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Ramadan in Deutschland Wenn Glaube satt macht

Mit den Osterfeiertagen ist die christliche Fastenzeit überstanden. Für muslimische Gläubige startet der Verzicht dagegen erst am 27. Mai 2017. handwerk magazin begleitete einen Deutsch-Ägypter und seine Familie letztes Jahr beim Fastenbrechen im Ramadan.

Themenseiten: TS Flüchtlinge und TS Ramadan

Nichts essen, nichts trinken – in Deutschland dieses Jahr über 18 Stun­den täglich, 30 Tage am Stück, von Sonnenaufgang bis -untergang. Eine harte Aufgabe, vor allem, wenn es draußen heiß ist. Trotzdem überwiegt bei Muslimen die Freude auf den Mo­nat Ramadan den Gedanken an die An­strengung. Denn durch das sehnsüchti­ge Knurren im Bauch fühlen die Fas­tenden vor allem eins: Dankbarkeit.

Um 21.04 Uhr trägt Omar Hamza den letzten Kochtopf an den Esstisch. Die Schachtel mit Datteln, ein Krug mit selbst gemachter Limetten-limonade, Gläser und Teller stehen schon bereit. Der 57-Jährige lässt sich im Sessel nie­der. Er sieht müde aus. Langsam schließt der gebürtige Ägypter die Au­gen. "Wann ist heute Sonnenuntergang? Achtzehn?", fragt er seine Kinder Elias und Amina, die auf den blauen Sofas um den Tisch sitzen. "Ja, um achtzehn", antwortet die 23-Jährige.

Trockenheit und brennende Hitze im Magen

Hungrig sind sie, alle drei. Wie könnten sie es auch nicht sein, der Tag war voll bepackt mit Lernen für die Uni, Besor­gungen machen und Arbeit. "Ein ganz normaler Alltag eben" für Amina, die Biologie studiert, für den 21-jährigen Informatikstudenten Elias und Omar, der als Autohändler selbststän­dig ist. Mit einer Ausnahme: Seit 13 Ta­gen essen und trinken sie ausschließ­lich nach Sonnenuntergang. Die Hamzas halten sich, wie 1,3 Milliarden Muslime weltweit, an das Fastengebot im Monat Ramadan. Es gehört neben dem Gebet, dem Glaubensbekenntnis, der Armenspende und der Pilgerfahrt nach Mekka zu den fünf Säulen des Is­lam. Das Wort Ramadan (türkisch: Ra­mazan) kommt aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie "brennende Hitze und Trockenheit". Es bezieht sich auf das Hitzegefühl im Magen, das vom Durst ausgelöst wird.

Mediziner halten Fasten für bedenklich

Doch auch jetzt um 21.09 Uhr, wenn Li­monade, Fleisch, Okra-Schoten und Reis nur darauf warten, endlich geges­sen zu werden, verlieren die Hamzas nicht die Beherrschung. Gemeinsam mit den anderen 4,4 bis 4,7 Millionen Muslimen, die laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Deutschland leben, warten sie darauf, dass die Son­ne untergeht. Das Fasten mache gedul­dig, sagt Amina. Sie nehme den Hunger anders wahr als sonst. "Klar knurrt der Magen, aber ich weiß auch, dass ich trotzdem nichts essen werde. Ich ge­wöhne mich irgendwann daran", sagt die junge Frau, die schon als Kind frei­willig im Ramadan gefastet hat.

"Dein Wasserhaushalt muss halt stim­men, das ist das wichtigste." Jeder Doktor würde sagen, dass das Fasten gesundheitlich bedenklich sei, versi­chert sie. Denn vor allem zu wenig Flüssigkeit im Körper stelle eine Gesundheitsgefahr dar. "Aber mal ehrlich: Kein Arzt kennt uns so gut, wie derjenige, der uns erschaffen hat. Allah hätte uns das Fasten nicht zur Pflicht gemacht, wenn es schlecht für uns wäre."

Ramadan-Fasten vs. Heilfasten

Das Fasten kommt nicht nur im Islam vor, auch in anderen Religionen sind Gläubige angehalten, sich in Verzicht zu üben. Dieser muss sich nicht unbedingt auf die komplette Nahrungsaufnahme beziehen. Während der christlichen Fastenzeit wird beispielsweise gerne auf Alkohol, Süßigkeiten oder das Internet verzichtet. Das Heilfasten wiederum ist auch bei Nicht-Gläubigen sehr beliebt. Hier wird für eine bestimmte Zeit freiwillig auf feste Nahrung und Genussmittel verzichtet.

Heilfastende nehmen anstelle der empfohlenen 3.000 Kalorien täglich nur 500 zu sich und das in Form von Brühen, Tee oder Gemüse- und Obstsäften. Der Körper muss somit seine Reserven angehen, was wiederum gesundheitsfördernd sein kann und zum Gewichtsverlust führen kann. Durch das Fasten wird zudem vermehrt der Botenstoff Serotonin, auch bekannt als "Glückshormon", ausgeschüttet, was die Stimmung aufhellt. Sowohl das Ramadan-Fasten als auch das Heilfasten haben einen gemeinsamen Nenner: Durch den Verzicht soll sowohl der Körper als auch die Seele gereinigt werden.

Fasten heißt nicht immer Abnehmen

Allerdings bedeutete Fasten nicht automatisch, dass man abnehme, weiß Elias. "Im Ramadan isst man nie allein. Familien und Freunde laden sich gegenseitig ein, es wird reichlich gekocht und die Gäste bringen Nachtisch und Süßigkeiten mit." In manchen Familien würde das Fastenbrechen ein bisschen an Weihnachten erinnern: "Du freust dich über das Beisammensein und genießt das Essen. Man probiert von allem, weil man ja auch niemanden beleidigen will." Es sei aber nicht der eigentliche Sinn und Zweck des Fastens, sich dann nachts vollzustopfen, ergänzt Amina. "Es gibt Tage, da fällt dir das Fasten leicht. An anderen ist es ganz schön hart, durchzuhalten. Mir persön­lich sind die schweren Tage lieber. Denn dadurch merke ich, was mein Körper alles aushalten kann."

Ramadan sorgt für Konsumverzicht

Rational gesehen kaufen die Hamzas die Nahrungsmittel selbst und das Geld dafür verdient wiederum Omar. Doch im Glauben sind sich alle Muslime einig, dass eben diese Um­stände nur Gott ermöglichen kann. Durch den Konsumverzicht schärfe sich der Blick für das Wesentliche, erklärt Elias. "Dir fällt auf einmal auf, wie wenig du doch eigentlich zum Leben brauchst. Diese Erkenntnis macht mich jedes Mal aufs Neue dankbar." Das Fasten ist Pflicht für erwachsene Muslime. Kinder, Schwan­gere und chronisch Kranke sind davon befreit. Gläubige dürfen aussetzen, wenn sie im Ramadan krank werden. Die versäumten Tage müssen allerdings nachgeholt werden.

Endlich rückt der große Zeiger in der Wanduhr vor auf 21.18 Uhr. Die drei Fastenden beenden ihr Bittgebet, in­dem sie sich mit den Händen übers Ge­sicht streichen. Amina und ihr Vater nehmen sich eine Dattel, Elias sein Wasserglas. Omars Smartphone er­wacht zum Leben. Eine Männerstimme singt auf Arabisch. Sie ruft in starken, lang gehaltenen Tönen mit Vibrato zum Gebet und verkündet gleichzeitig den Sonnenuntergang. "Bismillah – im Namen Allahs", flüstern die drei und be­ginnen zu essen.

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