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Start-ups und Gründer Erfolgstipps: So gründen Sie in der Krise trotz Coronavirus

Wer aktuell seine Geschäftsidee in die Tat umsetzen möchte, bekommt womöglich Muffensausen. Mit gutem Grund. handwerk magazin sprach mit jungen Unternehmern über ihre Krisenerfahrungen und mit Betriebsberatern, welche Lehren künftige Start-ups daraus ziehen.

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Wenn die Münchnerin Lea Zapf morgens um 6 ihr Standl am Münchner Viktualienmarkt aufschließt, huscht ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. Sie hat es geschafft, ihre Patisserie direkt an der Frauenstraße zu eröffnen, und das mitten in Corona-Zeiten. Seit vier Wochen läuft der Betrieb und täglich kommen bis zu 250 Menschen an ihre Theke, um die wunderschön verzierten Törtchen zu kaufen oder direkt vor Ort zu genießen. Lea Zapf reicht dazu fair produzierten Kaffee aus Äthiopien, selbstgemachte Eistees und Limonaden. „Im Moment fällt mir lediglich die Kalkulation schwer, wie viel ich produzieren muss“, schmunzelt die frischgebackene Jungunternehmerin, an manchen Tagen war die Vitrine zu schnell leer, so groß war der Ansturm kurz nach dem Start Anfang Juni. Auch war sie recht schnell auf der Suche nach 450-Euro-Kräften, die sie an der Theke entlasten, während sie feinste Patisserie-Ware aus dem Ofen holt und später liebevoll dekoriert. Was sie anpackt, macht Lea Zapf richtig und mit Herzblut, schließlich sollen sich die Leute bei ihr wohlfühlen. Ihre Leckereien stellt sie vorwiegend aus regionalen Zutaten her. Überdies kommt ihr keine Backware vom Vortag auf den Tisch. „Was am Abend übrig ist, verschenke ich“, erklärt die Konditormeisterin. Qualität ist ihr wichtig.

Verunsicherung durch Lockdown

Geplant hatte die junge Gründerin ihre Geschäftseröffnung bereits für den 1. April, doch kurz vorher kam der Lockdown und mit ihm eine Art Schockstarre in der Wirtschaft. „Corona führte auch in der Gründer- und Start-up-Szene zu Riesen-Verunsicherung“, bestätigt Jannis Gilde vom Bundesverband Deutsche Startups. Doch die Ruhe währte nur kurz. Die Krise beflügelt den Gründergeist junger Menschen, ergab etwa eine aktuelle YouGov-Umfrage im Auftrag des Technologieunternehmens TransferWise. Demnach wurde jeder vierte junge Mensch in Deutschland durch die Krise zu einer Gründung inspiriert. Im Gegensatz dazu ging das Suchaufkommen auf Job-Plattformen in Corona-Zeiten um 25 Prozent zurück, ermittelte die Wirtschaftswoche.

Gründerzahl bleibt konstant

Dass Gründer keineswegs kapitulieren, bestätigt sich auch in den Regionen: Laut Maximilian Zimmermann, Betriebsberater der Handwerkskammer Koblenz, ist das Beratungsaufkommen rund um Koblenz nicht zurückgegangen. „Wir haben zwischen Januar und Juni sogar einige Gespräche mehr mit potenziellen Gründern geführt als im Vorjahreszeitraum“, berichtet der Experte. Auch Gründungen und Gewerbeanmeldungen hätten sich gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 kaum verändert. Gleiches spiegeln die Zahlen der KfW-Förderbank für das Bundesgebiet wider: Fritzi Köhler-Geib, Chef-Volkswirtin der Bank, erwartet sogar mehr Neugründungen als 2019. Die Planungsquoten seien höher als noch im Vorjahr – bereits da hatte die Anzahl der Gründungen erstmals seit fünf Jahren wieder angezogen. Mit ein Auslöser für mehr Gründungen 2020 könnte die steigende Arbeitslosigkeit sein, hervorgerufen durch die wirtschaftlichen Einbrüche in Pandemiezeiten. Zimmermann merkt aktuell noch nichts: „Das werden wir frühestens ab Herbst spüren, sollten Firmen Mitarbeiter entlassen“, glaubt er. Im Moment registriert er lediglich, dass bei ihm weniger Friseure, Kosmetikerinnen, Bäcker, Metzger – generell handwerkliche Gründer mit Ladengeschäft – seine Beratungen nachfragen. „Körperlicher Kontakt macht die Gründer vorsichtig“, sagt er. Generell seien Vorhersagen, wie sich die Krise auf das Gründungsgeschehen auswirkt, eher schwierig. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) will relevante Zahlen voraussichtlich im September vorlegen.

Gründer brauchen Langmut

Dass ihre Eröffnung durch den Corona-Lockdown verschoben werden musste, trug die junge Konditormeisterin Zapf mit fast stoischer Gelassenheit: „Ich wollte ohnehin schon viel früher starten, doch erst musste der Umbau des Standes beendet werden.“ Allein das dauerte deutlich länger, als sie ursprünglich gedacht hatte. Ihr ging es wie vielen jungen Leuten, die mit eigener Geschäftsidee durchstarten möchten: Vieles läuft auch in normalen Zeiten nicht nach Schema F. Etwa dauerte es, bis der Starkstromanschluss für den Ofen verlegt war, was den Fertigstellungstermin neben anderen Problemen Woche um Woche verzögerte.

Glück im Unglück, dass sie den Stillstand glimpflich überstehen konnte: Die Stadt erhob für das noch nicht fertig modernisierte Markt-Standl noch keine Mieten, auch hatte sie noch keine Einkäufe zu tätigen. Andererseits gingen ihr drei Monate Umsatz flöten, die sie durch eine frühere Eröffnung hätte haben können. Denn der KfW-Gründerkredit, den sie für Ofen, Kühlgeräte, Kaffeemaschine und Co. aufnehmen musste, lief bereits, die Bank erhob dafür Bereitstellungszinsen. Da kam die Corona-Soforthilfe zur rechten Zeit, um zumindest das Nötigste aufzufangen. Lea Zapf lässt sich einfach nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

Zweiter Lockdown im Hinterkopf

Auch geht sie mit der Ungewissheit, wie es mit der Pandemie weitergeht und mit einem möglichen zweiten Lockdown pragmatisch um: „Bei mir können sich die Gäste glücklicherweise im Freien aufhalten, und notfalls muss ich meine Ware ausliefern“, sagt sie. Die junge Frau freut sich, dass die Standbesitzer auf dem Viktualienmarkt durch die Krise zusammengewachsen sind und sich gegenseitig unterstützen, wo es geht. „Nebenan haben sie einen Lieferdienst aus dem Boden gestampft, da könnte ich mich eventuell anschließen.“ Über noch etwas freut sich Zapf: Als Konditorin sei sie systemrelevant: „In der Krise mögen die Menschen Süßes.“ Das kommt ihr zugute.

Andere Gründer meistern die Situa­tion in diesen Tagen ebenfalls mit Sachverstand und Flexibilität. Der Braumeister Benjamin Saller (34) hatte eigentlich vor, seine Mikrobrauerei mit Bierausschank im Münchner Stadtteil Au im September zu eröffnen. „Jetzt wird wohl November draus“, meint der Jungunter­­nehmer und zuckt mit den Schultern. Er nennt sein Bier BrewsLi (Wortspiel in Anlehnung an den Schauspieler Bruce Lee, brew steht englisch für brauen, S für Saller, Li für den Namen seiner Frau – Saller ist übrigens Halbasiate) und will künftig acht Sorten am neuen Geschäftsstandort ausschenken. „Corona war nicht so einschneidend für mich, ich habe ohnehin in den letzten Jahren sehr bescheiden gelebt, weil ich schon während des Studiums jeden Cent für das Projekt gespart habe“, erklärt Saller. Zudem besorgte er sich ein Darlehen bei der Bank.

Corona: Jetzt erst recht

Ob er den Kopf in den Sand gesteckt habe? „Ganz und gar nicht“, sagt er. „Ich kann nach wie vor gut schlafen, aber es braucht eine große Portion Mut für so ein Vorhaben.“ Seine kaufmännische Ausbildung und sein Universitätsabschluss im Fachbereich Brauwesen waren entscheidend für dieses Großprojekt. „Wussten Sie, dass es den akademischen Grad Braumeister seit 1899 gibt? Und er ist international anerkannt“, betont Saller stolz. Einmal mehr zeigt dies, wie wichtig eine solide Ausbildung gerade für Gründer ist. Auch er hat Soforthilfe beantragt. Im Moment wartet Saller auf seine Gärtanks. „Die werden in Fernost hergestellt und die Lieferung verzögert sich“, sagt der junge Diplom-Braumeister.

Als Nachfolger ins Geschehen

Härter traf es diejenigen, die ihr Geschäft kurz vor der Corona-Krise eröffnet hatten – wie etwa Optikermeister Silvio Flemmig und seine Frau Melanie. Die beiden hatten den Brillenladen in der Innenstadt von Metzingen in Baden-Württemberg im Januar 2019 vom Vorgänger übernommen. Just im Februar waren sie mit Digitalisierung und Runderneuerung der beiden Messräume fertig. Vorteil für Pandemie-Zeiten: Seither laufen Vorsorgescreening oder Gesichtsfeldmessung weitgehend kontaktlos. „Das hilft uns jetzt ungemein“, so Flemmig, gibt aber zu, dass die Krise ihn und seine Frau hart trifft. Im April hatte er 70 bis 75 Prozent Umsatzeinbußen. Obwohl er die Werkstatt offen halten konnte und, wie er es nennt, „Muss-Brillen“ weiterhin anfertigte. Allerdings fehlten die spontanen Lustkäufe der Laufkundschaft in der Fußgängerzone. Schweren Herzens schickte das Unternehmerpaar seine Belegschaft – fünf Mitarbeiter und einen Lehrling – bereits im April in Kurzarbeit und erar­beitete einen Liquiditätsplan, um die Corona-Soforthilfe zu beziehen.

Gut verhandelt mit der Bank

Zudem beantragten die beiden einen KfW-Kredit zur Existenzsicherung, um Liquiditätsengpässe bis Jahresende zu vermeiden. Doch dafür hätten sie eine Betriebswirtschaftliche Auswertung und drei Bilanzen vorlegen müssen. „Wir waren zu kurz am Markt und bekamen den Kredit nicht bewilligt“, bedauert Flemmig, gab aber nicht auf: Sie verhandelten mit der Bank und erreichten eine Ausnahme: „Sie gab einer sechsmonatigen Aussetzung der Rückzahlung für bestehende Kredite statt, die auf die Restlaufzeit draufgerechnet wird“, so Flemmig.

Die Möglichkeiten zu Steuer- oder Sozialversicherungsstundung, die der Staat aufgrund der Corona-Krise gewährte, schöpften die Flemmigs nicht aus: „Uns war klar, die Kosten bleiben ja bestehen, fallen dann eben zu einem späteren Zeitpunkt an.“ Auch wirtschaften sie jetzt besonders sparsam, um die Vorauszahlungen ans Finanzamt stemmen zu können. Melanie Flemmig hat als Betriebswirtin mit Handlungsvollmacht die Zahlen fest im Griff und hält den Kontakt zum Steuerberater. Die Betriebswirtschaftliche Auswertung nimmt sie inzwischen monatlich vor, um die Liquidität im Blick zu behalten. „In normalen Zeiten würden wir das nur alle drei Monate erledigen“, sagt der Optikermeister. Besonders wichtig ist den beiden aktuell der Kontakt zu ihren Mitarbeitern. 10 bis 15 Prozent der Umsatzeinbußen entstanden den Flemmigs, weil sie während des Lockdowns niemandem kündigten. Stattdessen investierten sie in Fortbildung, verbesserte Kommunikation und in die Prozessabläufe im Geschäft. „Es war wirklich eine harte Zeit“, erinnert sich Flemmig, „aber wir haben einfach zusammengehalten.“ Er und seine Frau engagieren sich auch in der City-Initiative Metzingen. Hier bündeln Einzelhändler ihre Kräfte, um das Abwandern von Kundschaft zu Amazon und anderen Online-Dienstleistern zu verhindern. „Wir arbeiten zusammen, was Liefernetzwerk, Werbung und Social Media anbelangt, unterstützen gerade in diesen Zeiten das Kultur-Event ‚Metzingen macht Musik‘“, so der Geschäftsmann. „Etwa filmten wir Künstler in unseren Geschäfts­räumen und stellten auf diese Weise virtuellen Kundenkontakt her.“ Auch das ist in Corona-Zeiten wichtig.

Der Kundennutzen im Fokus

Wer mit dem Gedanken einer Gründung spielt, braucht eine Struktur, die alle relevanten Fragen und Maßnahmen abbildet. Dabei hilft das Canvas-Modell. Es eignet sich besonders, die eigene Geschäftsidee zu präzisieren und den Erfolg des Gründungsvorhabens zu sichern. Patrick Stähler, Inhaber von Fluidminds und Berater bei der gruenderplattform.de, rät Gründern zudem, ihr Geschäftsmodell in die Zukunft zu denken: „Wo wird Ihr Gewerk in zehn Jahren stehen? Achten Sie dabei besonders auf die Skalierbarkeit Ihres Geschäftsmodells.“ Dies bedeute beispielsweise, dass sich ein gründender Maler fragt, wie er dahin kommt, zehn Wände zu streichen, wo er bisher nur eine schaffte. Dafür sollten die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung genutzt werden. Stähler ist überzeugt: „Dies hilft dem Gründer und wirkt gleichzeitig dem Nachwuchsmangel entgegen“, denn Handwerk und digitales Arbeiten seien eine attraktive Kombination für junge Menschen.

Und er hat noch einen Tipp: „Gründer arbeiten häufig zu viel an ihrem Produkt, aber zu wenig an ihrem Nutzenversprechen für ihre Kunden. Und sie denken zu eng in ihrem Gewerk.“ Besser wäre es, über Produktivitätssteigerung nachzudenken, wie es beispielsweise im niederländischen Handwerk praktiziert werde. „Nutzen Sie Vorfertigungen, arbeiten Sie eng mit anderen Gewerken zusammen. Ein Isolierer kann beispielsweise mit einem Holzbauer große Effizienzgewinne realisieren. Denken Sie Ihre Leistung vom Kunden her – da steckt viel Optimierungspotenzial für junge Betriebe drin“, so Stähler.

Erfolg – auch in der Krise

Besonders in Krisenzeiten stellt sich die Frage: Sollte man jetzt von einer Gründung absehen? Alexander Hanatschek vom Kompetenzzentrum digitales Handwerk (KDH) winkt ab: „Es kann sich sogar genau jetzt lohnen. Krisen bergen große Chancen.“ Ähnlich sieht das Unternehmensberaterin Andrea Schneider von der Langner Beratung GmbH im baden- württembergischen Reutlingen: „Viele Handwerker sind gut durch die Pandemie gekommen, Probleme hatten lediglich Betriebe ohne großes Liquiditätspolster und ohne festen Kundenstamm.“ Betriebsberater Zimmermann bestätigt: „Einzelne Gewerkegruppen hatten Pro­bleme, insgesamt aber erwies sich das Handwerk gerade jetzt als sehr stabil.“ Schneider w arnt vor übertriebenem Optimismus: „Schwierig wird es eventuell für die, die im Firmenbereich oder im öffentlichen Sektor unterwegs sind.“ Wie klamm öffentliche Verwaltungen tatsächlich sind, wird sich ihrer Meinung nach erst in den kommenden Monaten bemerkbar machen. Generell rät sie nicht von einer Gründung ab: „Die Krisenzeit lässt sich bestens für Planungen nutzen.“

Sicherheitspuffer kalkulieren

Je nach Branche bedürfe es jetzt auch höherer Sicherheitspuffer als sonst. Zimmermann rät: „Je nachdem, ob es sich um einen Betrieb mit hohen Fixkosten handelt, etwa mit großen Ausgaben für Mieten, Personal, Materialeinkauf und Leasingverträge, muss man eben anders disponieren.“ Zwei bis drei Monatsumsätze in der Hinterhand seien auch zu normalen Zeiten kein Fehler. „Jetzt könnte man sogar noch um drei bis sechs Monate aufstocken“, findet Hanatschek. Auch rät er zu einer transparenten Liquiditätsplanung, die Risiken einkalkuliert. „Man muss die Entwicklungen verfolgen und sein Geschäftsmodell flexibel anpassen, aber das erwartet man auch von einem erfolgreichen Unternehmer“, so Hanatschek. Zimmermann betont: „Das unternehmerische Risiko bleibt unabhängig von der Pandemie.“

Staatliche Hilfen Nutzen

Zunächst vorweg: Start-ups wurden in der Krise durch staatliche Förderprogramme unterstützt, unter anderem mit dem Zwei-Milliarden-Start-up-Schutzschild des Bundes extra für Existenzgründer. Doch wie finanzieren künftige Gründerinnen und Gründer ihre Vorhaben? Experten wie Schneider, Zimmermann und Hanatschek verweisen aktuelle Gründer auf die klassischen Förderdarlehen von Bund und Ländern, die es zu günstigen Konditionen und mit einer Haftungsfreistellung von 80 bis 100 Prozent gibt. „Interessant sind die tilgungsfreien Anfangsjahre“, sagt Zimmermann. Die nutzte übrigens auch Konditorin Lea Zapf für ihre Patisserie in München.

Gründerzuschuss

Neben staatlichen Zuschüssen und IT-Fördertöpfen empfehlen Berater auch den Gründungszuschuss der Arbeitsagentur. Der richtet sich an Durchstarter, die aus der Arbeitslosigkeit kommen und noch 150 Tage Arbeitslosengeld beziehen. Zunächst sechs Monate wird der Zuschuss in Höhe des individuellen Satzes ausbezahlt. Zusätzlich gibt es 300 Euro, die im Anschluss für weitere neun Monate abgerufen werden können – unter bestimmten Voraussetzungen: Etwa muss der Gründer hauptberuflich tätig werden, Businessplan und die Stellungnahme einer fachkundigen Stelle vorlegen, z.B. der Handwerkskammer (siehe arbeitsagentur.de). Einen Haken gibt es: Der Zuschuss wird nicht so gerne an Handwerker ausbezahlt, die gute Jobaussichten haben. Einen Versuch ist es allemal wert.

Notgründungen ratsam?

Den sogenannten Notgründungen bescheinigt Hanatschek keine schlechten Aussichten, aber mit Vorbehalt: „Gründungen aus der Ar­beitslosigkeit heraus bedürfen genauso der Sorgfalt bei der Vorbereitung, der Markt stellt dieselben Anforderungen.“ Andrea Schneider sieht in der Praxis, dass solche Gründungen oft weniger fundiert seien, und argumentiert: „Auch wer aus der Arbeitslosigkeit gründet, muss eine Gründerpersönlichkeit aufweisen, damit das Vorhaben klappt.“

Genügend Vorlauf planen

Stichwort Vorlauf: Dafür sollte man ein bis zwei Jahre einkalkulieren. „Das geht nicht eben mal auf die Schnelle“, sagt Hanatschek, und die Fallbeispiele bestätigen dies. Lea Zapf begann bereits 2018 ihre Patisserie-Idee zu planen, der Bierbrauer Saller startete 2018 mit Businessplan, Probebrauerei im Keller seines Vaters und der Suche nach Geschäftsräumen, Optiker Flemmig arbeitete seit Anfang 2018 bei seinem Vorgänger, ehe er das Geschäft 2019 übernahm.

Die Profis sind sich einig: Wer jetzt gründet, sollte digital gut aufgestellt sein. „Da reicht eine Homepage mit einmalig zwei bis drei Social-Media-Posts eben nicht aus“, warnt Unternehmensberaterin Schneider. Sie plädiert für eine aktive Pflege, am besten durch den Inhaber oder einen Mitarbeiter. Dies binde Kunden und mache Angebote und Renommee publik.

Gründung Digital

Ebenfalls sollten Softwarelösungen für Kalkulation, Buchhaltung, ERP-Systeme und Cloud-Lösungen von Anfang an die Prozesse erleichtern. Hilfreich können auch Steuerberater sein. Stefan Wunram, Chefberater Strategische Entwicklung bei der Datev eG: „Vernetzte Lösungen helfen, Papierbelege und Medienbrüche zu vermeiden.“ Denn Unternehmen, die ihre Rechnungen digital versenden, erfüllen die Anforderungen von öffentlichen Auftraggebern, die künftig Rechnungen nur noch im Format
XRechnung annehmen. Beraterin Schneider plädiert dafür, dass der Chef Herr über seine Zahlen bleibt, selbst wenn ihm Profis zur Seite stehen. Sie rät dazu, neben einer laufenden Liquiditätsplanung digitale Fragestellungen von Anfang an in den Fokus zu rücken. Ihre Erfahrung: „Handwerker, die digital optimal aufgestellt sind, kamen aus der Krise besser heraus und sind für die Zukunft gut gerüstet.“

Beratungsangebote nutzen

Hanatschek empfiehlt, jegliche Form der Unterstützung zu nutzen, verweist auf Beratungsangebote der Handwerkskammern sowie des KDH. Jüngstes Projekt ist das kostenlose 1:1 Coaching (handwerkdigital.de/onlinecoaching). Auch auf existenzgruender.de des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) oder auf gruenderplattform.de von BMWi und KfW erhalten Gründer Hilfe.

Diese KfW-Kreditprogramme helfen Gründern

Viele Förderprogramme der EU, Deutschlands und der Bundesländer helfen Gründern auf dem Weg zum Erfolg. Damit das Gründen auch in der Pandemie weitergeht, wurden viele Standardprogramme durch bessere Konditionen aktualisiert. So ist die Haftungsfreistellung für die finanzierende Bank erhöht worden, damit die Kredite leichter fließen. Auch der Kreis der Begünstigten wurde erweitert und die Kreditsummen erhöht.

ERP Gründerkredit – StartGeld (kfw.de/067) REGULÄRES PROGRAMM
  • Besonderheit Nachfolger, Gründer, kleine Unternehmen. Finanzierung laufender Kosten/Investitionen
  • Unternehmensgröße 1–49 Mitarbeiter
  • Unternehmensalter 0–5 Jahre
  • Kreditbetrag bis 125.000 Euro
  • Rückzahlung Kredit, vollständige Rückzahlung
  • Haftungsfreistellung* 80 %
KfW-Schnellkredit 2020 (kfw.de/078) KfW-CORONA-HILFE
  • Besonderheit Kredit wird ohne Risikoprüfung bewilligt, schnelle Auszahlung.
  • Unternehmensgröße über 10 Mitarbeiter
  • Unternehmensalter seit 1.1.2019 am Markt
  • Kreditbetrag bis 25 % Jahresumsatz 2019
  • Rückzahlung Kredit, vollständige Rückzahlung
  • Haftungsfreistellung* 100 %
ERP-Gründerkredit – Universell (kfw.de/075) KfW-CORONA-HILFE
  • Besonderheit Finanzierung und Liquidität für Unternehmen, die mehr als drei Jahre am Markt sind.
  • Unternehmensgröße alle Unternehmensgrößen
  • Unternehmensalter 3–5 Jahre Kreditbetrag bis 25 % Jahresumsatz 2019
  • Rückzahlung Kredit, vollst. Rückzahlung
  • Haftungsfreistellung* 90 % bei KMU (große Unternehmen: 80 %)
Quelle: KfW; *Risikoübernahme durch die KfW

Fallstricke Gründen – oder lieber doch nicht?

Damit aus einer guten Geschäftsidee ein erfolgreiches Unternehmen wird, müssen Gründer einige Fallen umgehen. Die Start-up- und Steuerexperten Elisa Lutz und Tobias Sick von der Steuerberatungsgesellschaft HWS in Stuttgart sagen, was Sie für eine gelungene Gründung brauchen und wann Sie lieber nicht gründen sollten.

  1. Gründen mit Freunden – nicht immer eine gute Idee
    Die besten Geschäftsideen entstehen oft im Kreis von Freunden. Doch schnell entworfene Pläne müssen aufwändig präzisiert und intensiv geprüft werden. Meist halten sie der Realität nicht stand. Wer zu schnell startet, riskiert ein Scheitern, und wenn das Business nicht funktioniert, leidet oft auch die Freundschaft.
    Tipp:
    Trennen Sie Berufliches und Privates. Vertrauen ist wichtig, doch im Ernstfall sind eine rechtliche Absicherung, klare Aufgabenverteilungen und definierte Entscheidungswege innerhalb des Unternehmens Gold wert.
  2. Der richtige Plan ist die halbe Miete
    Die Statistik belegt: Neun von zehn Start-ups scheitern, weil die professionelle, strategische Planung nicht vorhanden ist oder daran, dass sich das Gründerteam nicht optimal in seinen Kompetenzen und Stärken ergänzt.
    Tipp: Nutzen Sie jedes Feedback, das Sie bekommen können: Netzwerke, Mentoren und Sparringspartner. Wenn Sie einen Berater bezahlen, achten Sie darauf, dass er bereits bewiesen hat, Gründer in Ihrer Branche zum Erfolg begleiten zu können. Feedback hilft, teure Fehler zu vermeiden und die eigenen Erwartungen auf das richtige Maß zu reduzieren sowie den Fokus richtig zu setzen.
  3. Realistische Erwartungen
    Realismus hilft dem Geschäftserfolg. Häufig schätzen Gründer die Marktfähigkeit ihres Produktes oder ihrer Dienstleistung falsch ein. Und sie nutzen das Feedback von Freunden nicht richtig. Doch tatsächlich kann die Kritik der anderen ein guter Hinweis auf das Optimierungspotenzial des Produkts sein.
    Tipp:
    Nutzen Sie die Lean-Startup-Methode. Hierbei werden früh Marktexperimente gemacht, um schnelle Erkenntnisse zu Geschäfts- und Monetarisierungsmodell und Kundenbedürfnissen zu erhalten. Das hilft, das Produkt- und das Geschäftsmodell weiterzuentwickeln und zu verbessern.
    Extratipp: Erweist sich Ihr Geschäftsmodell im Praxistest trotz mehrerer Anpassungen als nicht tragfähig, verabschieden Sie sich von dieser Geschäftsidee. Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende.
  4. Kunden finden – das richtige Team hilft
    Wichtig für eine erfolgreiche Gründung ist eine gute Mischung von Fähigkeiten im Gründerteam. Alle wichtigen unternehmerischen Aufgaben sollten besetzt sein – die Kompetenzen und Stärken der Gründer sollten sich optimal ergänzen. Wer als Solo-Unternehmer startet, sollte seine Kernkompetenzen kennen, diese nutzen und sich für die anderen Aufgaben externe Unterstützung holen. Und: So gut wie keine Idee ist ein Selbstläufer am Markt. Es benötigt immer einen aktiven Vertrieb, um Fuß zu fassen oder Investitionskapital aufzutreiben.
    Tipp: Eine kritische Selbstreflexion der eigenen Kompetenzen hilft sehr dabei, fehlenden Fähigkeiten, die für den Erfolg des Unternehmens unerlässlich sind, auf die Spur zu kommen. Auch hier hilft das Feedback von außen.
  5. Risiko fehlender Kapitalreserven
    Manche Gründer sind so glücklich über ihre Idee, dass sie sich quasi in die Selbstständigkeit stürzen. Dies übt erheblichen finanziellen Druck aus. Wer sein Gründungskapital von Freunden und Familienmitgliedern bekommt, hat zusätzlichen Druck, erfolgreich zu sein.
    Tipp: Nutzen Sie staatliche Zuschüsse und Fördermittel, vermeiden Sie private Geldgeber, wenn diese das Geld nicht wirklich übrig haben. Starten Sie nicht mit maximaler Ausstattung – wenn die Einnahmen fließen, können Sie immer noch aufstocken.
Fazit
Die Krise ist kein Grund, um nicht zu gründen. Tatsächlich zeigt sich in der Krise sogar klarer, welchen Bedarf potenzielle Kunden haben. Gründer sollten die Risiken im Blick behalten: Dieses sind vor allem fehlende Marktreife oder Marktgängigkeit und fehlende Kompetenzen im Betrieb. Das eine sollte mit Marktexperimenten überprüft, das andere durch die richtige Besetzung von Positionen im Betrieb ausgeglichen werden. Auch externe Expertise, Mentoren und Business Angels helfen dabei, die Schwachstellen zu identifizieren, Risiken zu minimieren und die Chancen auf einen geschäftlichen Erfolg zu erhöhen. Richten Gründer ihr Geschäftsmodell auf die neuen oder künftigen Bedürfnisse aus und vereinen unterschiedliche Mitarbeiterkompetenzen im Betrieb, hat die Gründung alle Chancen auf Erfolg.

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