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Interview Lars Hinrichs: "Bauträger verstehen die Smart Home-Technik noch nicht"

Lars Hinrichs, Gründer des bekannten Business-Netzwerks Xing, hat im Hamburger Stadtteil Rotherbaum vor vier Jahren ein Smart Home errichtet. Im Interview mit handwerk magazin blickt er zurück: Was hat sich als erfolgreich bewährt - und was ist eher überflüssig?

Topic channels: TS IT-Trends und TS Smart Home
Herr Hinrichs, im Jahr 2016 haben Sie in Hamburg den Bau Ihres Smart Home-Projekts Apartimentum* fertiggestellt: Welche Anwendungen im Smart Home haben sich in den vergangenen Jahren als wegweisend herausgestellt?

Lars Hinrichs: Das Wichtigste beim Bau eines Smart Home ist es, eine umfassende Konnektivität sicherzustellen. Die Grundlage dafür ist ein solides Glasfasernetz, das nicht nur im Gebäude verlegt werden muss, sondern zu jeder einzelnen Wohnung. Mit der Verstärkung des Netzes mit dem Mobilfunk-Standard 4G und demnächst 5G erlebt der Bewohner den höchsten Grad an Konnektivität. Das heißt, er kann telefonierend von der Wohnung mit dem Fahrstuhl in den Keller fahren, in die Garage laufen und ins Auto steigen ohne seine Telefonverbindung zu verlieren. Wenn der Kalender des Bewohners noch dazu mit dem Auto verknüpft ist, leitet ihn die mobile Navigation dann direkt zum jeweiligen Zielort. Das ist eine tolle Erfahrung, die Apartimentum- Mieter neben Features wie den schlüssellosen Türen sowie dem intelligenten Briefkasten, der aktuelle Lieferungen anzeigt, sehr schätzen. Hinzu kommt, dass sie sich nicht um Strom oder Wasser kümmern müssen - es ist einfach da. Ein Smart Meter sorgt dafür, dass der Verbrauch intelligent gesteuert und ans Energieversorgungsunternehmen übertragen wird.

Welche Smart Home-Systeme kommen dabei zum Einsatz?

Als Kommunikationsstandard hat sich Wlan etabliert. Cloudbasierte Systeme sind günstig, funktionieren gut und sind sicher. Im Apartimentum habe ich zusätzlich, zum Beispiel für Licht, auf Zigbee gesetzt. Dieses Heimvernetzungs-Funkprotokoll braucht man eigentlich nicht mehr.

Was sieht es mit dem etablierten Kabel-Standard KNX aus?

KNX-Systeme laufen im Haus stabil, sind aber nicht mehr zeitgemäß. Dagegen sprechen auch die vielen Reprogrammierungen, die notwendig sind, wenn neue Geräte angeschlossen werden sollen. Schließlich muss jedes einzelne Device verkabelt werden. Das ist umständlich und letztlich sehr kostspielig. Für den Endkonsumenten ist es preisgünstiger und wesentlich einfacher seine Anwendungen über Apps auf dem Handy zu steuern, von Licht über Tür bis hin zu den Fenster- und Heizungskontakten. Außerdem gelingt es mit einem lokalen Server wie KNX nicht die Konnektivität herzustellen, die auch Funktionen mit einschließt, wenn sich der Bewohner außerhalb des Hauses befindet. Schließlich möchte man auch von unterwegs aus verschiedene Sachen im Haus einfach steuern anstatt sich umständlich über VPN-Dienste oder Proxy auf den Server im Haus einzuwählen.

Wie sicher ist es alleine auf ein System in der Cloud zu setzen: Fällt es mal aus, steht der Bewohner doch völlig im Dunklen da?

Ein Kabelsystem kann eher mal ausfallen als ein Cloud-Provider. Apple Homekit, Google Home oder Magenta Smart Home funktionieren deshalb so gut, weil all ihre Dienste in der Cloud miteinander verknüpft sind. Auch vor Hackerangriffen schützt die Cloud das Smart Home effektiver: Während bei einem Cloud-Provider täglich daran gearbeitet wird, das System sicher zu machen, wird ein kabelbasierter Home Server mit Username und unsicherem Passwort ausgeliefert. Ich möchte wetten, dass die meisten Installationen noch mit denselben Admin-Daten laufen. Da stehen Hackern dann Tür und Tor offen.

Sind die Sicherheitsbedenken der Grund, warum Smart Home trotz aller Vorteile noch nicht im Massenmarkt angekommen ist?

Die Sicherheit spielt da eher eine Nebenrolle. Viel entscheidender ist es, dass die meisten Bauträger die Technik hinter dem Smart Home noch nicht verstehen. Bevor sie anfangen ein intelligent vernetztes Gebäude zu bauen, müssen sie ja erstmal sicher sein, die einzelnen Technologien zu verstehen, um sie bauen und warten zu können. Wie gesagt ist es ein Anfang - und sozusagen auch die wichtigste Grundlage - Glasfaser zu verlegen. Alle Smart Home-Funktionen lassen sich dann leicht daran anbinden.

Wie gelingt es den Bewohnern die Berührungsängste mit einem smarten Zuhause zu nehmen, das noch dazu ihre Daten erhebt?

Die Bewohner haben damit keinerlei Probleme, auch ältere Menschen nicht: Jeder kann ein Smart Home steuern, der auch ein Smartphone bedienen kann - vorausgesetzt, das Haus basiert auf Wlan. KNX-Systeme sind da schon komplizierter. Dass Daten erhoben werden ist übrigens eine sehr deutsche Angst. Immer, wenn man sich irgendwo anmeldet, werden nun einmal Daten erhoben, das ist Online genauso wie Offline. Als Gegenleistung bekommt der User ja auch viele Vorteile in Form von Funktionen, die er eben nur nutzen kann, wenn er sich Preis gibt. Genauso ist es auch bei Facebook: Ohne Login macht es keinen Spaß.

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