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Europa: „Die Industrie bestimmt die Ausbildung“

Daniel Calleja Crespo will ein modernes Handwerk entwickeln, das in der Lage ist, die digitalen Technologien erfolgreich zu nutzen. Ein Interview mit dem für KMUs verantwortlichen Direktor der EU-Kommission.

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Die Flure dieses Brüsseler Verwaltungsgebäudes entsprechen genau der Vorstellung, die man von einer Behörde hat: schmal, endlos, in grünes Neonlicht getaucht und seit zig Jahren renovierungsbedürftig. Die zimmerbreite Fensterbank im Büro des Generaldirektors zieren Modelle von Verkehrsflugzeugen, die sich Daniel Calleja Crespo von einer seiner früheren Tätigkeiten mitgebracht hat. Die Fenster geben einen schönen Blick über ein an diesem Tag allerdings trübes Brüssel frei.

Deutschland rangiert in Europa unter den Ländern mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeit. Wie stark liegt die Ursache dafür im deutschen System der beruflichen Ausbildung, in den hohen Ausbildungsstandards im Handwerk, der Meisterpflicht und der dualen Ausbildung?

Daniel Calleja Crespo: Ausbildung und Fertigkeiten sind sehr wichtige Faktoren, wenn es um die Reduzierung der Arbeitslosigkeit geht. Es gibt hier sogar einen direkten Zusammenhang. Die Länder mit den besten Ausbildungs- und Qualifikationssystemen sowie der besten beruflichen Ausbildung verfügen über die geringste Arbeitslosigkeit. Für uns ist das ein Schlüsselbereich unserer Industriepolitik und Wirtschaftsstrategie. Damit unsere Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, braucht Europa Industrie. Damit Europa wettbewerbsfähig bleibt, brauchen wir Industrie. Industrie basiert auf Zugängen zu Ressourcen, Zugängen zu Märkten, auf Innovation, auf Ausbildung, Fähigkeiten und beruflichen Qualifikationen.

Was heißt das konkret?

Das deutsche System der dualen Ausbildung, das es aber auch in Österreich gibt, ist ein Schlüsselelement des deutschen Erfolgs und der deutschen Industriemacht. Sechzig Prozent der Menschen mit einer dualen Ausbildung arbeiten in anderen Bereichen der Industrie. Das ist wichtig, um in Europa eine starke Industrie zu behalten. Wir haben das Ziel, dass 20 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts bis im Jahr 2020 aus der Industrie kommt. Deshalb ist es notwendig, dass Ausbildung und Qualifikationen möglichst stark und ausgeprägt sind.

Ist das deutsche Ausbildungssystem ein Vorbild für andere europäische Staaten?

Ich weiß, dass es bewundert wird. Ich weiß, dass viele sich daran orientieren. Und ich weiß, dass sich sehr viele dafür interessieren. Seit einigen Jahren – auch bedingt durch die Krise – schauen viele Länder auf Deutschland. Einige meiner spanischen Freunde gingen nach Deutschland, um mehr über das Ausbildungssystem zu erfahren. Das deutsche System der beruflichen Ausbildung hat seinen Wert unter Beweis gestellt.

Viele deutsche Handwerksunternehmer sind besorgt, dass diese Standards der Ausbildung auf Dauer durch EU-Vorgaben nicht erhalten bleiben können. Haben sie Grund dazu?

Es gibt keinen Grund besorgt zu sein. Die EU arbeitet daran, die Ausbildung und die Qualifikationsmöglichkeiten zu stärken. Und wir wollen vor allem die Verbindung zwischen Ausbildung und Wirtschaft stärken. Das ist der Kern des deutschen Ausbildungssystems. Und darin liegt auch der zentrale Grund für den Erfolg der beruflichen Ausbildung. Wir wollen, dass alle europäischen Staaten diese Verbindung verstärken. Wenn man Menschen entsprechend der Bedürfnisse der Wirtschaft und der Industrie ausbildet, dann wird man wesentlich erfolgreicher neue Arbeitsplätze schaffen. Wenn die Ausbildung Fähigkeiten produziert, welche Industrie und Wirtschaft nicht benötigen, dann sollte man nicht überrascht sein, wenn zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft und den Unbeschäftigten Lücken entstehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir schätzen, dass in den kommenden Jahren nicht nur an den Universitäten, sondern hauptsächlich in der Wirtschaft ein Defizit von einer Million Arbeitsplätzen entstehen wird. Und zwar in den Bereichen Informationstechnologie, Wissenschaft, Technik und Ingenieurswesen. Wie kann das sein, dass eine Million Stellen unbesetzt sind und gleichzeitig in einigen Ländern der EU 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit herrscht? Die Antwort: Die Verbindung zwischen dem Ausbildungssystem und den Bedürfnissen der Wirtschaft muss deutlich ausgebaut werden. Und Deutschland war darin – allerdings nicht nur darin – sehr erfolgreich. Und das nicht erst seit Kurzem, sondern bereits seit vielen Generationen. Das ist die Basis für den Erfolg.

Wie möchte die EU diese Verbindung stärken? Kann man einzelne Schritte zu diesem Ziel beschreiben?

Der erste Schritt ist, die Bedürfnisse der Wirtschaft zu erkennen, damit wir wissen, welche Berufe und welche Qualifikationen in der Zukunft von der Wirtschaft stark nachgefragt werden. Im zweiten Schritt soll die Wirtschaft stärker in die Ausbildung integriert werden. Der dritte Schritt wird sein, die Wirtschaft so mit dem Ausbildungssystem zu verbinden, dass sie zusammenkommen und wir sehen, dass die Bedürfnisse auch berücksichtigt werden.

Wie sieht der Arbeitskräftebedarf in Europa in Zukunft genau aus?

Das ist nicht einfach abzuschätzen. Aber wir sehen Informationstechnologie, Handwerk, handwerkliche und industrielle Produktion sowie in technischen Bereichen das Ingenieurswesen. Insgesamt ist die industrielle digitale Revolution ein großes Thema. In Deutschland wird das als Industrie 4.0 bezeichnet: die Verbindung von industriellen Prozessen mit der digitalen Welt. Andererseits sehen wir auch eine Herausforderung darin, modernes Handwerk zu entwickeln, das in der Lage ist, ebenfalls die digitalen Technologien zu nutzen.

Kleine und mittlelgroße Firmen haben hier einen großen Nachholbedarf?

Selbstverständlich, kleine und mittlere Firmen sind das Rückgrat der Wirtschaft. Und diese kleinen und mittleren Firmen haben mehr Schwierigkeiten als die großen Unternehmen. Eine unserer großen Herausforderungen ist es, den kleinen und mittelgroßen Firmen (KMUs) zu helfen, sich stärker mit der digitalen Welt zu verbinden. Es geht hier um eine digitale Agenda für KMUs, es geht um größere Fähigkeiten, mehr Ausbildung und traditionelle Berufe. Große Unternehmen haben dafür die Mittel. Wenn Sie ein kleines Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern haben und täglich dafür sorgen müssen, dass die Geschäfte laufen, ist es sehr schwierig, die Zeit und die Mittel aufzubringen, um das Team und sich selbst weiter zu qualifizieren. Deshalb ist es wichtig, dass KMUs hier Unterstützung bekommen und dass es Ausbildungssysteme gibt, die das erlauben. Grundsätzlich gilt: Je ausgebildeter Arbeitnehmer sind, desto zufriedener sind sie. Und je zufriedener sie sind, desto produktiver sind sie und desto größer ist ihre Bereitschaft zu lernen und neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Und das ist erfolgskritisch, dass die Zukunft von Europa vom Grad der Innovation abhängt. Ohne hohe Qualifikation keine Innovation.

Was können die deutschen Handwerksverbände tun, um deutlich zu machen, dass der deutsche Meisterbrief kein Protektionismus deutscher Märkte ist?

Der Meisterbrief steht nicht zur Debatte. Was die EU-Kommission erreichen möchte, ist ein starkes System von beruflicher Ausbildung und beruflicher Qualifikation in ganz Europa, welches Industrie und Ausbildung miteinander verzahnt und dafür sorgt, dass die Qualifikationen steigen. Überall in Europa werden die Ausbildungssysteme überprüft – nicht mit dem Ziel, die existierenden und funktionierenden Strukturen zu zerstören, sondern um zu sehen, ob das System gut funktioniert, ob es verbessert oder modernisiert werden muss. Das ist eine Aufgabe, die in allen Ländern der EU getan werden muss. Wir sind im Gespräch mit allen Ländern. Hier gibt es bereits Vorschläge einzelner Länder.

Vita: Daniel Calleja Crespo

Daniel Calleja Crespo ist seit Februar 2012 als Generaldirektor bei der EU in Brüssel für Unternehmen und Industrie mit Schwerpunkt kleine und mittelgroße Unternehmen zuständig und berichtet direkt an den Wirtschaftskommissar Jyrki Katainen. Davor war der Jurist Direktor für Luftfahrt der EU-Kommission und Kabinettssvorsitzender des Vize-Präsidenten der Europäischen Union.

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