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Expertentipp Work Life Balance: Wie Sie Stress im Alltag vorbeugen

Fühlen Sie sich manchmal gestresst und wissen vielleicht gar nicht genau warum? Diplom-Psychologin Ilona Bürgel in Dresden erklärt, was zu einem Gefühl von Stress führt und wie Sie das Leben entspannter genießen können.

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Mit einem Vorurteil räumt Diplom-Psychologin Ilona Bürgel gleich auf: es sind nämlich nahezu die gleichen Themen, die Männer und Frauen stressen. Zu diesem Ergebnis kam eine von der Expertin gemeinsam mit Focus online durchgeführte Umfrage, an der 1083 Frauen und 754 Männer teilnahmen. Ziel war es herauszufinden, was die Menschen in der modernen Arbeitswelt am meisten belastet. Dabei identifizierte die Expertin vier Stressfaktoren, die unglücklich im Job machen.

1. Stress ist ein Denkfehler

Wir machen es uns auch bei der Arbeit selbst schwer: Es sind nicht die ständigen E-Mails oder Anrufe, die nerven, auch nicht das Gefühl, keine Wahl zu haben. Sondern, dass wir uns zu viele Gedanken machen. Bei Männern wie Frauen bekam dieser Spitzenreiter 16 Prozent Zustimmung. Die hohen eigenen Ansprüche und der eigene Wunsch, wachsenden Anforderungen gerecht zu werden, führen dazu, dass wir uns viel zu viel aufhalsen, was wir dann aufgrund der immer weniger beherrschbaren Menge parallel erledigen.

2. Stress ist ein Ungleichgewicht

In der früheren Stresstheorie wurden positiver ( Eustress) und negativer ( Dysstress) unterschieden. Moderne Stressforscher, wie Tobias Esch, gehen inzwischen davon weg, weil die körperlichen, oft unbewusst und automatisch ablaufenden Reaktionen ähnlich sind. Es werden eher Dauer, Dosis und Angemessenheit der Stressreaktion betrachtet. Da zwischen dem Stressor oder Reiz aus der Umwelt oder auch von innen (z. B. Gedanken) und der Reaktion immer ein Individuum mit seinen Erfahrungen, Gewohnheiten, Ressourcen usw. steht, wird klar, dass es ein allgemeingültiges „gut“ oder „schlecht“ nicht geben kann. Vielmehr kommt es darauf an, wie, wie lange, wie oft und wie gut wir Belastungen von innen oder außen ausgleichen.

3. Stress ist eine Frage der Bewertung

Der gemeinsame Konsens aller Erklärungsversuche zu negativem Stress besteht in dem Ungleichgewicht von erlebten Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten. Letztere bestehen aus objektiven Faktoren, wie z. B. die zur Verfügung stehende Zeit oder Arbeitsmittel, und subjektiven, wie Zeiteinteilung, Arbeitsorganisation oder Belastbarkeit. Ausschlaggebend ist vor allem die Bewertung einer Situation z. B. als Überforderung, Einschränkung oder nicht handhabbar. Einen Vortrag vor ausgewählten Kunden zu halten, eine lange Strecke Auto zu fahren oder ein Jahresgespräch mit dem Chef sind Situationen im Alltag, die von der einen Person als spannend und angenehm, von einer anderen als belastend, ja sogar bedrohlich erlebt werden.

4. Stress ist eine Sucht

Jahr für Jahr ist der liebste Vorsatz der Deutschen zum Jahresende, weniger Stress im neuen Jahr zu haben. Immerhin halten sich statistisch gesehen etwa die Hälfte an ihre guten Vorsätze, doch offenbar ohne Erfolg. Sonst stünden dieselben Vorsätze nicht im Folgejahr wieder auf der Tagesordnung. Das Stresshormon Cortisol wird vom Körper produziert, um die notwendigen Veränderungen zu steuern. Wir atmen schneller, die Muskeln werden angespannt, Körper und Geist werden in Bruchteilen von Sekunden darauf vorbereitet, zu reagieren. Das ist die gute Seite, sonst wären wir nicht handlungsfähig und würden im Übrigen auch morgens das Bett kaum verlassen. Die andere Seite der Medaille ist, dass Cortisol im Körper wie eine Droge wirkt und abhängig macht.

Vorsicht: Botenstoffe lassen Stresslevel automatisch steigen

Das Gehirn bevorzugt Bekanntes, selbst wenn es nachteilig für uns ist. Der Teufelskreis ist schwer zu durchbrechen und irgendwann wird Stress als Normalzustand erlebt, den man immer wieder sucht. Das geschieht ganz unbewusst und automatisch. Wir schaffen Erlebnisse und Umstände, die uns stressen, weil das vertraut ist. Auf der Gehirnebene wird immer wieder auf die Botenstoffe und Hormone hingearbeitet, die vertraut sind. Leider gewöhnt sich das Gehirn an alles und der Wohlfühlbotenstoff Dopamin nutzt sich ab. Wir brauchen dann andere Reize oder eine größere Menge, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Für den Stress heißt das eben leider auch, dass wir mehr Anstrengung, mehr Stress suchen. Die biochemische Reaktion auf Stress wird zur Gewohnheit.

Fazit der Expertin: „Überforderung am Arbeitsplatz durch Stress entsteht insbesondere dann, wenn wir den Belastungen nicht genug entgegenzusetzen haben und wenn ein Ungleichgewicht aus Anforderung und körperlichen und geistigen Ressourcen entsteht.“

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