Politik -

Zukunft: „Dienstleistungen werden mobiler“

Dienstleistungen verändern in den kommenden Jahren ihren Charakter: Sie werden mobiler, internationaler und dadurch handelbarer, meint Henning Vöpel, Direktor des Hamburger WeltWirtschaftsInstituts.

Knarzender Parkettboden, der wahrscheinlich bereits zwei Jahrhundertwechsel gesehen hat, dunkle Holztäfelung an den Wänden, Stuck an den hohen Decken, eine schmucke kleine Villa in Hamburgs noblem Stadtteil Rotherbaum, unweit der Außenalster. Vor der Tür Kopfsteinpflaster. Hier residiert das 2005 gegründete „Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut“ (HWWI), ein privater „Think Tank“, der von der Handelskammer Hamburg und der Universität Hamburg als Gesellschafter getragen wird. Im ersten Stock macht das gigantische Modell eines Containerschiffes das Thema klar.

Wie gut ist das deutsche Handwerk für den internationalen Wettbewerb aufgestellt?

Henning Vöpel: Typischerweise ist Handwerk ja eine regional und lokal angebotene Dienstleistung. Aber wir beobachten auch, dass sich das Handwerk zunehmend internationalisiert. Dienstleistungen werden zunehmend mobiler, auch über Landesgrenzen hinweg. Hier muss sich das Handwerk für die Zukunft aufstellen. Dabei sind zwei Faktoren relevant. Erstens: die nationale Regulierung wird zunehmend zum internationalen Wettbewerbsfaktor. Zweitens: die Entwicklungen auf den internationalen Märkten gewinnen an Bedeutung. Das bestimmt, wie gut das Handwerk hier aufgestellt ist und was es tun sollte, um auch für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.

Konkret, in welchen Bereichen ist das Handwerk international gut aufgestellt und in welchen nicht?

Das deutsche Handwerk ist deshalb gut aufgestellt, weil man die technische Entwicklung in der Industrie immer mitgemacht hat. Deutschland hat sich ja dadurch ausgezeichnet, dass wir auch in der Krise einen starken industriellen Kern hatten. Es gab Anfang der Zweitausender-Jahre auch unter Ökonomen die Vermutung, dass wir unsere gesamte Volkswirtschaft umstrukturieren und eher den Terziärsektor, also die Dienstleistungen, ausbauen müssten.Deutschland hat deshalb die Krise gut überstanden, weil wir Industrie haben. Und das ist auch für das Handwerk eine gute Nachricht. Denn es gibt viele Dienstleistungen des Handwerks, die im Umfeld der Industrie angesiedelt sind.

Beim Terziärsektor hat sich ja dann herausgestellt, dass er gar nicht die Wertschöpfungstiefe hat, die man sich erhofft hatte. Sehen Sie diese Wertschöpfungstiefe im Handwerk?

In jedem Fall. Das Handwerk ist teilweise sehr viel komplexer geworden. Unter den Dienstleistungen gibt es die sogenannten wissensintensiven Dienstleistungen. Diese sind zumeist sehr eng an die Industrie gekoppelt. Davon sind etliche wiederum im Handwerk angesiedelt.

Haben die erneuerbaren Energien eine Art exportfähiges Know-how für das Handwerk geschaffen?

Ja, Deutschland ist ja international Vorreiter im Bereich der Energiewende. Hier ist sehr viel Innovation entstanden. Es ist geschickt, immer zu schauen, wo Innovationen entstehen, die Rückkopplungseffekte auf das Handwerk haben. Hier sollte das Handwerk Schritt halten. Neben aller regulatorischen Unsicherheit, die ja für das Handwerk besteht, kann man aber davon ausgehen, dass die Bereiche Energie, ­Klima und Umwelt in den nächsten zehn Jahren oder länger einen Markt bieten, der attraktiv bleiben dürfte.

Im Energiebereich gibt es zwei Schwerpunkte: Netzausbau, also der Ausbau zu einem intelligenten Netz, das Lastspitzen managen kann und über Speicherkapazitäten verfügt, sowie Repowering, also der Austausch alter durch effektivere Anlagen. Sind das relevante Märkte für das Handwerk?

Absolut, wir beobachten, dass in der Netzinfrastruktur ständig Erneuerungs- und Erweiterungsinvestitionen notwendig sind, die immer auf neuestem technischem Niveau stattfinden. Das Handwerk muss dann hier die entsprechende Dienstleistung anbieten können. Wir sehen, dass in den Städten die Konzepte „Smart City“ und „Smart Metering“, also etwa die Ausstattung mit intelligenten Stromzählern, fortschreiten. Beides greift in alle Lebensbereiche hinein. Hier stehen wir erst am Anfang. Es ist sinnvoll, wenn sich das Handwerk an diese ­Entwicklungen sehr schnell anpassen kann. Außerdem kommen in diesem Bereich auch qualifikatorisch neue Herausforderungen auf das Handwerk zu.

Sie haben angedeutet, dass sich technische Dienstleistungen sehr stark mobilisieren. Kann man das verallgemeinern?

Das ist zum Teil bereits so und dieser Trend wird sich noch fortsetzen. Wir bewegen uns in einem europäischen Binnenmarkt, wo Wettbewerb herrschen soll und in dem ja auch Dienstleistungen verstärkt handelbar gemacht werden sollen. Sie wissen, dass es hier auch gegenüber Deutschland Vorbehalte gibt, wonach wir unser eigenes Dienstleistungsgewerbe vor internationaler Konkurrenz schützen. Das wird allerdings nicht mehr lange so weitergehen, da Brüssel darauf drängen wird, dass Deutschland den Markt öffnet. Und zwar nicht nur gegen Westen, sondern auch gegen Osten. Und das bedeutet zunehmende Konkurrenz. Es führt aber auch dazu, dass Dienstleistungen stärker handelbar werden.

Geraten Standard-Dienstleistungen, also Dienstleistungen mit einem starken Commodity-Charakter, nicht unter starken Preis- und Kostendruck, da bei gleicher Qualität sich immer der attraktivste Preis durchsetzt?

Wir werden auf jeden Fall durch die technologische Entwicklung einen höheren Spezialisierungsgrad im Handwerk bekommen. Da die Qualität über Standards und Normen geregelt ist, konkurriert man über andere Serviceleistungen. Dazu gehören etwa Pünktlichkeit, wie schnell man Kapazitäten vorhalten kann und so weiter. Aber daneben auch über den Preis. Das betrifft den eher regionalen und lokalen Markt. International sieht es anders aus: Dort muss man zusehen, dass man marktgerechte Dienstleistungen anbietet, entsprechend der dortigen Standards und Normen.

Wie stark wirken internationale Faktoren auf die Konjunktur im Handwerk?

Außenwirtschaftliche Faktoren treiben die Konjunktur des Handwerks immer stärker an, da das Handwerk zunehmend in industrielle Wertschöpfungsketten integriert ist und immer weniger private Haushalte die Nachfrage bestimmen. Der Mittelstand internationalisiert sich, und da hängt natürlich auch das Handwerk dran.

Wie sieht Ihre Konjunkturprognose für 2015 aus?

Für Deutschland ganz gut. Die Erwartungen zu Jahresbeginn 2014 waren gut, haben sich dann aber ein wenig relativiert. Wir haben unsere ­Prognose von zwei Prozent Wachstum auf 1,5 Prozent in 2014 und auf 1,3 Prozent in 2015 herabgesetzt. Deutschland wächst damit aber auf Potenzialpfad. Das heißt, wir haben ungefähr Vollbeschäftigung, der Arbeitsmarkt läuft sehr gut, die Sockelarbeitslosigkeit liegt bei deutlich unter drei Millionen, die Kapazitäten sind annähernd ausgelastet. Eigentlich ist für Deutschland alles gut, zumindest noch in 2015.

Vita: Henning Vöpel

Henning Vöpel, seit September 2014 ­Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). 2010 zum Professor für Volkswirtschaftslehre an die HSBA Hamburg berufen. Davor selbständiger Unternehmensberater.

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