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Ehrenamt Hilfsprojekt statt Baustelle

Im Urlaub die Füße hochzulegen ist nicht jedermanns Sache. Viele Handwerker engagieren sich stattdessen bei einem Hilfsprojekt. handwerk magazin stellt ehrenamtlich tätige Handwerker vor.

Man kann auch mal was zurückgeben“, sagt Markus Werner. „Ich bin Anfang 50, habe alles, was ich brauche, bei mir ist alles im Leben rund gelaufen.“ Und genau darum engagiert sich der Inhaber der Paul Werner Baudekoration in Villmar ehramtlich. „Rumänien ist eigentlich nicht weit von uns“, sagt er, „und trotzdem ist dort vieles sehr anders. Wir wissen oft gar nicht, wie gut es uns in Deutschland geht.“ Dreimal war er seit 2009 in Rumänien. Dort wird durch das Projekt „Deutsches Handwerk hilft“, einer Initiative der Peter Maffay Stiftung, der Deutschen Handwerks Zeitung und handwerk magazin, die Kirchenburg Radeln wieder aufgebaut, um daraus einen Rückzugsort für Kinder in Not zu machen. Werner stellte in der Kirchenburg seine Arbeitskraft für dreimal eine Woche kostenlos zur Verfügung: Er lackierte die Einfassung des Dorfbrunnens, strich Teile des Pfarrhauses, rüstete die Kirche mit einem von ihm gespendeten Gerüst von innen ein.

Von Villmar bei Frankfurt am Main bis zur Kirchenburg Radeln sind es knapp 1700 Kilometer. Markus Werner fuhr sie die letzten Male mit dem Auto und will auch bei künftigen Einsätzen so anreisen - quer durch Deutschland, Österreich und Ungarn bis nach Rumänien. „Etwa 26 Stunden ist man mit dem Lkw unterwegs“, sagt er. „Die Spritkosten liegen insgesamt für alle drei Fahrten bei rund 2000 Euro.“ Bevor er das erste Mal nach Rumänien aufbrach, informierte er sich: Welche Impfungen brauche ich? Wie ist die Kriminalität an der Strecke? Wo werde ich dort übernachten? Und dann fuhr er ziemlich spontan los. „Ich bin seit Jahrzehnten Maffay-Fan“, sagt Markus Werner. „Und mich fasziniert dieses Projekt: Ein komplettes Dorf neu aufzubauen und mit Leben zu füllen. Da wollte ich dabei sein.“

Viele Handwerker packen an

So wie er denken viele Handwerker. Seit Sebastian Szaktilla, Projektleiter für den Wiederaufbau der Kirchenburg, dort aktiv ist, waren Ofenbauer bei ihm, Steinmetze, Parkettleger, Maurer oder Dachdecker. „Wir haben in diesen vier Jahren sehr viel erreicht“, sagt Szaktilla. Das Kinderferienheim wurde fertiggestellt, sodass vernachlässigte, missbrauchte oder traumatisierte Kinder dort Hilfe und Geborgenheit finden. Bauernhäuser und Nebengebäude wurden aufgebaut, an der Kirche wird gearbeitet. 2013 soll es neben einer Käserei und einer Autowerkstatt auch einen Biobauernhof und ein Gästehaus geben. „Uns geht es nicht darum, nur eine Kirchenburg wieder aufzubauen“, sagt der Architekt. „Wir haben dieses Projekt nachhaltig angelegt. Wir wollen mit den Dorfbewohnern zusammen für sie eine Zukunft schaffen mit Arbeitsplätzen. Wir wollen die Wirtschaft dort in Gang setzen.“ Obwohl schon viel erreicht wurde, gibt es noch mehr zu tun: Das große Projekt für das kommende Jahr wird die Herrichtung des großen Kultursaals gegenüber dem Pfarrhaus sein. Speziell für Frühling und Sommer 2013 sucht Sebastian Szaktilla noch freiwillige Helfer aus Deutschland, denn in Radeln müssen beispielsweise Balken repariert, das Dach gedeckt, der Putz erneuert werden.

Geigenreparatur im Himalaya

All diese Arbeiten kann Regina Stützle nicht übernehmen, denn sie ist Geigenbauerin. Aber auch sie engagiert sich ehrenamtlich: Drei Mal war sie bisher bei einem Projekt der Jesuitenmission in Indien, im Himalaya, das letzte Mal sogar für ein ganzes Jahr. Dafür hatte sie ihre Festanstellung gekündigt. Dort reparierte Regina Stützle an der Gandhi Ashram Schule in Kalimpong Geigen. Die Schule, etwa 1500 Kilometer von der Hauptstadt Delhi entfernt, hat einen Schwerpunkt auf Musik gelegt. Darum lernen an der Schule arme Bauernkinder nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch beispielsweise Geige spielen - und das mit großem Erfolg. Doch weil es im Himalaya sehr feucht und oft sehr heiß, aber auch kalt ist, geht vieles kaputt. Neben den Geigen, die ständig repariert werden müssen, haben beispielsweise auch die Kunststoffzwingen aus Deutschland nicht lange gehalten. Das wurde für Regina Stützle zu einer Herausforderung, denn nun fehlte ihr passendes Werkzeug. Doch dies sei nur eine von vielen Situationen gewesen, in denen ihr Improvisationsgeschick gefragt war, sagt sie. „Ich war auf mich selbst gestellt und musste ständig Entscheidungen treffen und Dinge ausprobieren. Es gab niemanden, den ich hätte um Rat fragen können - und dabei habe ich so viel gelernt, dass ich unter anderem deswegen beschlossen habe, mich zu Hause selbständig zu machen“, sagt Regina Stützle. „Trotzdem werde ich auf jeden Fall wieder nach Kalimpong reisen, denn dort gibt es viel zu tun, und meine Arbeit ist sinnvoll.“

Sinn - darum geht es auch Christoph Timme. Der Tischlermeister aus Eilsleben hat vor zehn Jahren mit seinem Vater im Südwesten von Tansania, nördlich des Malawi-Sees, eine Tischlerei aufgebaut. Dazu kam es, nachdem 1987 zwei tansanische Diakonieschüler bei seinem Vater, dem damals die Tischlerei gehörte, eine praktische Ausbildung machten. Diese bauten in Tansania ein Diakoniezentrum auf, und als sich 2001 die Zollbestimmungen dort änderten, wurden die Eilslebener aktiv: Sie schickten Material und Werkzeug, das für den Aufbau einer Tischlerei notwendig ist, und waren seither viermal selbst vor Ort, zuletzt im Spätsommer diesen Jahres. „So eine Auszeit für knapp vier Wochen muss natürlich gut vorbereitet werden“, sagt Timme. Er arbeite vorher und nachher dementsprechend mehr und setze seinen Jahresurlaub für die Hilfe in Tansania ein. Seine Tischlerei schließt in dieser Zeit: „Wir machen Betriebsferien“, erklärt er. Von seinen neun Mitarbeitern habe bisher keiner den Wunsch geäußert, sich dort einmal ehrenamtlich einzubringen, „aber wenn sie das wollten, würden wir sicherlich eine Möglichkeit finden“.

Auf der Suche nach dem Sinn des Tuns

Timme findet es wichtig, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Der Aufbau einer Tischlerei in einem anderen Land an sich ist schon ungewöhnlich, doch dieses Projekt ist noch spezieller: In der Tischlerei arbeiten Behinderte. Sie stehen in dem afrikanischen Land für gewöhnlich am äußersten Rand der Gesellschaft. „Durch die Kompetenz, die sie in der Tischlerei erwerben, werden sie aber plötzlich zum Hauptverdiener der Familie, sind wohl angesehen, heiraten, bauen Häuser. Das wäre sonst nicht möglich“, sagt Timme. Für ihn ist klar, dass die Kooperation fortbestehen soll: „Wir unterstützen Freunde“, sagt er. Derzeit wird eine neue, größere Tischlerei gebaut. „Sie wird eines der größten Gebäude im Ort und wird zweistöckig“, sagt Timme. Außerdem wollen die Eilslebener auch künftig die Ausbildung vor Ort unterstützen, und sie denken darüber nach, einem Tansanier eine Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen. Das würde wiederum die Arbeit in dem afrikanischen Land erleichtern und verbessern. Christoph Timme: „Manchmal liegt die Lösung für ein Problem sehr nah. Man muss sie nur finden.“ ◇

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Wie sich Handwerker am Bau der Kirchenburg in Radeln und an anderen Projekten beteiligen können. handwerk-magazin.de/12_2012

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