Hochschule | Handwerker ohne Abitur können an Hochschulen studieren. Die Meisterausbildung bereitet aber oft nicht genug vor. Große Veränderungen erwarten die angehenden Studenten.
Erst das Studium macht den Meister
Von wegen Hörsaal. Auf dem Stundenplan von Robin Thiele standen zu Beginn seines Studiums erst einmal zwei Semester Nachhilfe und ein zusätzlicher Vorbereitungskurs. Inzwischen studiert der Handwerksmeister richtig und ohne Hilfestellung Elektrotechnik im fünften Semester an der Fachhochschule Jena.
Wie Thiele entscheiden sich immer mehr Handwerker für ein Hochschulstudium. Dank eines Beschlusses der Kultusministerkonferenz (KMK) sollen es Meister und Gesellen leichter haben, zu studieren. Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen haben sie schon seit mehr als 15 Jahren. Was eine Erleichterung sein sollte, entpuppt sich in der Praxis indes als Hürde. Zum einen stellt jedes Bundesland eigene Zugangsregeln auf. Zum anderen qualifiziert der Meisterbrief nicht immer für eine universitäre Ausbildung. „Studierte Handwerker sind gefragt auf dem Arbeitsmarkt, müssen aber vor der Uni besser vorbereitet werden“, schlägt Gunter Schweiger, Präsident der Fachhochschule Ingolstadt und Vorsitzender von Hochschule Bayern e.V., vor.
Tatsächlich hält das unterschiedliche Regeldickicht in den Bundesländern noch immer viele Handwerker von einem Studium ab. Im Wintersemester 1997/98 qualifizierten sich nur 1676 Bewerber durch ihre berufliche Erfahrung für ein Studium, zehn Jahre später zwar 10778, aber auch das waren nur 0,55 Prozent aller Studenten. Um die Quote zu erhöhen, würde die KMK gerne bundesweit einheitliche Regeln durchsetzen, doch das scheitert bislang noch an den unterschiedlichen Hochschulgesetzen der Länder. Der bisherige Konsens besagt, dass Handwerksmeister alle Fächer studieren dürfen. Einzige Ausnahme, die auch für Abiturienten gilt, sind zulassungsbeschränkte Studiengänge, die einen bestimmten Notendurchschnitt voraussetzen. Gesellen dürfen auch studieren, aber erst nach zwei Jahren Ausbildung und dreijähriger Berufserfahrung. Die Hochschulen behalten sich jedoch vor, die angehenden Studenten zu testen oder ihnen eine Probezeit von bis zu vier Semestern aufzuerlegen, um zu sehen, ob sie geeignet sind. Wenn ja, geht’s weiter an der Hochschule, wenn nicht, zurück in die Werkstatt.
Robin Thiele hat den Sprung an die Hochschule geschafft: Realschule, Lehre zum Elektroinstallateur, Meisterausbildung. „In der Meisterschule wurden aber mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.“ Antworten findet er nun an der Fachhochschule. Sie zu verstehen war allerdings zu Anfang nicht leicht. Ihm habe in Mathematik und Physik der Stoff von drei Schuljahren gefehlt. „Außerdem unterscheidet sich die Herangehensweise an der Hochschule doch erheblich von der Meisterausbildung.“
Anpassungsbedarf bestätigt Hochschulpräsident Gunter Schweiger so: „Meister und Gesellen bringen im Gegensatz zu Abiturienten eine andere Qualifikation mit. Handwerkern muss aber die Chance gegeben werden, ein Studium auch in den theoretischen Inhalten zu meistern.“ Sein Vorschlag: Propädeutika, studienbegleitende Kurse oder Weiterbildungsangebote von Handwerkskammern könnten Wissensdefizite ausmerzen. Eine Berufsausbildung sieht er trotzdem als Bereicherung, „weil Firmen gerne Hochschulabsolventen nehmen, die vorher eine Lehre absolviert haben.“
Von der Qualität der Meister und ihrer Studierfähigkeit ist Friedrich Hubert Esser, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, indes sehr wohl überzeugt. Er befürwortet, dass Meistern bereits erbrachte Leistungen für die Studienzeit sogar gutgeschrieben werden, wie es an einigen Hochschulen, die mit Handwerkskammern kooperieren bereits geschehe (siehe Tabelle Seite 34). „Unrealistisch“, meint Meister Thiele und empfiehlt jedem, der ein technisches Studium anvisiert, vorher das Fachabitur abzulegen. Ob Meister oder Geselle: „Die werden wie alle anderen auch ins kalte Wasser geworfen.“
Fachlich erfüllt die Alma Mater seine Erwartungen inzwischen voll und ganz, privat noch nicht ganz. Vom Studentenleben erhoffte sich der 30-Jährige lange Pausen und frühe Feierabende vorschnell: „Mir hat keiner gesagt, wie zeitintensiv Studieren ist“, sagt Thiele. „Ich habe jetzt eine 80-Stunden-Woche. Anders als im Job, bei dem ich nach acht Stunden die Füße hochlegen konnte.“
Ausruhen auch für Steven Wedding ein Fremdwort. Wenn er nicht am Campus der Technischen Hochschule Wildau beschäftigt ist, arbeitet der 24-jährige nebenbei als Werkstudent. Bis vor dreieinhalb Jahren war er noch als Energieelektroniker beschäftigt, entschied sich dann gegen den sicheren Job und für die Aussicht auf Karriere durch ein Hochschulstudium der physikalischen Technik. Der Nebenjob allein hält ihn nicht über Wasser. Zusätzlich bekommt er Kindergeld und BAföG. Ohne diese staatliche Unterstützung könnte er nicht studieren. Ein warmer Geldregen ist für ihn inzwischen auch das Ergebnis seiner jährlichen Einkommensteuererklärung. Hier stellt er dem Fiskus alle Ausgaben für sein Studium in Rechnung. -
Iris Stelter
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