifbar. Darum ist es in meinen Augen keineswegs nachvollziehbar, dass zur gleichen Zeit ein Bäcker, der seine Produktion ausweitete, sich dem Vorwurf der Ruhestörung seitens seiner Nachbarn ausgesetzt sah. Traurig, dass die Ich-Bezogenheit auch in solchen Zeiten noch von dem ein oder anderen gepflegt werden muss.

Was wir jetzt tun können

Aber auch wir, die wir zuhause bei Wasser und Strom sitzen, sind nicht ohne moralische Verpflichtung. Ob und wie wir helfen (können), muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir sollten aber in unserer unmittelbaren Umgebung dafür sorgen, dass die oft zitierte „Wertschätzung“ von Ehrenamt und Handwerk spürbar bleibt. Setzen wir uns in den Kommunen für eine gute Ausstattung und Ausrüstung der Hilfsorganisationen ein. Egal, ob dies Kostenübernahmen bei Hepatitis-Impfungen oder die Bereitstellung von Materialien sind. Erinnern wir an das stete Engagement vieler Familienbetriebe in Vereinen sowie diverses Sponsoring. Organisieren wir Sandsäcke, bevor wir eine „Sprachpolizei“ installieren. Bundesdrucksachen, Betroffenheit und „Dinge mitnehmen“ stoßen dort an Grenzen, wo Handeln gefragt ist. Halten wir die Bilder an „abgeschaffte“ und „verschlammte“ Menschen wach. „Journalistentourismus“ mit Schlamm-Make-Up oder Charity-Poser stehen Helfern im Weg, während die Bundesdrucksache in der Schublade weiter schlummert…


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