Ein Gewinner und zwei Finalisten

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Goldener Bulli

Bei der Preisverleihung des „Goldenen Bulli“ wurden neben Gewinner Roland Ketterer auch die Projekte von Bäckermeister Richard Nußbaumer und Maler Ulrich Temps gewürdigt. Hier die Laudationes für alle drei Finalisten:

Olaf Deininger hält die Laudatio für Roland Ketterer – © Henning Scheffen

Laudatio von Olaf Deininger, Cheredakteur von handwerk magazin, auf den Gewinner des Goldenen Bulli, Roland Ketterer

Wenn es eine Lehre aus den letzten Jahren gibt, dann diese: Wir leben in einer Zeit, in der jedes Problem auf diesem Globus früher oder später bei uns hier in Mitteleuropa ankommt.

Sei es der Klimawandel, seien es faule Hypothekenkredite, überschuldete Staaten, seien es nicht oder nur kaum überlebensfähige ehemalige Kolonien, Armut, Hunger, Seuchen, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung, Folter oder Bürgerkriege.

Das sehen wir heute in Niedrigzinsen, die unsere Altersvorsorge auffressen, in Kriminalität, in Populismus, im Rechtsruck vieler westlicher Gesellschaften, im Wiederentstehen von Staatsreligionen und Fanatismus, in der Sehnsucht nach einem starken Führer – wie in der Türkei oder den USA. Und wir sehen das ganz deutlich in steigenden Migrantenströmen, die seit Jahren Europa und unser Land erreichen.

Wir müssten verstanden haben, dass wir alle in einer Welt leben, alle im gleichen Boot sitzen. Und speziell wir Deutschen sollten wissen, dass selbst eine noch so gesicherte Grenze nicht unüberwindbar ist. Das bedeutet: Wir müssen beginnen, die Probleme dieser Welt, unserer Welt, dort zu lösen, wo sie entstehen.

Und hier ist die Verbindung zur Firma Roland Ketterer Bäder und Sanitär aus Donaueschingen im Schwarzwald im Südwesten der Republik.

Tansania liegt im Osten Afrikas. Das Land war bis zum Ende des ersten Weltkriegs die Kolonie Deutsch-Ostafrika, dann zwischen Engländern und Belgiern aufgeteilt. 1961 wurde Tansania unabhängig. Der erster Staatspräsident Julius Kambarage Nyerere versuchte einen afrikanischen Sozialismus aufzubauen. 1992 endete das Einparteiensystem, 1995 fanden zum ersten Mal seit den 1970er Jahren demokratischeWahlen statt.

Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei weniger als 60 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit beträgt 75 pro 1.000 Geburten, die Müttersterblichkeit 95 pro 10.000 Geburten. Etwa 60.000 Tansanier sterben jährlich an den Folgen einer Malaria-Erkrankung. Ebenfalls stellt eine Malaria-Erkrankung die häufigste Todesursache bei Kindern dar. 75 % der Bevölkerung leben in Gebieten, die mehr als 6 Monate im Jahr als gefährdet gelten. Der Alphabetisierungsgrad für Personen ab 15 Jahren wurde 2012 auf 67,8 % geschätzt.

Im Jahr 2010 hat Roland Ketterer in Chala, das zwischen Burundi und Malawi liegt, einen 60 Meter tiefen Trinkwasserbrunnen gebaut, der mit einer Grundfos-Pumpe arbeitet, die von  9 Solarpanelen angetrieben wird.

Damit die Menschen in Chala diese Anlage selbst warten können, baut er jetzt eine Gewerbeschule für die Bereiche Solarstrom und Wasser. Ende 2018 soll sie in Betrieb gehen. Pensionierte deutsche Gewerbeschullehrer hat er bereits gefunden.

„In Afrika ist der wichtigste Punkt die Bildung“, sagt Roland Ketterer. Er möchte helfen, in Tansania einen Mittelstand aufzubauen.

Das soziale Engagement der Firma Ketterer ist auszeichnungswürdig, weil es uns deutlich macht, dass wir auf Dauer die Probleme der Welt nur dort lösen können, wo sie entstehen. Wenn es uns gelingt, in Afrika und allen anderen – lassen Sie mich sagen ­- Problemgebieten bessere Lebensbedingungen zu schaffen, dann muss niemand mehr seine Heimat verlassen.

Ich freue mich, dass wir heute das Engagement von Roland Ketterer und seiner Familie auszeichnen können.

Laudation von Steffen Range, Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung, auf den Finalisten Richard Nußbaumer

Indien gilt als Wirtschaftsmacht im Wartestand. Etliche Computerprogramme, die wir tagtäglich nutzen, wurden in Indien programmiert. Und hin und wieder hängen wir in der Warteschleife eines indischen Callcenters.

Doch Industrie und IT sind nur eine Seite der Medaille. Abseits der Großstädte herrscht bittere Armut in Indien. Das Kastenwesen verhindert den gesellschaftlichen Aufstieg ganzer Bevölkerungsgruppen. Millionen Menschen hungern.

Den Ärmsten der Armen hat sich Bäckermeister Richard Nußbaumer aus Waldbronn angenommen. In Mi-tra-ni-ke-tan, einem Dorf in Südindien, unterstützt der Handwerker eine Internatsschule für bis zu 350 Vollwaisen und Kinder aus ärmsten Familien. Mi-tra-ni-ke-tan heißt übersetzt „Stätte der Freunde“. Und Nußbaumer und seine Projektpartner machen diesem Namen alle Ehre. Eindrucksvoll nutzt er sein Wissen und seine Fähigkeiten als Bäckermeister, um den Menschen in Südindien Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

Es ist nunmehr fast zehn Jahre her, dass in Mi-tra-ni-ke-tan eine Containerbäckerei ihren Dienst aufnahm. Techniker aus Deutschland brachten die Öfen ans Laufen. Einer von Nußbaumers Meistern zeigte den angelernten Handwerkern aus Indien, wie sie eine Backstube wirtschaftlich betreiben. Das war kein leichtes Unterfangen, bei 45 Grad im Schatten und indischer Hefe, die viel langsamer geht als deutsche!

Doch der Erfolg der Containerbäckerei kann sich sehen lassen: War die Ernährung der Schulkinder zuvor mangelhaft, oft gab es nur Reis, wurde nun der Speiseplan um Brot und Brötchen bereichert. Sogar Vollkornbrot gibt es, was in Asien alles andere als selbstverständlich ist. Inzwischen versorgt die Bäckerei Schulen, Hotels und Krankenhäuser in der Umgebung mit Backwaren – und trägt sich fast selbst. Kürzlich wurde sogar eine größere gemauerte Backstube errichtet.

Dieser Erfolg wäre ohne Hilfe aus Deutschland nicht möglich gewesen. Vereine, Schulen und Handwerker aus Waldbronn und Ettlingen spenden regelmäßig für das Hilfsprojekt in Südindien, es werden Benefizkonzerte abgehalten und auch der Erlös von Nußbaumers traditionellem Bäckereifrühschoppen fließt in das Projekt.

Ich freue mich und bin auch stolz, dass wir im Verbreitungsgebiet der Deutschen Handwerks Zeitung einen so engagierten Betrieb haben. Und ich denke, dass Nußbaumer in seinem Firmennamen zu Recht den Untertitel führt: Bäckerei mit Herz.

Laudatio von Lutz Odewald, Redakteur des Norddeutschen Handwerks, auf den Finalisten Ulrich Temps

Während der Arbeit, oder besser dem Vergnügen, sich mit den Einsendungen der teilnehmenden Handwerksbetriebe zu beschäftigen, hagelte es schon morgens zum Frühstück eine schlechte Nachricht nach der anderen: Nationalismus und Populismus, Putin, Assad, Brexit und zuletzt noch Trump – um nur einige Themen zu nennen.

Was für eine Wohltat, sich dann, angekommen am Schreibtisch, mit der Arbeit der Handwerker, die sich sozial engagieren, beschäftigen zu dürfen. Ehrlich, anpackend, ohne Showeffekte, dafür aber tatsächlich nachhaltig und mit hohem Einsatz durch eigene Arbeit und Zeit, durch eigene Mittel und pfiffige Ideen. Eben typisch Handwerk.

Ich habe die Ehre, Ihnen das Projekt „SPRINT – Sprach- und Integrationsprojekt für jugendliche Flüchtlinge“ der Malerei Temps aus Neustadt vorzustellen.

Die Malereibetriebe Temps sind mit etwa 265 Mitarbeitern in Neustadt am Rübenberge und insgesamt vier Standorten eine feste Größe in ganz Nord- und Mitteldeutschland. Neben Neustadt und Hamburg arbeiten die Malereibetriebe Temps seit 1990 in Magdeburg und seit 1993 auch in Berlin-Brandenburg.

Neben Privatkunden werden auch Wohnungsbaugesellschaften, große Objektgeschäfte und Industriekunden betreut.

Beim „SPRINT“ geht es darum, im Rahmen eines Modellprojektes des Kultusministeriums Niedersachsen und in Zusammenarbeit mit dem Berufsbildungszentrum Neustadt und unter anderem auch Volkswagen Nutzfahrzeuge jugendlichen Flüchtlingen den Zugang zur deutschen Gesellschaft zu vermitteln, vor allem durch den Abbau von Sprachbarrieren und das Vertraut machen mit der Berufs- und Arbeitswelt.

Ulrich Temps und sein Team sind im Rahmen des Projektes verantwortlich für die „Einführung in das Berufs- und Arbeitsleben“, also die betriebliche Praxis. Im Rahmen dieser Aufgabe nahmen sich die Absolventen dieser Maßnahme unter anderem die Sprinter-Halle vor. Laut Aussage von Firmenchef Temps das bisher größte und aussagekräftigste Symbol der gemeinsamen Anstrengungen.

Sechs Mitarbeiter und der Chef selber sind aktiv, wenn es um die Arbeit mit den Jugendlichen geht. Das Projekt zeichnet sich durch seine Nachhaltigkeit, das Engagement des Handwerksbetriebes und seiner Mitarbeiter und natürlich auch die finanziellen und vor allem zeitlichen Mittel aus, die Ulrich Temps hier einbringt. Die Selbstverständlichkeit, mit der der große Betrieb neue Bürger in seiner Mitte integriert, hat uns beeindruckt. Sogar eine eigene Fibel für die malerspezifischen Fachausdrücke ist entstanden. So etwas imponiert Journalisten, also die Handwerker der deutschen Sprache, natürlich besonders!

Das Thema Migration wird uns noch lange beschäftigen. Damit verbunden bleibt die Kern-Aufgabe Integration. Kann das Handwerk „Flüchtling“? Ulrich Temps und seine Mitarbeiter machen die Antwort auf diese Frage leicht.

Und so war es auch für die Jury ganz einfach, diese Arbeit in den engsten Kreis der Nominierten für den Goldenen Bulli aufzunehmen.