Während die Großbetriebe gerne mit ihren guten Taten prahlen, handeln die Chefs im Handwerk lieber im Stillen. Wie Sie Ihr Image behutsam verbessern, ohne zu klotzen.
Gewinnen mit guten Taten
Was bringt einen erfolgreichen Malermeister dazu, zusätzlich zum eigenen Unternehmen einen fremden Betrieb mit über 20 Mitarbeitern zu führen? „Ich war der Einzige, der helfen konnte, also habe ich es getan“, erinnert sich Markus Viesel in Waldkirch an die dramatische Situation im Baseler Klinikum. Wie häufiger im Sommer war der Malermeister mit Bekannten zu einer Motorradtour im Schwarzwald aufgebrochen. In einer Kurve passierte es dann: Kollege Lothar Kiefer, den Viesel bis dahin nur flüchtig kannte, rutschte weg, sein Bein geriet durch den Sturz unglücklich zwischen Maschine und Leitplanke. Kiefer wurde daraufhin samt dem fast abgetrennten Bein ins Baseler Klinikum transportiert, wo die Ärzte um sein Leben rangen.
Als Nicole Kiefer, die ebenfalls zur Motorradrunde zählte, den inzwischen eingetroffenen Mitfahrern verzweifelt ihre Situation erklärte, bot Markus Viesel selbstlos seine Hilfe an: „Für mich war es die Frage, ob ich damit leben kann, dass eine Familie pleitegeht und 25 Mitarbeiter ihren Job verlieren“, erklärt Viesel seine Beweggründe. Da er organisatorisch gut aufgestellt war und in seinem Betrieb die zweite Führungsebene hatte, die dem Kollegen Kiefer bis dato fehlte, war die Hilfe für Viesel selbstverständlich: „Die Sache hat uns alle sehr viel Kraft gekostet, doch ich würde immer wieder so handeln.“
Profil in der Region schärfen
Außergewöhnlicher Einzelfall oder typisches Spiegelbild einer Branche, die lieber handelt als über gute Taten zu reden? Petra Janeczka, Strategieberaterin im bayerischen Rosenheim, kennt die Einstellung der Chefs aus zahlreichen Gesprächen: „Viele Maßnahmen sind für den Unternehmer so selbstverständlich, dass er gar nicht auf die Idee kommt, darüber zu reden.“ Eine, wie die Expertin für Neo-Ökologie findet, vertane Chance, das Image eines Betriebs in der Öffentlichkeit zu positionieren. Schließlich wollen die Kunden heute auch hinter die Kulissen schauen und wissen, wer ein Produkt produziert, woher die Materialien stammen und wie es hergestellt wird. „Neo-Ökologie ist das Zusammenspiel von ökonomischem, ökologischem und sozialem Engagement, hier sollte sich jeder Betrieb in seiner Region positionieren, denn das ist der wichtigste Wachstumsmarkt der Zukunft.“
Wie eine Studie des TÜV Rheinland zeigt, sind die Klein- und Mittelbetriebe jedoch weit davon entfernt, ihre Aktivitäten (Übersicht siehe Tabelle unten) auch zu kommunizieren: 44 Prozent der Unternehmer gaben an, ihre Projekte ohne Einbeziehung der Öffentlichkeit abzuwickeln.
Auszeichnung bei Förderpreis
Malermeister Lothar Kiefer, der seine Dankbarkeit für den Kollegen Viesel bis heute nicht in Worte fassen kann, hat einen guten Weg zur Anerkennung von Viesels Engagement gefunden. Durch seine Bewerbung beim Robert-Murjahn Förderpreis für außergewöhnliche Initiativen im Maler- und Lackiererhandwerk wurde Viesel vom Helfer zum Preisträger. Die Jury würdigte nicht nur den fünf Monate dauernden, täglichen Spagat zwischen Viesels Betrieb in Waldkirch und Kiefers Firmensitz in Freiburg, sondern auch den Einsatz für Kiefers Familie. Während Lothar Kiefer noch im Krankenhaus lag, musste sich seine Frau kurze Zeit nach seinem Unfall auch einer Operation unterziehen. Markus Viesel nahm während dieser Zeit Kiefers Sohn bei sich auf, so- dass die Jury nicht umhin kam, das Engagement insgesamt „als kleine soziale Revolution im Malerhandwerk“ zu bezeichnen.
Wie nach solchen Auszeichnungen üblich, hat der mit 15000 Euro dotierte Preis auch bei Markus Viesel dafür gesorgt, dass in der Region und in seiner Branche über ihn gesprochen wird. Besonders gefreut hat er sich über das schriftliche Lob seiner Bank, zum Teil verloren gegangene Werte wiederbelebt zu haben. So sehr Viesel die Anerkennung schätzt, sie ist bei aller notwendigen unternehmerischen Denkweise nicht seine eigentliche Motivation: „Ich bin grundsätzlich ein hilfsbereiter Mensch, der auch mal anhält, wenn ein Autofahrer am Straßenrand Hilfe braucht.“
Persönliche Werte leben
Dass die konsequente Umsetzung der persönlichen Werte im Unternehmensalltag kein Einzelfall ist, zeigt eine Studie der EU-Kommission zum „Gesellschaftlichen Engagement im Mittelstand“ (siehe Chart Seite 34 oben). So ist die Übernahme von Verantwortung für 57 Prozent der Unternehmer schlichtweg eine Folge der eigenen Strategie, die im Handwerk naturgemäß eng mit den persönlichen Werten des Chefs verknüpft ist. „Was mir persönlich wichtig ist, übernehme ich auch im Betrieb, da falle ich ja nicht plötzlich auseinander“, erklärt der Hamburger Goldschmiedemeister Thomas Becker. So achtet der Chef von sieben Mitarbeitern etwa bei Neueinstellungen darauf, dass sich der Bewerber ehrenamtlich engagiert. „Ich will Mitarbeiter, die nicht nur an sich selber denken, sondern sich auch für das Gemeinwohl einsetzen.“
Er selbst engagiert sich seit vielen Jahren unermüdlich dafür, Kunden und Kollegen über den in vielen Ländern umweltschädlichen und menschenunwürdigen Abbau von Gold zu informieren. Sein Ziel, möglichst nur umweltgerecht und fair abgebaute Rohstoffe zu verarbeiten, hat ihm anfangs in der Branche sogar den Vorwurf eingebracht, etwas „weltfremd“ zu sein. Inzwischen ist „der etwas andere Kollege“ nicht nur Obermeister der Hamburger Innung, sondern hat für sein vielfältiges Engagement bei regionalen und internationalen Projekten bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Becker freut sich aufrichtig über das Lob, nutzt sein Engagement aber nicht aktiv zu Marketingzwecken: „Mein Ziel ist es nicht, dass alle Kunden nur noch bei mir kaufen, sondern ich will in den Köpfen etwas bewegen.“
Wie gut die Devise „handeln statt reden“ funktioniert, zeigt sich daran, dass inzwischen auch einige Kollegen von Becker auf fair gehandeltes Gold „umgestiegen“ sind.
Auch Malermeister Markus Viesel hat inzwischen festgestellt, wie sehr sein Verhalten die Gedanken der Kollegen beschäftigt. Bei der Preisverleihung in Köln waren er und Lothar Kiefer als Gesprächspartner derart gefragt, dass sie erst bei der Heimfahrt im Zug dazu kamen, einmal in Ruhe auf Viesel’s Auszeichnung anzustoßen. ◇
kerstin.meier@handwerk-magazin.de
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