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ZDH-Präsident Wollseifer im Interview "Das Handwerk stabilisiert zurzeit die Gesamtwirtschaft"

Vertreter der Handwerksorganisationen wählten Hans Peter Wollseifer erneut zum Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Im Interview mit handwerk magazin spricht er über Erfolge, Enttäuschungen und Ziele.

Mitte Dezember wurde Hans Peter Wollseifer beim Deutschen Handwerkstag in Münster mit einer Mehrheit von 97 Prozent als Präsident des ZDH wiedergewählt.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit nach dem Ende Ihrer ersten Amtszeit als Präsident des ZDH aus?

Das Handwerk zeigt große Einigkeit, das macht unsere Stärke aus. Davon ist auch die Politik beeindruckt, besonders hier in Berlin, aber auch in Brüssel. Diese Stärke müssen wir bewahren. Ich will daher weiter integrativ in unsere vielschichtige Organisation wirken.

Sehr geholfen hat mir das Team, das ich beim ZDH angetroffen habe. Wir haben sehr qualifizierte und sehr engagierte Mitarbeiter hier im Haus, die die Sache des Handwerks zu ihrer persönlichen Sache machen.

Wie sehen Sie das Handwerk im Augenblick in Bezug auf Wirtschaft und Gesellschaft?

Wir sind ein zentraler Teil der Wirtschaft; das Handwerk stabilisiert zurzeit die Gesamtwirtschaft. Wir sind aber auch die Mitte der Gesellschaft. Unser Engagement für Ausbildung und Beschäftigung generell, für Integration von Migranten und Qualifizierung von Flüchtlingen, ist Baustein für Wohlstand und Weiterentwicklung der Gesellschaft. Daher erwarte ich, dass in unserem Land der Mittelstand zukünftig deutlicher gestärkt wird.

Was haben Sie politisch erreicht?

Was wir als Spitzenorganisation mit der gebündelten Schlagkraft von Kammern und Verbänden erreicht haben, kann sich sehen lassen: Bei der Erbschaftsteuer – trotz enger Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts werden Handwerksbetriebe weitgehend verschont, deutliche Fortschritte bei der Etablierung einer höheren Berufsbildung, Unterstützung der Betriebe bei der Ausbildung von Azubis mit Startschwierigkeiten, Willkommenslotsen helfen bei der Qualifizierung von Flüchtlingen, Reduzierung der Bürokratie. Noch mitten drin sind wir beim Kampf für ein mittelstandsgerechtes Mängelgewährleistungsrecht oder bessere Bedingungen bei der Beschäftigung älterer Mitarbeiter. Entscheidend ist jedoch, dass wir grundsätzlich mit offenen Ohren für unsere Themen bei allen Parteien rechnen können.

Über was sind Sie persönlich enttäuscht?

Absolut enttäuschend läuft für mich die Debatte um mehr Energieeffizienz. Jeder weiß doch, dass mehr energetische Sanierung im Gebäudebestand der Schlüssel zum Erreichen der Klimaschutzziele ist. Doch während die Bundesregierung entschlossen ist, die Energieeffizienz steuerlich zu fördern, machen die Länder die Initiative kaputt. Schon zum zweiten Mal! In Zeiten von Rekordsteuereinnahmen wird beim Klimaschutz kleinlich jeder Euro umgedreht.

Was sind Ihre wichtigsten gesellschaftlichen Themen für die nächste Amtsperiode?

Der ZDH engagiert sich für Generationengerechtigkeit bei der Reform der Sozialsysteme. Auch die Durchlässigkeit der beruflichen Karrierewege im Handwerk bleibt für mich eine Herzenssache. Die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung darf nicht nur auf dem Papier stehen. Sie muss auch in der Bildungsrealität gelebt werden. Und nicht zuletzt geht es doch darum, Flüchtlinge nachhaltig in die Gesellschaft und ins Arbeitsleben zu integrieren. Da dürfen wir alle nicht nachlassen, da kommt dem Handwerk eine wichtige Rolle zu.

Welche Steuerthemen stehen im Fokus?

Der Soli muss jetzt langsam mal verschwinden. Der Mittelstandsbauch muss abgebaut werden, bei der kalten Progression sind weitere Verbesserungen überfällig. Der Satz für geringwertige Wirtschaftsgüter muss auf 1.000 Euro angehoben werden.

Bei der beruflichen Ausbildung gibt es noch Entwicklungsbedarf?

Nach dem erfolgreichen Hochschulpakt brauchen wir nun einen Berufsbildungspakt. Aus Bildungszentren wollen wir Exzellenzzentren machen. Für die Ausstattung müssen die notwendigen Mittel bereitgestellt werden. Die jetzigen Mittel reichen dafür nicht. Alle Azubis brauchen das Rüstzeug für die digitale Berufswelt.

Viele Menschen scheinen trotz bester Konjunktur unzufrieden und unsicher. Wo sehen Sie die Ursachen?

Das liegt zum großen Teil an der Politikvermittlung, die nicht transparent genug, nicht initiativ genug ist, und deshalb vor Ort nicht ankommt. Wenn es in Deutschland eine gute Zukunftsperspektive gibt, muss man das auch vermitteln. Erinnert sich denn keiner mehr an die schlechten Zeiten zu Beginn des Jahrhunderts? Heute müssen unsere Betriebe keine Mitarbeiter entlassen, sie suchen händeringend Azubis und Facharbeiter. Das Handwerk meldet ein konjunkturelles Allzeithoch statt Minuszahlen. Uns geht`s wirtschaftlich prima, dass lass ich mir nicht vermiesen.

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