Sozialversicherung -

„Versicherungen in Gefahr“

Werner Görg, Vorstand der Gothaer-Versicherung, will Solvency II entschärfen, damit Lebens- und Rentenversicherungen eine Zukunft haben.

Herr Görg, die Versicherer sollen sich neuen Solvabilitätsregeln, dem sogenannten Solvency II, unterwerfen. Sie kritisieren diese als Monster. Warum?

Werner Görg: Das Gedankengut von Solvency II ist gut. Es geht um wertorientierte Unternehmensführung, um die Vermeidung von Schieflagen. Das begrüßen wir außerordentlich. Doch die formalen Anforderungen sind selbst für eine große Versicherung wie die Gothaer nur mit riesigem Aufwand zu bewältigen. Insofern ist aus der guten Idee ein bürokratisches Monster geworden.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Die Anforderungen der letzten Auswirkungsstudie sind über 1000 Seiten stark, handwerklich falsch, sich widersprechend und unvollständig. Damit hat sich Solvency II als Instrument zur Unternehmenssteuerung für die Versicherungsbranche disqualifiziert.

„Keine Lebensversicherungen mehr anbieten.“

Das ist starker Tobak. Bitte konkreter.

Gerne. Die Regelungen zu Solvency II berücksichtigt bei den Eigenkapitalanforderungen den Einkauf von Rückversicherungsschutz durch die Versicherungen nicht zutreffend. Hierdurch sichern sich die Assekuranzen selber vor möglichen Risiken ab. Dies hat zur Folge, dass sie im Schadensfall weniger zahlen müssen. Zudem werden Schaden-/Unfallversicherer wie Krankenversicherer behandelt. Diese Tatsache verkompliziert die Sache zusätzlich.

Welche Auswirkungen hätte Solvency II, wenn es in dieser Form in Kraft träte?

Es drohte möglicherweise das Ende von Versicherungsprodukten mit langlaufenden Garantien. Wir dürften Lebens- oder Rentenversicherung in der heutigen Form kaum mehr anbieten. Zudem würden die Renditen kräftig sinken.

Der Reihe nach. Wieso würden die Renditen sinken?

Solvency II bestimmt, dass Aktien mit 35 Prozent Eigenkapital unterlegt werden. Damit wird dieses renditestarke Investment praktisch verboten. Zudem sollen wir für Immobilienbesitz 25 Prozent Eigenkapital vorhalten. In die stabile Anlage Immobilie kann so nicht mehr in dem Maß investiert werden. Beispiel: Köln. In der Innenstadt gehören 40 Prozent der Gebäude Versicherungen. Das würde sich schlagartig ändern. Das wäre darüber hinaus verheerend für die Handwerker, die wir mit der Instandhaltung beauftragen.

Und warum gäbe es die heutige Form der Lebensversicherungen nicht mehr?

Weil das Versprechen lebenslanger Garantien erheblich erschwert würde. Solche Garantien würden außerordentlich teuer werden, da sie mit viel Eigenkapital unterlegt werden müssten. Das führt dazu, dass lebenslange Zahlungen aus Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, Riesterrenten, Pflegeversicherungen oder auch die betriebliche Altersvorsorge nicht mehr in der heutigen Form angeboten werden könnten.

holger.externbrink@handwerk-magazin.de

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