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Interview Sandra Hunke: Sprüche auf Facebook sind viel schlimmer als die auf der Baustelle

Sexy Bademode präsentieren und auf der Baustelle ein Badezimmer aufstemmen? Sandra Hunke zeigt, dass beides geht. Sie ist die Hälfte der Woche Anlagenmechanikerin und an den anderen Tagen Model.

Das Handwerk ist zum Großteil immer noch in Männerhand. Der Frauenanteil liegt gerade einmal bei 32,1 Prozent. Das hat das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsministerium Niedersachsens herausgefunden. Die meisten Frauen arbeiten als Friseurinnen, Kosmetikerinnen oder Fotografinnen. Im Baugewerbe ist der weibliche Anteil verschwindend gering. Sandra Hunke findet das schade. Sie ist gelernte Anlagenmechanikerin und gleichzeitig Model. Über ihre Social-Media-Kanäle bei Facebook und Instagram versucht sie, mehr junge Frauen für das Handwerk zu begeistern. Auch wenn manche Männer weniger auf den Bohrhammer und mehr auf ihren Körper achten.

Frau Hunke, wie wird man denn gleichzeitig Anlagenmechanikerin und Model?

Zuerst habe ich meine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin gemacht und mich voll darauf konzentriert. 2012 war ich dann im Handwerkskalender von „Germany’s Power People“ und habe meine erste Anfrage von einer Modelagentur bekommen. Neben der Ausbildung hatte ich aber kaum Zeit und habe nur ab und zu am Wochenende gemodelt. Das hat sich nach meiner erfolgreichen Ausbildung geändert. Nun lebe ich zur Hälfte auf der Baustelle und zur anderen Hälfte auf Laufstegen und an Fotosets.

Gibt es da schon mal doofe Sprüche von den Kollegen?

Als ich meinen Ausbildungsbetrieb verlassen habe und zu meinem jetzigen Arbeitgeber gewechselt bin, war mein Geschlecht nie ein Thema. Bei der ersten Weihnachtsfeier gab es aber schon verdutzte Blicke. Dort habe ich vor meinem Start im Betrieb schon die neuen Kollegen kennengelernt. Ich kam mit einem pinken Mantel und High Heels zum Fest. Da waren die Männer schon skeptisch. Nachdem ich den Kollegen in den ersten drei Tagen auf der Baustelle aber gezeigt habe, dass ich genauso gut mit anpacken und richtig arbeiten kann, hat sich das auch erledigt. Dumme Sprüche kommen eher von den Kunden.

Wie gehen Sie mit solchen Kommentaren um?

Ich versuche lustig zu kontern, zum Beispiel: „Ach Mensch, ich wusste, dass ich was vergessen habe. Soll ich schnell meinen Kollegen holen, oder darf ich erst mal selbst loslegen?“ Dann sind die meisten ganz schnell ruhig. Aber natürlich fällt mir nicht immer so etwas ein. Oft schluckt man es auch runter und macht seine Arbeit.

Und wenn Ihnen so etwas im Betrieb passieren würde?

Wenn ein Kollege von mir mich regelmäßig damit aufziehen oder mobben würde, dass ich eine Frau bin, und mich nicht respektiert, würde ich zum Chef gehen. Das rate ich auch allen Frauen, denen so etwas passiert. Das geht einfach nicht. Und sollte auch der Chef nicht eingreifen, gibt es immer noch die Handwerkskammer, an die man solche Fälle melden kann. Wer als Handwerkerin Rat sucht, kann aber auch bei Facebook fündig werden. Da gibt es Gruppen mit ganz vielen Handwerkerinnen. Wir tauschen uns gegenseitig über Erfahrungen aus. Meistens sind das lustige Dinge von der Baustelle oder aus dem Betrieb. Manche suchen aber auch Rat, wenn sie im eigenen Betrieb als Frau diskriminiert werden.

Ihren über 27.000 Abonnenten auf Instagram zeigen Sie beide Seiten von sich, den Alltag auf der Baustelle und das Modelleben. Was interessiert die Leute mehr?

Derzeit sind ungefähr 70 Prozent meiner Abonnenten junge männliche Handwerker, für die macht es wohl die Mischung. Aber der Teil der am Handwerk interessierten Mädels wird immer größer! Manchmal bekomme ich Nachrichten von jungen Frauen, die gerne ins Handwerk gehen möchten, sich aber unsicher sind. Mit vielen telefoniere ich dann einfach mal und versuche ihnen einen Einblick ins heutige Handwerk zu geben. Es hat sich ja wahnsinnig viel getan! Heute gibt es keinen Alkohol mehr auf der Baustelle und in den meisten Fällen auch keine dummen Sprüche. Die fiesen Kommentare gibt es wenn dann auf Facebook und Co. Das ist viel schlimmer als irgendwelche Sprüche auf der Baustelle.

Löschen Sie solche Kommentare?

Am Anfang habe ich mich oft noch zur Wehr gesetzt und auf die Kommentare geantwortet. Heute lösche ich sie nicht, aber ich gehe auch nicht mehr darauf ein. Solchen Menschen sollte man keine Plattform bieten. Deswegen reagiere ich auch nicht auf unangemessene Nachrichten von irgendwelchen Männern.

Wie könnten Handwerker mehr junge Frauen für das Handwerk begeistern?

Es gibt mehrere Frauen wie mich, die versuchen, über Fotos auf Social Media einen Einblick zu geben und so Mädchen zu ermutigen. Die Facebook-Gruppen geben auch einen ersten Eindruck vom Arbeitsleben. Und ansonsten helfen natürlich immer Praktika. Bevor ich mich zu der Ausbildung als Anlagenmechanikerin entschieden habe, habe ich erst mal ein Berufsvorbereitungsjahr gemacht und in so ziemlich jedem Gewerk ein Praktikum absolviert. Eines der letzten war bei einem Anlagenmechaniker. Und das hat mir so gut gefallen, dass ich ihn sogar dazu überredet habe, mich auszubilden. Das hat er mit seinem Einmannbetrieb vorher noch nie gemacht. Aber es hat sich für uns beide gelohnt.

Vita: Sandra Hunke

Auf Instagram ist sie als Baumädchen bekannt, im echten Leben heißt sie Sandra Hunke. Die 27-Jährige ist gelernte Anlagenmechanikerin und arbeitet bei der Firma Stöppler in Lage bei Bielefeld. Ein Foto von Hunke in einem Handwerkskalender hat ihr Leben verändert. Seitdem verbringt sie ihr Leben auf Laufstegen in Paris und Mailand, steht als Model vor der Linse und arbeitet Teilzeit auf der Baustelle. Ihren über 27.000 Followern auf Instagram gibt sie Einblicke in das Leben als Klempnerin und Model.

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