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Effizienz durch Digitalisierung Prop Tech: Mit Software den Bauprozess beschleunigen

Die Baubranche ist im Umbruch: PropTech-Firmen ziehen digitale Tools heran, um Wohnraum schneller und energie­effizienter zu bauen und zu warten. Handwerksbe­triebe können von den Lösungen schon heute profitieren.

Topic channels: TS Digitalisierung und TS IT-Trends

Peter Schmücker gehört zu den Handwerkschefs, die sich gerne mit digitalen Tools beschäftigen. Mit seinem 17-köpfigen Betrieb „Die Holzbauprofis“ in Sprockhövel hat er sich auf Dachaufstockung und Anbau spezialisiert. Statt mit Kladde und Kamera sucht der Zimmerer seine Baustellen gerne mit seinem Tablet auf. Mit der App „Plan4 Gebäudecheck“ erfasst er die Gegebenheiten vor Ort im Handumdrehen. „Während wir früher viel Zeit verplempert haben, um einzelne Posten mehrmals zu prüfen, sparen wir heute viel Zeit und unnötige Anfahrtswege ein.“ Ein großer Effizienzgewinn.

Mit der App von Plan4software kann er schon während der Vor-Ort-Begehung den geschätzten Sanierungsaufwand berechnen, einschließlich Kostenelementen und Diagnoseberichten. Die Daten lassen sich mit dem Endkunden teilen, der damit schnell Transparenz über die Kosten erhält, aber auch an mögliche eingebundene Partner versenden, die daraus ihren Nutzen für die Zusammenarbeit ziehen. Ein Wertschöpfungsprozess wird in Gang gesetzt. Der Begriff dazu lautet Construction Technology (ConTech): Darunter rangieren alle Lösungen, die den Bau von Gebäuden digitalisieren. ConTech zählt damit zur Property Technology (PropTech), die nicht nur den Bau, sondern auch die Instandhaltung und Vermietung von Immobilien umfasst. Bisher rechnen sich in Deutschland gut 550 Unternehmen diesem Genre zu, Tendenz steigend. Denn die effiziente und umweltfreundliche Produktion erfährt auch vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung plötzlich hohe Relevanz und Zuspruch.

Von ConTech bis PropTech: Aufwand minimieren, Kosten sparen

Auf der Konferenz RealPropTech kamen im vergangenen September viele Firmeninhaber und Experten virtuell zusammen, die sich dem Bereich zugehörig fühlen. Die Bandbreite ist riesig: Sie umfasst alles, was Effizienz, Schnelligkeit und Nachhaltigkeit verspricht und dabei den Blick auf den Kunden und seine Bedürfnisse richtet. „Moderne Technologien können in diesen Hinsichten viel leisten. Dadurch lassen sich Bauprojekte künftig viel eher mit einem Begeisterungsausruf beenden“, findet Sarah Schlesinger, Geschäftsführerin bei Blackprint Booster. Der Industrie-Hub für PropTech-Innovationen, der an gut 20 Technologie-Start-ups – darunter auch Plan4Software – beteiligt ist, initiiert auch die jährlich stattfindende Konferenz.

Diskutiert wurde vor mehr als 1.000 Teilnehmern, wie Bauen und Wohnen über digitale Technologien nachhaltig, nutzerorientiert und kostengünstig gemacht werden kann – über den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden hinweg. Wenn diese Transformation nicht mit hauseigenen Mitteln gelingt oder zu aufwendig ist, kommen PropTechs ins Spiel.

Dazu zählen Start-ups wie Plan4Software, die Prozesse präzisieren und beschleunigen, oder Myster, die althergebrachte Vertriebsmodelle revolutionieren. Bei der Renovierungs-Plattform, die Kunden mit Handwerkern zusammenbringt, werden auch gleich die Hersteller direkt mit einbezogen. Bisher bestellen Handwerker ihre Materialien meist beim Großhändler, der diese wiederum vom Hersteller erhält.

Bei Myster dagegen können die Kunden ihre Produkte direkt beim Hersteller aussuchen. In erster Linie aber will Mirco Grübel, Gründer und Geschäftsführer von Myster, den Handwerker unterstützen. „Mit uns kann er bei gleichbleibender Kostenstruktur größere Umsätze erwirtschaften, indem wir für ihn die Auftrags- und Rechnungsabwicklung übernehmen.“ Ein weiterer Vorteil: Ein Betrieb erhält einen Auftrag, den er nicht selbst akquirieren muss. In seinem Geschäftsmodell sieht Grübel daher einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit. „Der Handwerker spart sich unnötige Anfahrten, und Hersteller und Kunden sparen sich die einzelnen Zwischenschritte, die ebenfalls ein Hin und Her bedeuten.“

Doch das ist noch nicht alles: Über Daten, die über die eigene Website und weitere Partner rechtskonform gesammelt werden, kann Grübel ableiten, in welchen Gebäuden Renovierungsbedarf besteht – und welche Handwerksleistungen dazu benötigt werden. „Über die Analyse der Daten mit Künstlicher Intelligenz verstehen wir dann immer genauer, was der jeweilige Kundenbedarf ist, und können vorschlagen, was der beste Renovierungsansatz wäre.“ Dazu will sich der Myster-Gründer künftig mit weiteren Firmen vernetzen und zusammenarbeiten, die Informationen über Gebäudestruktur und Renovierungsbedürftigkeit zur Verfügung stellen.

Neues Denken ermöglicht neue Geschäftsmodelle

Die Beschleunigung am Bau über Tech­nologie und Datenanalyse ist kein fernes Science-Fiction-Szenario. Sarah Schlesinger stellt große Veränderungen in Aussicht: Für die folgenden zehn Jahre rechnet die Blackprint-Booster-Chefin mit einer starken Konsolidierung der bisher so verwöhnten Baubranche. „Der Markt verändert sich derzeit stark“, beobachtet sie. „Aufgrund der Corona-Pandemie fehlen die Gelder für viele kleinere Bauvorhaben, bei den aufwendigeren setzen sich dagegen eher die größeren Betriebe durch, die sich meist besser darauf verstehen, schnell, effizient und somit kostengünstiger zu arbeiten. Zudem drängen neue Firmen in den Markt, die Abläufe digitalisieren und die Wertschöpfung verändern.“

Dieser Trend wird nicht nur durch Start-ups angeschoben, er passiert auch in Traditionsfirmen. Ein Beispiel ist Viessmann: Im Jahr 1917 gegründet, hat sich der Heizungshersteller heute zum Lösungsanbieter für Raumklima entwickelt. Für diesen Schritt hat der Familienbetrieb sein Geschäftsmodell radikal neu gedacht. Das Kundenbedürfnis Wärme hat im Grunde genommen nichts mit dem Kauf einer Heizung zu tun: Es kann auch gemietet werden. Der Kunde wählt zwischen Öl, Erd- oder Flüssiggas sowie Wärmepumpe, die Dauer seiner Wärmeleistung wird dabei auf einen bestimmten Zeitraum von bis zu 15 Jahren vertraglich begrenzt. Anschaffungskosten werden für den Kunden keine fällig, dafür ein monatlicher Mietpreis von 72 Euro aufwärts.

Mietmodelle stärken die Kundenbindung

Für Viessmann ist das sogenannte „Wärme-Contracting“ ein smarter Schachzug: Anstatt wie bisher nur einmalig eine Heizung zu verkaufen, ist er mit dem Kunden nun in einer Geschäftsbeziehung, indem er seine Heizung wartet und für Servicefragen zur Heizung für ihn da ist. Eine Kundenbeziehung entsteht, wo zuvor keine war. Für das traditionelle Handwerk hat der Vorstoß, der ganz im Zeichen von PropTech steht, weitreichende Konsequenzen. Wenn der Heizungshersteller aus Allendorf nun Wartungsaufgaben übernimmt, was passiert dann mit dem SHK-Handwerk? „Dessen Rolle verändert sich und damit auch seine Verdienstmöglichkeiten“, sagt Schlesinger. „Wo derzeit noch klassisch neben der Handwerksleistung am Material mitverdient wird, braucht es perspektivisch neue Erlösmöglichkeiten, zum Beispiel durch zusätzliche Serviceleistungen.“ Den Betrieben rät sie, sich mit den neuen Technologien und Trends zu beschäftigen oder mit handwerksnahen PropTechs zusammenzuarbeiten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, um die Kundenbedürfnisse besser zu bedienen. Stichwort Smart Home: Dort kommen häufiger Boden- und Deckenheizungen vor, die über alternative Energien bedient werden.

Zukunftsvision: Gebäude als Warenlager

Der Trend zur Sharing Economy spielt da mit rein. Autos mieten funktioniert schon lange, Häuser mieten auch – allerdings gilt das nicht für die vielen Bestandteile im Inneren, die ja ebenfalls altern und den Wert des Hauses mindern. Michael Braungart, Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer beim ­Umweltforschungsinstitut EPEA in Hamburg, plädiert daher dafür, ein Gebäude als Warenlager zu betrachten. „Die Digitalisierung hilft dabei, alle Materialien zu erfassen und zu lokalisieren und bei Bedarf oder eben nach einem gewissen Zeitraum auszutauschen.“

Seine Zukunftsvision: „Mit der Digitalisierung entsteht die Möglichkeit, dass beim Bauen kein Abfall mehr produziert wird.“ Dazu müssen alle Materialien, die irgendwann verschleißen, so hergestellt sein, dass sie biologisch nützlich sind und in den Kreislauf der natürlichen Systeme zurückkehren können. Das Prinzip dahinter bezeichnet Braungart als „Cradle to Cradle“, von der Wiege zur Wiege, im Gegensatz zu von der Wiege zur Bahre. Mit dem bildreichen Vergleich will der Wissenschaftler zum Denken anregen, was ein Gebäude wirklich für den Menschen dauerhaft leisten soll. Fenster, Heizung oder Licht muss er nicht besitzen, sondern nutzen: Anstatt also bei der Anschaffung auf Langlebigkeit zu achten, gilt es in definierten Nutzungszeiten zu denken.

Digitale Tools und Datenaustausch machen das theoretisch schon heute ein Stück weit möglich. Natürlich sieht die Realität oft noch anders aus. Diese Erfahrung macht auch Handwerkschef Schmücker. Wenn der Zimmerer seine digita­lisierten Informationen mit Partnern anderer Gewerke teilen möchte oder zu einem Termin über einen virtuellen Planer lädt, macht er häufig die Erfahrung, dass diese mit der Technologie noch nicht umgehen wollen. Doch er ist zuversichtlich: „Die Zeiten, in denen wir unser Wissen als unseren alleinigen Schatz gehütet haben, sind vorbei. Künftig werden wir – insbesondere auch im Hinblick auf nachkommende Generationen – vernetzter arbeiten.“

PropTech: So profitieren Sie

Bisher treiben überwiegend Start-ups und IT-Unternehmen die Entwicklung auf dem PropTech-Markt voran. Unser Rat an die Betriebe: Nehmen Sie am Geschehen teil und
profitieren Sie von Anfang an von neuen Lösungen. Oder besser noch: Nehmen Sie selbst Einfluss auf die Entwicklung.
  1. Klein oder groß – keine Scheu vor Technologien
    Auch wenn Sie einen Betrieb mit nur einer Handvoll Mitarbeiter haben oder ganz alleine arbeiten: PropTech beschert eine Menge Zeitersparnis, da die Software dabei hilft, Daten aufzunehmen, zu verwalten und bei Bedarf zu teilen. Nebenher bringen Sie sich auf den neuesten Stand bei der Digitalisierung. Das zahlt sich aus!
  2. Mit PropTechs ins Gespräch kommen
    Dass die Digitalisierung früher oder später den Markt verändern wird, ist keine Frage. Daher suchen Sie schon jetzt das Gespräch mit Technologieanbietern und lassen sich von PropTechs beraten, wie Sie Ihre Abläufe optimieren können und was bei der neuen Wertschöpfung für Sie drin ist. Eine Beratung kostet schließlich nichts.
  3. Informieren und netzwerken
    Die Zeit zum Netzwerken ist durch die Corona-Pandemie nicht ideal. Doch finden viele Messen, Konferenzen und Schulungen heute online statt. Die nächste RealPropTech-Konferenz findet zum Beispiel im Herbst 2021 statt, nähere Informationen unter: realproptech.de.
  4. Spaß am (Mit)teilen gewinnen
    Von Wikipedia bis How-to-Seiten: Das Internet macht Wissen für alle zugänglich. Teilen auch Sie Ihr Wissen und Ihre Herausforderungen mit anderen und finden gemeinsam Lösungen. Gerade am Bau ist der Austausch an Informationen das A und O, um zügig voran­zukommen. Wer nicht so viel sprechen will, nutzt am besten die entsprechende Technologie, um seine Infor­mationen zu teilen.
  5. Werden Sie selbst Teil von PropTech
    Denken Sie mit und daran, wie Sie selbst Wert schöpfen können, welche Informationen für Sie nützlich wären und wie sich diese schnell verfügbar machen lassen. Sie haben keinen Programmierer zur Hand? Das Kompetenzzentrum für digitales Handwerk (KDH) hilft dabei, Ihre Idee in Form zu gießen und einen passenden Partner zur Entwicklung zu finden.


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