Betrieb -

Berufsausbildung Wie aus Lehrlingen Azubis 4.0 werden

Vom Betrieb gesponsertes E-Learning oder das Smartphone für den Wissensaustausch. Wie Handwerksbetriebe ihre Auszubildenden digital fit machen.

Themenseite: Ausbildung

Für die beiden Auszubildenden Leon Küsell und Laya Clemens liegen Gegenwart und Zukunft des Zahntechnikerhandwerks nur wenige Meter voneinander entfernt. Ihre Chefin, Zahntechnikermeisterin Sabine Weck aus Solingen, bringt ihren Nachwuchskräften in ihrem klassischen Dentallabor bei, Brücken, Kronen und Implantatarbeiten von Hand zu fertigen.

Sobald sie jedoch das zweite Lehrjahr absolviert haben, sponsert die Chefin von insgesamt 26 Mitarbeitern ihren Lehrlingen zusätzlich zur regulären Ausbildung noch ein eigens dafür konzipiertes Training in ihrer „Zahnwerk Frästechnik GmbH“ gleich nebenan.

„Bereits vor zehn Jahren haben wir in die CAD/CAM-Technik investiert“, so Weck. „Dank unseres Maschinenparks können wir heute neben den ganz normalen handwerklichen Aufträgen für Zahnärzte und Patienten rund 200 Dentallabore und Praxislabore aus ganz Europa mit hoch präzisem, vollautomatisch gefertigtem Zahnersatz aus Hightech-Keramiken, Metallen und Kunststoffen beliefern.“

Dass in der offiziellen Ausbildungsordnung viele ihrer Lehrinhalte bis heute nicht ausdrücklich verankert sind, ficht Weck nicht an: „Unsere Azubis erhalten für ihr Engagement von uns ein gesondertes, zusätzliches Hightech-Zeugnis“, sagt Weck. So seien sie für die digitalen Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 bestens gerüstet.

Neue Qualität des Fortschritts in der Ausbildung

Wie die gesamte Wirtschaft, so befindet sich besonders auch die Berufsausbildung im Umbruch. Wahr ist: Technologischen Fortschritt hat es schon immer gegeben, und das Handwerk hat mit der dualen Ausbildung stets mit neuen Qualifizierungsmaßnahmen auf den Wandel reagiert. Wahr ist aber auch: Diesmal hat der Anpassungsbedarf durch die Digitalisierung eine andere Qualität.

„Die Leistungsfähigkeit von Computern und Maschinen ist so sprunghaft gestiegen, dass sich das Arbeitsumfeld der Menschen und die Anforderungen, die an sie gestellt werden, über alle Berufsbilder hinweg zum Teil grundlegend verändern“, konstatiert Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, das in Deutschland maßgeblich die Weiterentwicklung des Berufsbildungssystems betreibt.

Um herauszufinden, was ganz konkret in der Qualifizierung aller 328 dualen Ausbildungsberufe angepackt werden muss, analysiert das BIBB derzeit stellvertretend eine Reihe von Berufsbildern aus allen Wirtschaftsbereichen. In den nächsten anderthalb Jahren werden die Ergebnisse Schritt für Schritt vorgestellt.

Eines weiß Esser jedoch schon heute: „Mit jedem Technologiesprung bewegt sich der Mensch in nicht wenigen Berufen weiter weg vom konkreten Umgang mit dem Produkt, den an seiner Stelle Maschinen übernehmen.“ Die Konsequenz: Basiswissen darüber, wie IT-Systeme aufgebaut sind, wie man gängige Programme installiert, für Datensicherheit sorgt, vor allem aber, wie man Prozesse plant und managt, würde damit zum verbindlichen Bildungsstandard, der in den nächsten Jahren in die Ausbildungsordnungen aller Berufe einfließen müsse, fordert Esser.

Überbetriebliche Ausbildung investiert in Technik und Know-how

„Eine wichtige Brückenkopffunktion für den Wissenstransfer in Sachen Digitalisierung wird den überbetrieblichen Bildungsstätten (ÜBS) und Kompetenzzentren des Handwerks zukommen“, sagt Walter Pirk, der beim Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität Hannover das Thema Handwerk Digital vorantreibt. Die ÜBS seien der Garant dafür, dass auch Auszubildende, deren Lehrbetriebe digital noch nicht so weit vorangeschritten sind, die neuen Kompetenzen erwerben können, so Pirk.

Deshalb wird dort massiv in Technik und Know-how sowie in digitale Lehrmedien wie Smartboards – das sind digitale Tafeln, die mit dem Computer verbunden sind –, Tablets und Laptops investiert.

„Die Digitalisierung wird abhängig von Branche, Region und Kundenkreis eines Betriebs in höchst unterschiedlichem Tempo zu Umstellungen im Geschäftsmodell, in der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen sowie zu Veränderungen in den Verwaltungsprozessen und in der Kommunikation mit den Kunden, Geschäftspartnern sowie den eigenen Mitarbeitern führen“, erklärt Pirk.

Dabei reicht die Bandbreite vom Friseurbetrieb in der City, der an seine Kunden schon heute via Internet Termine vergibt, über den Salon auf dem Lande, der auch noch in zehn Jahren ohne elektronischen Terminplaner auskommt, bis hin zur hoch technisierten Feinmechanikerwerkstatt, die Bauteile dank 3D-Druck fertigt.

Betriebe müssen offen sein für Hightech

Solch ein Vorreiterbetrieb ist die Firma GEWO Feinmechanik im bayerischen Hörlkofen bei Erding. Das 300-Mann-Unternehmen verfügt über einen hochmodernen Maschinenpark, der es dem Familienunternehmen ermöglicht, äußerst präzise gefertigte Bauteile an Kunden wie Siemens, MAN und Zeiss zu liefern. „Wollen Betriebe ihre Azubis digital fit machen, müssen sie erst einmal selbst offen für neue Technologien sein“, sagt GEWO-Ausbildungsleiter Robert Haller.

GEWO sponsert seinem Nachwuchs betriebsinternes E-Learning, führt die angehenden Fachkräfte auch jenseits des offiziellen Lehrplans an neue digitale Techniken heran und plant, demnächst gemeinsam mit den Digital Natives das Smartphone als Plattform für den Aufbau einer zentralen Betriebsdatenbank zu nutzen. „Mittlerweile gibt es Datenbanktechnologien, mit deren Hilfe jeder Mitarbeiter Informationen, wie zum Beispiel gerade frisch erstellte Programmierdaten für die automatische Fertigung eines ganz bestimmten Bauteils, via Smartphone in einer zentralen Datenbank hinterlegen kann, zu der alle Kollegen Zugriff haben“, so Haller.

Für Manfred Zentgraf, Leiter der gewerblichen Ausbildung beim Autohaus Robert Kunzmann in Aschaffenburg, ist es selbstverständlich, „dass das alte Ausbildungsheft aus Papier stufenweise auf ein elektronisches Ausbildungsheft umgestellt wird“. Für seine Auszubildenden im Bereich Kfz-Mechatronik hat er im Herbst 2016 in Softwarelizenzen für das Online-Portal Autofachmann Digital investiert. Über die E-Learning-Plattform haben die Azubis Zugang zu multimedialen Schulungslehrgängen rund um die Themen Elektrik und Elektronik.

„Im Selbstlernverfahren können sie das in der Berufsschule und im Betrieb Gelernte über interaktive Übungen am Rechner vertiefen“, so Zentgraf. Als Ausbilder hat er Zugang zu den Lern- und Testergebnissen. Schon bald sollen auch die handschriftlichen Berichte zum Ausbildungsnachweis digital geführt werden. „Darauf freue ich mich. Denn mal ehrlich: Die Handschrift einiger Azubis war sowieso immer schlecht lesbar. Zukünftig haben wir damit keine Probleme mehr“, ist sich Ausbilder Zentgraf sicher.

Checkliste: So machen Betriebe ihre Azubis digital fit

Lukas Wieberg ist in der HWK Koblenz Experte für die Digitalisierung von Unternehmensprozessen. Die HWK Koblenz ist ein „Kompetenz-zentrum Digitales Handwerk“. Für handwerk magazin hat er eine Checkliste erstellt, wie Betriebe ihre Azubis digital fit machen können.

  1. Digitales Lernen ermöglichen: E-Learning ersetzt das Fachbuch. Viele überbetriebliche Bildungsstätten, Fachverbände und Innungen bieten ausbildungsbegleitende E-Learning-Programme für fachlich-technisches Wissen an. Betriebe, die in PCs und in Schulungssoftware investieren, trimmen ihre Azubis auf eigenständiges Lernen.
  2. Smartphone & Tablet nutzen: Statt ein generelles Smartphone-Verbot zu erlassen, nutzen immer mehr Betriebe mobile Endgeräte zur Einsatzplanung und Zeiterfassung. Per WhatsApp tauschen sich Ausbilder und Azubi auch über Entfernungen hinweg über Arbeitsinhalte aus. Der Azubi kann per Smartphone sein Ausbildungsheft führen und seine Dokumentationspflichten zeitnah und exakt erfüllen.
  3. Intuitive statt hierarchische Kommunikation fördern: Mit der Digitalisierung steigt nicht nur der Vernetzungsgrad von Maschinen und Anlagen, auch die Kommunikation im Verbund mit anderen Gewerken, Auftraggebern, Zulieferern und Kunden wird netzwerkartiger. Statt auf Vorgaben des Chefs zu warten, sollten auch Azubis schon lernen, innerhalb ihrer Grenzen selbstständig und situationsgerecht Entscheidungen zu treffen und sich in der Kunst der intuitiven Kommunikation innerhalb von Netzwerken zu üben.
  4. Azubis in digitale Geschäftsmodelle einbinden: Die meisten Handwerksbetriebe passen ihr Portfolio schrittweise an die neuen Herausforderungen an. Statt digital vorangeschrittene Geschäftsmodelle zum reinen Einsatzgebiet von gestandenen Mitarbeitern zu erklären, lohnt es sich, auch die Azubis an diese neuen Inhalte früh heranzuführen. Das signalisiert, dass der Betrieb ambitionierten Nachwuchskräften etwas bieten möchte.
  5. Besuche auf Fachveranstaltungen und Messen ermöglichen: Betriebe, die ihren Azubis den Besuch von Fachveranstaltungen und Messen ermöglichen, damit sie sich über moderne Technologien informieren können, sind eher selten. Gerade ehrgeizige Nachwuchstalente werden so ein Engagement jedoch zu schätzen wissen.

Quelle: Kompetenzzentrum Digitales Handwerk, Handwerkskammer Koblenz

Branchenüberblick: Das sind die digitalen Herausforderungen

Johanna Erlbacher von der HWK für Oberfranken begleitet Unternehmen beim Einsatz neuer Produktions- und Automatisierungstechnologien. Die Projektleiterin des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk hat für handwerk magazin die digitalen Herausforderungen zusammengestellt, vor denen die wichtigsten Handwerksbranchen in der Ausbildung stehen.

BRANCHE GRAD DER BETROFFENHEIT NEUE Ausbildungsinhalte
Bäcker / Konditor / Bäckereifachverkäufer mittel Programmieren/Vernetzen/Bedienen von Waagen, Öfen, Teigmaschinen, Kassensystemen, Lebensmitteldruck
Elektroniker hoch Programmieren/Einrichten/Vernetzen von BUS-Systemen zum Datentransfer (Industrie 4.0/ Smart Home); Internettelefonie, ALL-IP; Schaltpläne per CAD erstellen
Feinmechaniker hoch 3D-Druck, Lasersintern, Bauteilfertigung per schichtweisem Auftragen von Kunststoffen; Programmieren/Bedienen von Hybridmaschinen, alternative Werkstoffe; Messtechnik für Qualitätsmanagement
Friseure gering Bedienen/Datenauslesen von Kassensystemen, Einbindung Terminkalender
Installateur- und Heizungsbauer hoch Vernetzung verschiedener Systeme; Smart Home, Einbindung Gebäudeautomatisierung; Fernwartung von Heizsystemen
KfZ-Mechatroniker hoch Bremsassistent, Einparkhilfe, Spur- und Fernlichtassistent sind Vorstufe des autonomen Fahrens, Diagnose/Reparatur der Systeme mit Diagnose-Geräten; neue Mess- und Steuer-Technik per Kamera, Radar, Infrarot; BUS-Systeme zur Datenübertragung; Elektrofahrzeuge
Maler und Lackierer gering Farbtonerkennungsgeräte; Raum-Visualisierung mit Tablet; elektr. Zeiterfassung per Smartphone
Metallbauer hoch Zahl der Werkstoffe nimmt zu, Verbundwerkstoffe; Schließtechnik wie Augenscanner, Chipkarten erfordert Schnittstelle zu Elektronik; neue Verfahren (Wasserstrahlschneiden, Plasma- und Lasertechnik)
Schreiner mittel Einrichten/Programmieren/Bedienen von CNC-Maschinen, Umgang mit CAD; 3D-Druck zur Planung und Visualisierung
Zimmerer mittel Abbundmaschinen, CAD-Planungs-Software, CNC-Bearbeitungszentren z. B. Fünf-Achs-Fräsen; Gebäudeaufmaß

Weitere Downloads zu diesem Artikel
  • Branchenüberblick Digitalen Herausforderungen (PDF, 89 kB)

    Johanna Erlbacher von der HWK für Oberfranken begleitet Unternehmen beim Einsatz neuer Produktions- und Automatisierungstechnologien. Die Projektleiterin des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk hat für mehr...

© handwerk-magazin.de 2017 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen