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Interview: "Fachkräftemangel durch Niveauverlust der Universitäten"

Individuelle Produkte und Einzelanfertigungen sind für die Indus­trie heute kein Problem mehr, sagt Johann Löhn, Präsident der Steinbeis-Hochschule. Das Handwerk muss in Produktentwicklung investieren.

Bis vor Kurzem arbeitete das Sekretariat von Johann Löhn in der Stuttgarter Steinbeis Stiftung im Zwei-Schicht-Betrieb: Von sieben Uhr in der Frühe bis 19 Uhr am Abend. So agil darf man sich den 78-Jährigen vorstellen. Jetzt, sagt er, würde er kürzer treten. Seitdem ist das Büro nur noch bis 18 Uhr besetzt. Die Interviewfragen brauche er nicht vorher, die ungefähren Themen reichten ihm. Los geht‘s!

Viele Bereiche des Handwerks werden heute standardisiert und industrialisiert. Meist verschwinden sie dann aus dem Handwerk. Richtig?

Industrie, Handwerk und Handel kann man im Grunde nicht mehr komplett auseinanderhalten. Die technologischen Prozesse wachsen mit den Businessprozessen zusammen. Das bekommt durch die Cloud-Technologien noch zusätzlich Geschwindigkeit.

Verändert das die Wertschöpfungskette?

Wenn wir uns die Wertschöpfungskette bei Produkten und Dienstleistungen anschauen, dann haben wir mittlerweile eine Mischung aus Hardware, Software und Service. Und so muss man auch die gesamte Produktlinie sehen.

Unternehmen lagern Servicetätigkeiten immer stärker an Solounternehmer aus, wo sie nicht selten prekäre Formen annehmen.

Jetzt kann sich jeder raussuchen, was er macht. Aber er muss diesen beschriebenen Dreiklang immer irgendwie zustande kriegen. Denn wenn ich etwa nur Service mache, werde ich wahrscheinlich nicht überleben. Wenn ich nur Hardware mache, schon mal gar nicht. Und Software alleine auch nicht. Der Vorteil unserer Wirtschaft ist, dass wir noch hohe Industriefertigungstiefe haben. Und diese Tiefe ermöglicht es, wettbewerbsfähig gegenüber anderen Ländern zu sein. Aber die Produktionseinheiten werden andere: „Losgröße Eins“, also individualisierte Produkte und Einzelanfertigungen, ist heute für die Industrie kein Problem mehr.

Das war eher eine Domäne des Handwerks, oder?

Das ist dramatisch, weil wir nicht mehr wissen, welche Firmen in fünf Jahren was produzieren. Es werden Firmen verschwinden und es werden Firmen dazukommen, aber ganz andere. Das haben wir in der Software schon gesehen und das greift ja jetzt in den Industriebereich hinein. Richtig: „Losgröße Eins“ war ja Domäne des Handwerks, aber dies kann man heute industriell machen. Und deshalb ist das auch ein Thema, das viele Industriefirmen betrifft.

Welche Folgen hat dieses Zusammenwachsen?

Ich habe immer schon gesagt: Handwerk und Industrie kann man immer weniger unterscheiden. Der Adalbert-Seifriz-Preis ist das beste Beispiel dafür: Wenn Sie sich die Preisträger anschauen, dann können Sie immer weniger sagen, ob das ein Handwerker oder ein Industrieunternehmen ist. Man sollte eigentlich nicht mehr unterscheiden zwischen Handwerk und Industrie. Viele Betriebe, die auf der Handwerksrolle stehen, sagen heute: „Ich bin doch Industrie“! Und das ist jetzt die gute Nachricht für das Handwerk: Die kleinen und mittelständischen Betriebe liegen immer auf der Lauer. Die meisten haben schon verstanden, dass sich etwas grundlegend verändert hat.

Über welche Wettbewerbsvorteile verfügt das Handwerk gegenüber der Industrie?

Es gibt einen entscheidenden Vorteil von Handwerksunternehmen – auch dies haben wir vielfach bei den Preisträgern gesehen: Der Handwerker ist jemand, der das Problem immer an Ort und Stelle sieht. Seine Problemlösung geht immer von einem konkreten Fall aus. Das Handwerk entwickelt die Produkte vom Konkreten her. Es werden immer wieder Firmen gegründet, die keinen Markt haben. Das kann einem Handwerker nicht passieren. Er hat den Vorteil, dass er sehr schnell den Markt erkennt. Beispiel Heizungssteuerung: Das spürt er als Erstes bei seinem Kunden. Das ist ein Riesenvorteil: Der Handwerker weiß, worum es geht. Auch wenn er noch keine Lösung hat, aber er spürt es als Erster.

Wie können die Betriebe eine Lösung entwickeln?

Der Handwerker muss sein übliches Spielfeld verlassen. Das heißt, er kann nicht mehr so arbeiten wie bisher. Informationstechnologie ist bereits eingeführt. Wenn Sie z.B. heute eine Küche bestellen, kommen die auch nicht mit dem Reißbrett, sondern mit dem Computer. Hier ist der Strukturwandel schon vollzogen. Das reicht aber eben noch nicht. Jetzt müssen die Handwerksbetriebe auch in die Vorentwicklung gehen. Der Handwerker kann nicht sagen, jetzt produziere ich einen Tisch; das weiß ich, wie das geht. Jetzt muss er auch Dinge neu entwickeln, wenn er sie nachher absetzen will. Nur ein Produkt zu verkaufen – ohne die Software, ohne Service – da kann er nicht überleben, da ist keine Wertschöpfung mit drin.

Wer unterstützt die Betriebe dabei?

Dazu braucht er natürlich Hilfe. Das ist das, was man heute Technologietransfer nennt: Er muss Forschungseinrichtungen anzapfen. Die wenigsten Betriebe haben heutzutage Angst davor. Das hat sich ja auch gewandelt. Das Handwerk hat allerdings bisher noch gar nicht so stark in diesem Feld gearbeitet. Die alten Industrieunternehmen sind das schon gewohnt: Sie legen ein Projekt auf, machen eine Entwicklung – das dauert eine Weile. Aber in diesen Zeiträumen hat bislang der Handwerker nicht gedacht. Das ist der Strukturwandel im Kopf. Der Handwerker muss Technologie adaptieren und seine Organisation verändern. Er hat dafür eine hervorragende Ausgangssituation: Er hat seinen Markt, er kennt die Produkte, er hat Mitarbeiter und er muss jetzt „nur“ diversifizieren. Einmal Richtung technologische Kompetenz und einmal Richtung IT-Kompetenz.

Hat er denn die richtigen Leute dazu?

Wir haben ja das allgemeine Problem, dass alle studieren wollen. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte. Die Ursache liegt darin, dass sich in der akademischen Welt die Skala verändert hat. Das akademische Niveau hat sich nach unten verschoben, das technologische Niveau ist stabil geblieben, denn die Anforderungen sind unverändert. Jetzt wollen alle Akademiker werden. Kein Wunder, dass die Zahl der Studenten zunimmt. Wir bekommen eine Schwemme von Bachelor-Absolventen. Aber die werden feststellen, dass sie damit gar nicht genug anfangen können. Deshalb werden Bachelor-Absolventen auch in den Handwerksfirmen arbeiten. Das ist grundsätzlich kein Problem: Man muss nur das Studium neu definieren.

Wie könnte das gehen?

Hier haben ja die Handwerkskammern reagiert: Sie sagen, unser Meisterabschluss ist ja eigentlich wie ein Bachelor, was im Grunde sogar richtig ist. Ich würde dem Handwerk dringend raten, nicht über Akademisierung zu klagen. Akademisch ist was anderes als früher.

  • Vita: Johann Löhn,
  • Johann Löhn, geb. 16.12.1936, Studium der Physik an der Uni Hamburg, 1969 Promotion zum Dr. rer.nat., Uni Hamburg, ab 1972 Professor für Informatik, Fachhochschule Furtwangen, ab 1977 Rektor, Fachhochschule Furtwangen, seit 1998 Präsident der Steinbeis-Hochschule Berlin.
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