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Kajak-Weltmeister und Elektroinstallateur: Volle Kraft voraus

Von der deutschen Meisterschaft zum deutschen Handwerk: Torben Fröse zählte zu den Großen im Kanusport – bis vor einem Jahr. Nun hat sich der Profisportler aus Essen für eine Karriere als selbstständiger Elektroinstallateur entschieden. Der Sport hat ihm auf dem Weg dorthin geholfen.

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Den Tunnelblick auf das Ziel gerichtet, greifen die Finger fest um den Carbongriff. Die Muskeln der Schultern und Oberarme sind aufs Äußerste gespannt. Wie von selbst heben und senken sie sich im immer gleichen Rhythmus. Erst langsam, dann immer schneller bewegt sich Torben Fröse so auf seiner Bahn voran. Das Ziel: kein Stillstand, sich selbst ­verwirklichen und damit an die Spitze gelangen. Dafür heißt es: Zähne zusammenbeißen und den Turbo einschalten. Dass er das kann, hat Torben Fröse als Leistungssportler im Kanu über Jahre hinweg bewiesen – und gleichzeitig seine Handwerkskarriere als Elektrotechniker vorangetrieben.

Fröse hat sich im Deutschen Kanusport nach ganz oben gepaddelt: Juniorenweltmeister, Deutscher Meister der U 23 im Zweierkajak, Deutscher Meister und Weltmeister über 1.000 Meter im Viererkajak gehören unter anderem zu seinen Erfolgen. Nur mit einer Olympiateilnahme hat es nie geklappt. Zeitgleich hat Fröse sein zweites Standbein kräftig trainiert: den Beruf als Elektrotechniker. Vor einem Jahr hat der 28-Jährige seine Sportkarriere aufgegeben, um sich ganz auf den Handwerksberuf zu konzentrieren. Mental nimmt er dafür einiges aus seiner Zeit als Sportler mit. Denn die Extremsituationen haben ihn auch auf seine Selbstständigkeit in Wuppertal vorbereitet.

Sportgymnasium war nichts

Angefangen hat die Sportkarriere für Fröse bereits in der Grundschule, als er sich als Hobby für das Paddeln entschied. „Als Kleiner war ich sehr schlecht“, erinnert sich der 28-Jährige nun. Eine Minute langsamer als die anderen sei er gewesen, berichtet Fröse lachend. Als er zu seinem Verein, der Kanusport-Gemeinschaft Essen (KGE), wechselte, habe sich der Trainerrat schon überlegt, wie man dem Jungen beibringen könne, dass dieser Sport nichts für ihn ist. Doch dann überraschte Fröse alle: Innerhalb eines Jahres steigerte er seine Leistung um ein Vielfaches. Als Jugendlicher holte er seinen ersten Erfolg bei der Deutschen Meisterschaft über 1.000 Meter; 2005 ist er bei der Weltmeisterschaft der Junioren Fünfter geworden.

Neben seinen sportlichen Tätigkeiten entschied sich Fröse für eine Ausbildung zum Elektriker, nachdem er ein halbes Jahr die elfte Klasse eines Sportgymnasiums besucht hatte. „Ich habe schnell gemerkt, dass das nicht das Gelbe vom Ei ist“, erklärt der Handwerker. „Ich hatte keine Lust auf die ganze Theorie.“ Deshalb fragte er bei seinem Verein nach, ob er eine Handwerksausbildung machen könne. Unter Leistungssportlern ist diese Wahl eher selten; die meisten entscheiden sich für die Schulausbildung mit anschließendem Studium oder einer Karriere bei der Bundeswehr oder Bundespolizei. Doch sein Kanuverein unterstützte den Jugendlichen sogar bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz – und wurde bei einem der Sponsoren, der Wilhelm Vogt Elektroanlagen GmbH in Essen, fündig.

Dreieinhalb Jahre Pendeln zwischen Handwerksbetrieb und Becken folgten mit 25 Stunden Training an sieben Tagen in der Woche. Um 5.45 Uhr stand er am Morgen schon am Beckenrand, danach tauschte er das Paddel gegen Schraubenzieher und Zangen, am Abend ging es wieder ins Wasser. „Man wächst da rein“, sagt der 28-Jährige. Außerdem habe er große Unterstützung erfahren, von seinen Eltern wie auch von seinem Chef. „Ohne ihn wäre ich nicht im Handwerk geblieben“, betont er. „Einen Chef, der so tolerant ist, hat man selten.“ So hat ihm der Sport auch seinen Handwerksmentor gebracht. Denn noch heute ist Udo Bonnemann ein wichtiger Ansprechpartner in Fragen des Berufs und der Geschäftsführung. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt.

Druck besser aushalten

Nach der Ausbildung hat Fröse einige Jahre als Geselle in dem Betrieb gearbeitet, bis er 2013 die Meisterausbildung startete. Erneut eine Herausforderung mit Doppelbelastung. Warum er sich diesen Stress antue, hätten ihn Freunde aus Verein und Kader gefragt. Bei der Bundeswehr hätte der junge Mann schließlich besser verdienen und mehr freie Zeit haben können. Doch Fröse wollte etwas lernen, sich für die Zukunft nach dem Sport wappnen. Und die sah er in der Bundeswehr auf keinen Fall. Und überhaupt: „Durch den Sport habe ich gelernt, mit Druck besser umzugehen“, lautet Fröses Fazit. Aushalten, durchhalten, nach vorne blicken, das Beste aus sich herausholen – das sind alles Eigenschaften, ohne die es im Sport nicht geht, aber eben auch im Handwerk nicht. Zumindest nicht, wenn man etwas erreichen möchte. Und das ist bei Fröse ohne Frage der Fall.

Olympiazyklus durchbrochen

Im vergangenen Jahr hat sich der junge Mann dann entschieden, die sportliche Karriere aufzugeben. Für eine Olympiateilnahme hatte es ein weiteres Mal nicht gereicht; die Stimmung im Verein und zum Trainer habe sich verändert. Torben Fröse merkte, dass er sich eine ganz neue Art der Herausforderung wünscht: seinen eigenen Betrieb als Elektrotechniker. Dass sich das nicht mit Profisport vereinen lässt, war sofort klar. Nun stürzt er sich in die Ungewissheit der Selbstständigkeit und baut sein ganz eigenes Unternehmen von null an auf. So könne er es genau nach seinen Vorstellungen gestalten und müsse keine Altlasten übernehmen, sagt er. Angst hat er nicht. „Irgendwie ist man als Leistungssportler auch ein bisschen verrückt“, begründet er den Sprung ins kalte Wasser.

Bei den meisten Profis sei ja das Sicherheitsbedürfnis nicht so stark ausgebildet; schließlich lebe man immer von Olympiazyklus zu Olympiazyklus – und nicht alles hänge nur von den eigenen Fähigkeiten ab. Man lerne einerseits, Geduld zu haben und Dinge auf sich zukommen zu lassen. Andererseits lehre der Profisport, dass man für das Erreichen der Ziele einfach hart genug arbeiten muss. Mit diesem Wissen hat er im April seinen Betrieb „ElektroMeister Fröse“ in Wuppertal gestartet. Die Vorbereitung mit Businessplan und Bürokratie sei schwierig gewesen, aber mit seinem Hang zu Konsequenz und Disziplin habe er alles ohne Probleme geschafft. Die ersten Aufträge trudeln nach und nach ein; in der restlichen Zeit arbeitet er auch noch für seinen ehemaligen Ausbildungsbetrieb. Für Torben Fröse geht es also beruflich voran. Mit aller Kraft zieht er weiter seine Bahnen in Richtung Ziel.

Wie sich Spitzensport und Karriere gegenseitig beeinflussen

Druck aushalten können, Geduld beweisen, den eigenen Ehrgeiz nutzen und diszipliniert arbeiten: Profisportler bringen einige Fähigkeiten mit, die sich auch positiv auf eine Karriere nach dem Sport auswirken. Gleichzeitig fördert das Ausüben eines Berufs neben dem Profisport auch die Leistungen in der eigenen Disziplin. Eine Studie der EBS Business School gGmbH, Universität für Wirtschaft und Recht, hat untersucht, wie sich die erste Karriere auf die zweite auswirkt.

Profisport bereichert Beruf – Beruf bereichert Profisport

Engagement: Profisportler weisen laut der Studie eine besondere Wettbewerbsorientierung sowie einen höheren Leistungsanspruch auf, was sich auch bei der Karriereorientierung auswirkt.

Disziplin:
Sorgfältig sollen Sportler insbesondere sein, sodass sich die körperliche Aktivität auch auf eine gute Planung auswirkt und sie eine hohe Analyse-
orientierung mitbringen.

Mentale Stabilität: Gelassenheit, Selbstbewusstsein, hohe Stress- und Frustrationstoleranzen bringen Spitzensportler auf jeden Fall mit. Andernfalls hätten sie es in ihrer Disziplin nicht so weit bringen können.

Schulische Leistung: Laut der Studie schneiden Sportler in der Schule besonders gut ab – und zwar trotz der hohen Belastung durch viele Trainingsstunden. Auch Torben Fröse ist sich da sicher: „Ein guter Sportler ist auch ein guter Schüler.“

Sozialkompetenz: Kontaktstärke, Einfühlungsvermögen und Begeisterungsfähigkeit sind laut der Studie Fähigkeiten, die insbesondere bei den Spitzensportlern ausgeprägt sind, die zusätzlich einer anderen Karriere nachgehen.

Kooperation: Im Unternehmen lernen die Sportler noch stärker, sich in einem Team zu orientieren, Kompromisse zu schließen und sich zu integrieren.

Dominanz: Gleichzeitig stärkt die berufliche Tätigkeit laut der Studie aber auch die Fähigkeit, sich durchzusetzen, Konflikte manchmal zuzulassen und unabhängig zu arbeiten.

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