Gewerbebau Gewerbebau als Passivhaus

Wer sein Betriebsgebäude auf Passivhaus-Standard umbaut und gleichzeitig seine Produktion energetisch optimiert und dadurch selbst Energie erzeugt, kann sogar Geld verdienen.

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    © Regenauer Fertigbau
    Gewerbebauten im Passivhaus-Standard wie das der Glasbaufirma Rehm sind eine Visitenkarte für Kunden.
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    © Kaufmann
    „Dreifachverglaste Fenster sind beim Passivhaus Standard.“ Berthold Kaufmann, Experte beim Passivhaus-Institut in Darmstadt.

Der Plus-Energie-Betrieb

Roland Schüren aus Hilden führt einen Bäckerbetrieb mit 16 Filialen. Bäckereien sind energieintensiv, doch der Unternehmer verfolgt einen Plan: „Ihr Bäcker Schüren“ soll einmal energieautark sein. Schüren will nicht mehr vom Strom-, Gas- oder Ölpreis abhängig sein. Viel lieber will er selbst für die nötige Energie sorgen, und am liebsten auch Nachbarunternehmen und Wohngebäude mit Strom versorgen.

Den Anfang hat er bereits gemacht: Vor vier Jahren hat der Unternehmer seine Produktion so umgebaut, dass die Bäckerei etwa 50 Prozent weniger Energie benötigt. Sein nächstes Projekt: Die neuen Büroräume baut er als Energie-Plus-Haus.

Die Standards der Energieeinsparverordnung (EnEV) sind zwar hoch, vielen Unternehmern gehen sie dennoch nicht weit genug. Sie wollen ihren Betrieb zum Passivbau umrüsten. „Dann gilt es, die Energieeffizienzmaßnahmen noch detaillierter umzusetzen als bei der EnEV“, sagt Bert-hold Kaufmann, Experte beim Passivhaus-Institut in Darmstadt. Wer zudem sich selbst und andere mit einem eigenen Kraftwerk oder einer Fotovoltaikanlage mit Energie versorgt, arbeitet in einer Plus-Energie-Werkstatt.

Ein Passivhaus hat drei Effekte: Betriebe können nicht mit weniger, sondern mit fast keinen Heizkosten rechnen, zudem mit einer deutlich geringeren Umweltbelastung und hoher Lebensqualität. Dafür müssen Handwerker drei Maßnahmen umsetzen: ihre Gebäude dämmen, Fenster mit einem hohen Wärmeschutz einbauen und für einen geregelten Luftaustausch sorgen,

Dick einpacken

Das Dämmmaterial sollte bei Passivhäusern nicht zehn, sondern 30 bis 40 Zentimeter dick sein – je nach Beschaffenheit der Außenwände. Dreifachverglaste Fenster gehören bei Passivhäusern zum Standard. Die Besonderheit eines Passivhauses ist aber die kontrollierte Be- und Entlüftungstechnik. Die lässt sich auch nachrüsten. Als Kernstück dient die kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung mit zwei Ventilatoren. Frische Luft von außen begegnet der verbrauchten Luft aus dem Haus über einen Wärmetauscher. Die kühlere Luft wird von der wärmeren, verbrauchten Luft erwärmt – ohne dass sich die beiden Luftströme vermischen.

Heizen mit Brot

Auch das neue Bürogebäude von Bäcker Schüren wird nach diesen Vorgaben gebaut. An der Energieeffizienz seines Betriebs hat er schon gearbeitet: Die Kühlhäuser werden anstatt mit Luft nun mit Wasser gekühlt. Für die Kühlung des Wassers hat Schüren Erdsonden ins Erdreich gebohrt. Die Abwärme der Öfen wärmt mit 55 Grad Warmwasser und Heizung, mit 85 Grad ersetzt sie auch Spülmaschinen und Abtauanlagen. Und eine 185 Quadratmeter große Fotovoltaik-Anlage versorgt den Betrieb mit Strom. Die innovativste Neuerung: Altes Brot, das nicht mehr verkauft, der Tafel zur Verfügung gestellt oder für Paniermehl verwendet werden kann, beheizt gemeinsam mit Holzpellets die Öfen.

1,2 Millionen Euro hat er investiert. Seine Energiekosten sind um 50 Prozent gesunken, der CO2-Ausstoß um 91 Prozent. In acht Jahren habe sich seine Investition amortisiert, sagt Schüren. „Wenn die Gaspreise weiter steigen, sogar schon in sieben.“ Der Hildener will nicht nur die EnEV einhalten: Bereits jetzt fließt Ökostrom von seinem Dach in eine Stromtankstelle. Auch für das neue Gebäude ist eine Fotovoltaik-Anlage eingeplant. Bis 2014 verschenkt Schüren seinen Strom an Mitarbeiter und Kunden. Wenn er es hinbekommt, die restliche Abwärme in Strom umzuwandeln, könnte er seinen Betrieb künftig energieautark betreiben – oder den übrigen Strom an Nachbarn verkaufen. ◇

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