Politik -

ZDH fordert Verlängerung Willkommenslotsen - Integration von Flüchtlingen im Handwerk

Das Programm „Willkommenslotsen“ richtet sich an Unternehmen aller Größenklassen und konzentriert sich auf das Ziel, Betriebe aktiv bei der Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit zu unterstützen. Allerdings soll die Förderrichtlinie zum 31.12.2018 auslaufen.

Themenseiten: TS Flüchtlinge und TS Ausbildung

Seit dem Schwerpunktjahr 2015 suchen zahlreiche Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Not aus ihrer Heimat geflüchtet sind, Asyl und Schutz in Deutschland. Die meisten dieser vorwiegend jungen Menschen haben absehbar keine Perspektive, in ihr Heimatland zurückzukehren. Angesichts der sich abzeichnenden demographischen Entwicklung in Deutschland stellt sie hier eine Chance für den deutschen Arbeitsmarkt dar. Der zentrale Schlüssel neben Ausbildung und Arbeit sind die zwingend zu erwerbenden Sprachkompetenzen für eine erfolgreiche soziale und berufliche Integration. Die Erschließung der Beschäftigungspotenziale von bleibeberechtigten Flüchtlingen kann dabei nicht nur ihre persönliche Integration erleichtern, sondern auch einen Beitrag zur Linderung der Fachkräfteknappheit und zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme leisten.

Wer und was steckt hinter dem Programm Willkommenslotsen?

Unter dem Dach der Allianz für Aus- und Weiterbildung haben Bund, Wirtschaft, Gewerkschaften und Länder Ende 2015 zentrale Maßnahmen zur Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung abgestimmt. In der daraus resultierenden Erklärung „Gemeinsam für Perspektiven von Flüchtlingen“ haben sich die Allianzpartner u.a. auf die Einrichtung sog. „Willkommenslotsen“ als Unterstützung für die Betriebe bei der Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung verständigt. Sie werden seit März 2016 durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Allerdings ist die Förderrichtlinie nach aktuellem Stand bis zum 31.12.2018 befristet, eine Fortsetzung wird jedoch angestrebt.

Mit Hilfe von Auswahlgesprächen versuchen die Willkommenslotsen die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Flüchtlinge richtig einzuschätzen, eine Vorauswahl geeigneter Bewerber/innen zu treffen und den Betrieben möglichst passgenaue Vorschläge zu unterbreiten. Bei diesem Prozess kooperieren die Willkommenslotsen mit zahlreichen anderen regionalen und überregionalen Akteuren. Darüber hinaus unterstützen sie Unternehmen bei allen Fragen rund um die Integration von Flüchtlingen in ausbildungsvorbereitende Maßnahmen, duale Ausbildung oder Beschäftigung.

Das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung im Institut der deutschen Wirtschaft schult die Willkommenslotsen kontinuierlich bezüglich der rechtlichen Rahmenbedingungen, die für die Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen und deren Integration in den Arbeitsmarkt relevant sind. Seit März 2016 wurden bis heute mit Hilfe der Willkommenslotsen insgesamt 16.593 Hospitations-, Praktikums-, Einstiegsqualifikations-, Ausbildungs- und Arbeitsplätze besetzt. Da mittlerweile die Sprachkenntnisse und Ausbildungsreife der Flüchtlinge immer besser werden, können in der Zukunft noch mehr Flüchtlinge als schon bislang nachhaltig in die Arbeitsmärkte integriert werden. Die positiven Wirkungen des Programms werden nicht nur durch zahlreiche Meldungen von Unternehmen bestätigt, die auf diesem Wege ihren Fachkräftebedarf mit passendem Personal besetzen konnten, sondern auch durch eine unabhängige Evaluation.

Integration von Geflüchteten im Handwerk ist weiterhin erforderlich

Durch die Förderung von Willkommenslotsen wurde 2016 ein Instrument geschaffen, das einen wertvollen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen insbesondere in kleine und mittlere Betriebe leistet. Die Willkommenslotsen sensibilisieren und vermitteln passgenau, sie räumen bürokratische Hürden aus dem Weg und stehen den Unternehmen auch nach der Einstellung helfend zur Seite.

Damit die Unternehmen weiterhin so kompetent unterstützt werden können, muss die Förderung der Willkommenslotsen über 2018 fortgesetzt werden. Denn die Integration der Geflüchteten nach Deutschland wird auch in den kommenden Jahren weiter erforderlich bleiben. Sinnvoll ist eine Verlängerung der Richtlinie um mindestens zwei Jahre, damit bewährtes Projektpersonal längerfristig in den Kammern und anderen Organisationen der Wirtschaft gehalten werden kann. Erst Kontinuität in der Förderung und bei den Ansprechpartnern ermöglicht den größtmöglichen gesellschaftspolitischen Nutzen.

"Handwerk verbindet" als Chance für gesellschaftliche Integration

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) fördert die soziale Kompetenz in der dualen Ausbildung - in diesem Zug geht das Modellprojekt "Handwerk verbindet" der Handwerkskammer Erfurt an den Start. Ziel des Projekts ist es, Ausbilder und Ausbilderinnen in Handwerksbetrieben in sozialen und interkulturellen Kompetenzen zu schulen und den Erfahrungsaustausch in einem regionalen Netzwerk zu ermöglichen. Das ist eine große Chance für die gesellschaftliche Integration: Denn hier lernen Ausbildende und Auszubildende ihre unterschiedlichen Kulturen kennen und respektieren. Hinzu kommt, dass die Ausbildung im eigenen Betrieb ein wichtiger Baustein ist,um sich seine passgenauen Fachkräfte von morgen zu sichern.

Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) führt zudem aus: „Eine duale Ausbildung ist für Geflüchtete und Handwerksbetriebe trotz des hohen Engagements beider Seiten kein Selbstläufer. Da müssen alle Beteiligten viel Einfühlungsvermögen, Empathie und gegenseitiges Verständnis aufbringen, damit am Ende der gemeinsame Erfolg einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung steht. Dafür sind entsprechende Unterstützungsangebote für die betriebliche Praxis ein wichtiger Beitrag. Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Modellprojekt „Handwerk verbindet“ der Handwerkskammer Erfurt ist ein solches Beispiel.“

Die Handwerkskammer Erfurt möchte die eigenen Betriebe bei der Fachkräftegewinnung unterstützen. Mit dem Modellprojekt werden daher Ausbildende und Beschäftigte für das Thema soziale und kulturelle Kompetenz sensibilisiert. Dies ist die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit in der Ausbildung und führt zu einem erfolgreichen Abschluss der Azubis.

Engagement für Geflüchtete zeigt Wirkung

"Wir wollen Brücken zwischen Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten und dem Umwelthandwerk in Hamburg bauen" - Hamburg hat seine Vision zur Realität gemacht. Mit der Integrationsquote in Ausbildung und Arbeit, der individualisierten Betreuung und dem ‚Kurzpassspiel‘ mit Behörden und Jobcentern spielt das Hamburger Modell mittlerweile in der ‚Champions-League‘ der Integrationsprojekte.

Seit Juli 2016 waren 37 Geflüchtete mit technischen Vorerfahrungen für Umweltberufe qualifiziert, die Mehrzahl von ihnen konnte schon vor Projektende in den Arbeitsmarkt für Umwelttechnik integriert werden. Jetzt stellten die Partner die Erfolgsbilanz des Projektes in Hamburg vor, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mitinitiiert sowie fachlich und finan-ziell unterstützt wurde. Für fast alle Kursteilnehmer konkrete Perspektiven erarbeitet.

Enge Zusammenarbeit im Handwerk ist der Schlüssel zum Erfolg

Zum Projektstart waren 100 Interessierte zu beruflichen Perspektiven im Bereich der erneuerbaren Energien beraten worden. Daraus starteten 37 Teilnehmer aus Syrien, Afghanistan, Iran, Irak, Somalia und Eritrea in zwei fünf-monatige Förderkurse und Fachlehrgänge im Bereich Umwelttechnik mit begleitendem Sprachkursus . Dazu gehörten etwa fachspezifischer Wissenserwerb, Methoden der Wissensaneignung, umwelttechnische Werkstattübungen und Betriebsbesuche im Themenfeld Energie und Umwelt. Ein Schlüssel zum Erfolg sei die zielgerichtete Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, den Jobcentern sowie dem NOBI Netzwerk und den Hamburger Trägern der Flüchtlingshilfe.

Erfolgreiche Integration im Handwerk

22 Teilnehmer fanden schon im Projektverlauf ihren Weg in die Umwelttechnik, beispielsweise als Techniker Kälte- und Klimasysteme, als Leitung einer Biogasanlage oder als Fachkraft Gebäudeleittechnik. Drei von ihnen berichteten von ihren Erfolgen: Moutassem Al Attwanee kam 2016 aus Syrien, hatte dort Ingenieurwissenschaften für Maschinenbau und Elektrotechnik studiert. Seine Abschlüsse wurden in Deutschland anerkannt. Er sagte: „Mein größtes Ziel ist es, professionelle Arbeit als Maschinenbauingenieur in Deutschland zu finden.“ Im Rahmen des Projektes kam Al Attwanee zur Bärenkälte GmbH. Nach weiteren Fortbildungen stellt ihm die Firma eine Anstellung als technischer Zeichner für Kälteanlagen in Aussicht, mit der Perspektive, als Ingenieur oder Projektmanager zu arbeiten.

Salahodin Ashrafi hatte im Iran eine Ausbildung und ein Studium in Maschinenbau absolviert, sie wurden teilanerkannt. Im Projekt lernte er technisches Deutsch und orientierte sich in Richtung Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Er lernt nun alles über moderne Anlagenmechanik in einer Ausbildung bei der Sager & Deus GmbH. Ashrafi: „Die Ausbildung ermöglicht es mir, auch in Deutschland wieder in meinem erlernten Beruf zu arbeiten. Darüber bin ich sehr froh.“ Saad Al Abed Al Latef, der in Syrien Energietechnik studiert hatte, machte ein Praktikum bei der FM Technik GmbH - mit sehr guten Leistungen. Er hat dort jetzt einen Arbeitsplatz als Programmierer. Sein Credo: „Wir müssen nicht mit den anderen identisch sein, um uns gut integrieren zu können.“

Deutschlandtour: Geflüchtete in unterschiedlichen Ausbildungsberufen im Handwerk

Auch wir beschäftigen uns gerade intensiv mit dem Thema von Flüchtlingen im Handwerk. Für unsere Print-Special "Geflüchtete in Handwerksausbildung" begleiten wir untere Fotografin Uli Präcklein durch ganz Deutschland. Sie ist auf der Suche nach Handwerksunternehmen in ganz Deutschland, die Geflüchteten mit einer Ausbildung neue Perspektiven bieten. Das bewegende Schicksal der porträtierten Azubis macht deutlich, wie wichtig Integration und Förderungen in diesem Bereich sind.

Beeindruckende und inspirierende Bilder zur Fototour mit Geflüchteten gibt es hier!

Weitere Downloads zu diesem Artikel
  • Handwerkliche Vokabeln für Flüchtlinge (PDF, 2560 kB)

    Der Landesverband der UnternehmerFrauen im Handwerk Niedersachsen und Bayern e.V. hat ein unter dem Motto "Willkommen im Handwerk" eine 56-seitiges Vokabelheft mit den wichtigsten Handwerksbegriffen in mehr...

  • ifh Studie Integration von Flüchtlingen durch Ausbildung (PDF, 303 kB)

    Mit einer Ausbildung im Handwerk kann Flüchtlingsintegration gelingen. Ein Gemeinschaftsprojekt von Bundesregierung und Handwerk zeigt nachahmenswerte Ansätze.Die Integration von Migrantinnen und Migranten, mehr...

© handwerk-magazin.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen