Studie zum Unternehmertum Gründergeist, Selbstverwirklichung und positives Unternehmerbild: „Wir erleben eine Zeitenwende!“

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Zukunftsperspektiven im Handwerk

Wie bewertet die Bevölkerung die Rolle des Unternehmers? Zwei, die es wissen müssen, sind Dr. Konrad Weßner und Karl Matthäus Schmidt. Beide haben kürzlich eine repräsentative Studie dazu vorgelegt – mit überraschenden Ergebnissen.

Dr. Konrad Weßner und Karl Matthäus Schmidt
Dr. Konrad Weßner (re.), Geschäftsführer von puls Marktforschung, und Karl Matthäus Schmidt, Chef der Quirin Privatbank und Gründer von quirion. – © Simeon Johnke
handwerk magazin: Herr Weßner, Sie haben jüngst in einer repräsentativen Studie das Unternehmertum in Deutschland untersucht. Mit welcher Erkenntnis hätten Sie so nicht gerechnet?

Konrad Weßner: Mich haben drei Erkenntnisse überrascht. Erstens das große Inte­resse der nachrückenden Generation am Unternehmertum und am Gründen – es ist fast schon ein Gründergeist, der sich da entwickelt. Zweitens die neuen Motive: Unternehmertum und Selbstverwirklichung verschwimmen mittlerweile. Und drittens das positive Unternehmerbild in der Bevölkerung. Die alten Klassenkampfzeiten scheinen vorbei zu sein.

Herr Schmidt, können Sie als Gründer und Unternehmer im Finanzwesen sowie Studien-Initiator dem beipflichten?

Karl Matthäus Schmidt: Ja, das kann ich. Mich hat beeindruckt, dass Unternehmer heute so ein positives Image haben und dass anerkannt wird, wie stark das Unternehmertum für unseren Wohlstand verantwortlich ist. Das hat mich schon sehr gefreut. Zudem finde ich den Wandel bei den jungen Menschen eine geniale Geschichte. Viele, auch mein 21-jähriger Sohn, träumen heute von Start-ups. Wir erleben gerade eine Zeitenwende.

Eine Zeitenwende – um das Unternehmertum ist es also hierzulande nicht allzu schlecht bestellt …

Schmidt: Laut unserer Studie sagen 85 Prozent der Befragten, unser Land braucht Unternehmertum. Für 78 Prozent tragen Unternehmer zum Fortschritt respektive 75 Prozent zu Wohlstand und Arbeitsplätzen in Deutschland bei. Und immerhin noch 65 Prozent ­sagen, dass Unternehmer ein höheres ­Risiko eingehen würden und deshalb auch mehr verdienen dürfen. In der ­Dichte und Deutlichkeit hätte ich das nicht erwartet.

Was sind laut Ihrer Studie die Haupt­motive für berufliche Selbstständigkeit?

Weßner: Das Motiv, sich selbst und seine Ideen und Ziele zu verwirklichen, aber auch die Welt ein bisschen besser zu machen, ist auf jeden Fall mindestens gleich gewichtet mit dem Thema Geldverdienen. Also sind stark idealistische Motive für das nachrückende Unternehmertum festzustellen. Und das ist ja auch gut so. Ein alter Spruch dazu: Die Lust am Dienen kommt eben vor dem Verdienen. Gewinnmaximierung ist demnach kein Selbstzweck.

Schmidt: Mich haben die negativen Aspekte des Unternehmertums verblüfft, die die Befragten nannten: einerseits der Fachkräftemangel und andererseits das Thema Bürokratie. Von beidem wissen Ihre Leser ja ein Lied zu singen. Dass das Thema Bürokratie so weit oben im Bewusstsein der Bevölkerung angesiedelt ist und die Menschen frustriert, hat mich in der Deutlichkeit schon überrascht.

Weßner: Vor allem bei Personen, die selbst noch gar keine Unternehmer sind.

Was sind die größten Ängste vor dem Unternehmerdasein?

Schmidt: Das persönliche Scheitern und die Verschuldung. Doch auch hier rangiert die Bürokratie ganz weit oben.

Herr Schmidt, Sie haben ja eben Ihren 21-jährigen Sohn angesprochen. Können Sie als jemand, der selbst früh gegründet hat, nachvollziehen, dass vor allem in der Generation Z ein Gründergen steckt?

Schmidt: Zunächst freut mich dieser Wandel: Gut jeder Zweite der Generation Z und immerhin noch jeder Vierte aller Befragten kann sich heute eine Selbstständigkeit vorstellen. Und ja, den Antrieb, die Welt ein bisschen besser zu machen, stelle ich auch definitiv bei meinem Sohn fest. Dazu kommt, dass die Start-up-­Kultur aus den USA mittlerweile auch im eher konservativen Deutschland hoffähig wurde und die Attraktivität von Großkonzernen in Sachen Selbstverwirk­lichung abgenommen hat. Und auch die Universitäten sind heute anders drauf und praxisnäher.

Ihre Studienergebnisse legen nahe, dass es ohne den Purpose, sprich die Sinnhaftigkeit, schwer wird, die Mitarbeiter mitzunehmen?

Weßner: Im Handwerk steckt deutlich mehr Purpose, als das oftmals nach außen erlebbar gemacht wird. Der Handwerksunternehmer sollte deshalb viel stärker sein Gesicht als Unternehmer und seine Haltung zeigen. Nach dem Motto: Das biete ich meinen Kunden und der Gesellschaft! Dadurch spricht er automatisch auch interessierte Mitarbeiter an, die diese Erwartungshaltung nach der Sinnhaftigkeit mitbringen. Doch Vorsicht: bitte kein „Greenwashing“! Ich sehe aber eher die Tendenz, dass man sich zu schlecht als zu gut verkauft.

Schmidt: Basics wie faire Bezahlung und Mitgestaltungsmöglichkeiten gehören natürlich ebenso dazu. Auch über eine unternehmerische Komponente wie eine Jahresprämie könnte man sich unterhalten.

Welche Stellschrauben sollte ich als Handwerksunternehmer jetzt sofort neu justieren?

Weßner: Das reicht von Unternehmertum und unternehmerischer Atmosphäre im Betrieb über das Zulassen von Fehlern – das Scheitern gehört eben dazu – bis hin zu festen Zeiten und Teams, die an Ideen und Innovationen arbeiten. Dazu gehört aber auch, dass man Gründungen fördert oder sich an Start-ups beteiligt, man ­Ideen prämiert und ehrliche Feedbacks gibt – als großer Teil der Wertschätzung. Und die ist ganz wichtig.

Last but not least: Sie haben auch die Unternehmer-Vorbilder abgefragt. Wer kommt am besten weg?

Schmidt: Leider rocken die amerikanischen Vorbilder wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Bill Gates die Ranglisten. Die Per­sönlichkeiten aus Deutschland finden sich erst weiter hinten – am ehesten werden Wolfgang Grupp und Dirk Roßmann als Vorbilder genannt. Interessant finde ich jedoch, dass ein Unterhaltungsformat wie „Die Höhle der Löwen“ einige Vor­bilder nach vorne gespült hat. Auch diese Showformate scheinen das Unter­nehmerbild positiv zu verändern.

Herr Weßner, Herr Schmidt, vielen Dank für das Gespräch!

Hintergrund zum Studiendesign

Für die Studie „Unternehmertum in Deutschland“ hat das Unternehmen von Dr. Konrad Weßner, die puls Marktforschung GmbH aus Schwaig bei Nürnberg, im Oktober 2021 2.699 Personen in Deutschland online befragt – nach repräsentativer Verteilung hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bundesland. Karl Matthäus Schmidt, CEO der Quirin Privatbank und Gründer von quirion, ist mit seinen Unternehmen Partner der Studie.