Pakt der guten Hoffnung

Fachkräftemangel | Der Nachwuchs wird knapp. Schuld sind demografischer Wandel und mangelnde Attraktivität vieler Handwerksberufe. Wie Verbände und Betriebe gegensteuern können.

  • Bild 1 von 2
    © handwerk magazin
    Aussterbende Berufe2008 gab es im Handwerk insgesamt 479713 Auszubildende, etwa 30 Prozent davon allein in den drei beliebtesten Berufen. Vier traditionelle Handwerksberufe dagegen hatten nicht einen einzigen Lehrling.
  • Bild 2 von 2
    © Schwannecke
    „Wir brauchen einen Pakt für Fachkräftesicherung.“Holger Schwannecke, ZDH-Geschäftsführer

Pakt der guten Hoffnung

Reich und berühmt möchten Jugendliche werden. Erreichen wollen sie das durch einen Traumjob, bei dem sie sich die Hände aber nicht schmutzig machen wollen. Das hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) jüngst in einer Untersuchung herausgefunden.

Pech fürs Handwerk, denn Fleiß und Geschick punkten bei den Jugendlichen nicht.Viele fangen erst gar keine Ausbildung an, andere brechen sie vorzeitig ab. Die gefährliche Konsequenz: Handwerk und gewerbliche Berufe stehen vor einem massiven Fachkräftemangel. Verschärft wird die Situation durch die zunehmende Alterung der Gesellschaft. Es gibt schlicht immer weniger junge Leute. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat die Lage erkannt und fordert für 2011 einen Pakt für Fachkräftesicherung. Betriebe, die bis dahin nicht warten wollen, können indes selbst aktiv werden. „Gezielte und strategische Personalplanung kann dem Fachkräftemangel den Garaus machen“, rät Joachim Gerd Ulrich vom BIBB.

Die Lage ist in der Tat dramatisch. Die Zahl der Schulabgänger schrumpft stetig, das Einzige, was Jahr für Jahr zunimmt, ist der der Mangel an Bewerbern. Das stellen Philipp Ulmer und Joachim Gerd Ulrich in ihrer wissenschaftlichen Diskussion „Der demografische Wandel und seine Folgen für die Sicherstellung des Fachkräftenachwuchses“ fest.

Vor allem der Osten leidet

Die neuen Bundesländer seien vom Fachkräftemangel stärker betroffen als die alten. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prognostiziert den Rückgang des Arbeitskräfteangebots in Ostdeutschland bis 2025 um ein Fünftel, total mehr als zwei Millionen Menschen. „Um der Schrumpfung des Arbeitskräfteangebots entgegenzuwirken, wäre eine rasche und kräftige Erhöhung der Geburtenrate notwendig“, stellt die IAB-Studie fest. Den Gewerken der Glasbläser, Stricker, Thermometermacher und Handzuginstrumentenmacher würde auch das vermutlich nicht mehr helfen, denn 2008 gab es in diesen Berufen nicht einen Lehrling. EinAlarmsignal für Handwerksverbände, wie dem Zentralverband der Augenoptiker (ZVA). „Ja, in unserer Branche gibt es einen Fachkräftemangel“, bestätigt der ZVA und sagt diesem mit Nachwuchswerbung, Fort- und Weiterbildungen sowie einer anvisierten Neu- bzw. Höherpositionierung des Berufes den Kampf an.

Auch Holger Schwannecke, Geschäftsführer des ZDH, will dem Fachkräftemangel die Stirn bieten. Er fordert die Weiterentwicklung des Ausbildungspaktes zum „Pakt für Fachkräftesicherung“. „Dieser Pakt muss Wege finden, um sämtliche Potenziale auf dem Ausbildungsmarkt zu erschließen“, fordert Schwannecke. Welche Potenziale das sind und wie sie ausgeschöpft werden sollen, steht noch nicht fest. Immerhin hat der Verband die Fachkräftesicherung auf der Agenda. Aus gutem Grund, denn etwa 9000 Handwerkerlehrstellen blieben in diesem Jahr unbesetzt, 50 Prozent mehr als 2008. „Erschwerend kommt hinzu, dass viele Schulabgänger nur wenige Handwerksberufe kennen“, so der ZDH. Hier gebe es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Bis der Pakt seine Wirkung entfaltet, können Betriebe ihren Mitarbeiterbedarf selbst sichern. Zirka 50000 Ausbildungen wurden 2008 im Handwerk abgebrochen. Unternehmen können diese Quote senken, indem sie ihre Ausbilder verstärkt berufs- und arbeitspädagogisch schulen. Diese könnten vor allem benachteiligte Jugendliche berufspädagogisch begleiten.

Mehr Ausländer anwerben

Die Rekrutierung ausländischer Lehrlinge wäre auch eine Möglichkeit, Fachkräfte zu finden und zu binden. Bereits Mitte 2008 schlug ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer vor, „Jugendliche aus grenznahen Regionen in Polen oder Tschechien für eine Ausbildung in Deutschland zu gewinnen“.

In Sachen Nachwuchswerbung raten Ulmer und Ulrich Ausbildern, sich nicht ausschließlich auf Haupt- und Realschüler zu konzentrieren. Anreize müssten geschaffen werden, um Abiturienten zu begeistern, wie auch Bachelor-Absolventen. Die Lehre an Fachhochschulen ist so konzipiert, dass Absolventen wissenschaftlich und praktisch ausgebildet die Hochschule verlassen.

Wer eine langfristige Personalplanung betreibt, kann die Träume so einiger Jugendlicher guten Gewissens ignorieren. Außerdem: Ob Bäcker Heiner Kamps oder Friseur UdoWalz – Ruhm, Reichtum und Handwerk schließen sich alles andere als aus. –

– Iris Stelter

– redakteur@handwerk-magazin.de