Politik -

Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Die Anerkennung und Wertschätzung handwerklicher Fähigkeiten ist noch ausbaufähig

Über Wertschätzung wird viel geredet. Wo und wie merkt man aber, dass man wirklich wertgeschätzt wird? Wie zeigt sich vermeintliche Wertschätzung getarnt als reine Worthülse? Diesen Fragen geht unsere Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg, in einer neuen Folge von „Neues von der Werkbank“ einmal genauer auf den Grund.

Topic channels: TS Kolumne Ruth Baumann, TS Kundenbindung, TS Mitarbeitermotivation und TS Verkaufsgespräche

Wir kennen das: Alle schätzen das Handwerk, den Familienbetrieb, das mittelständische Unternehmen, den regionalen Einzelhändler. Spätestens bei der Berufswahl wird dann aber deutlich, wie ausbaufähig die vermeintliche Anerkennung handwerklicher Fähigkeiten doch noch ist. Studium, Verwaltung, Staatsdienst oder Bürotätigkeiten stehen im Allgemeinen höher im Kurs. Man versucht diesem Umstand zwar durch eine Modifizierung der Berufsbezeichnungen zu begegnen, aber in meinen Augen ist dies eher Oberflächenkosmetik. Es bedurfte folglich auch nicht eines Facility Managers, um die Wertschätzung für die Arbeit des Hausmeisters auszudrücken. Soll die Augenhöhe der handwerklichen zur akademischen Tätigkeit hergestellt werden, muss die in den Köpfen ankommen und gelebt werden, sonst bleibt sie weiterhin Makulatur.

Worauf es ankommt

Im betrieblichen Alltag, so wie ich ihn verstehe und lebe, begegnen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf Augenhöhe. Nur beide geeint und als Team handelnd, bewegen etwas. Sicher, es „menschelt“ immer und überall, aber die gegenseitige Wertschätzung erschöpft sich nicht nur in der pünktlichen Lohnzahlung oder dem vereinbarten Arbeitsbeginn. Zuverlässigkeit und Vertrauen, Ehrlichkeit – auch, wenn mal nicht alles so klappt – zeigen gegenseitige Achtung.

Auf Augenhöhe achten

Die Augenhöhe von Auftraggeber und Auftragnehmer und somit die Art der Wertschätzung lässt sich in vielen Situationen ablesen. Beginnend mit der Bepreisung der Arbeiten („Ist am Preis noch was machbar?“), der Durchführung („Das könnten Sie ja gleich noch als Service, ohne Berechnung, miterledigen“), bis hin zur Leistung der Zahlung. Wertschätzung und Anerkennung von Einsatz zeigen sich nicht nur in Worten, sondern auch im fairen Umgang miteinander. Wer Materialien vorfinanziert, arbeitet, in Vorausleistung tritt, ist kein Bittsteller, sondern ein Geschäftspartner. Manchmal besteht die Gefahr, dass diese Zusammenhänge in Vergessenheit geraten und die gemeinsame Augenhöhe verloren geht.

Nur zur Mängelbeseitigung und für Reparaturen zuständig?

Die Wertschätzung von Fachbetrieben und Fachhändlern zeigt sich dadurch, dass man dort nicht nur planen und beraten lässt, sondern auch den Auftrag erteilt oder direkt den Einkauf tätigt. Zwischen preisgünstig und billig gibt es Unterschiede und der ehrliche Anbieter verdient es, nicht nur zur Mängelbeseitigung oder zu Reparaturen herangezogen zu werden.

Nicht nur eine "Nummer", sondern ein Kontakt

Jahrzehntelange Geschäftsbeziehungen sind sicherlich mittlerweile eher selten, aber in meinen Augen umso wertvoller. Es ist das Gesamtpaket, was stimmen muss. Jeder von uns weiß, dass das (Arbeits-)Leben nicht mit Überraschungen geizt. Mal fehlt ein Ersatzteil, mal gibt es eine Massenänderung, mal benötigt man eine Auskunft und dann ist es gut, wenn man nicht eine „Nummer“ ist, sondern ein Kontakt. Unbestritten, niemand hat etwas zu verschenken oder betreibt ein sozial-caritatives Unternehmen. Wer aber glaubt, der billigste Preis ersetzt langfristig die Wertschätzung, liegt falsch. Wenn es mal „brennt“ sind verlässliche und greifbare Partner wertvoller als kurzlebige „Schnäppchen“. Im Laufe der Jahre ändern sich sicherlich die handelnden Personen auf Lieferanten-, wie auch Kundenseite. Man ist aber gut beraten, diese zu schätzen und zu pflegen, denn sie sind auch in stürmischen Zeiten verlässlich. In der Gegenwart wird die betriebliche Zukunft gestaltet und man sollte nie glauben, dass die Erfahrungen aus der Vergangenheit darauf keinen Einfluss haben.

Wertschätzung und Anerkennung haben keine Bürozeiten

Ein letzter Gedanke gilt den Rahmenbedingungen, die oft in Legislaturperioden und weniger in Generationen gedacht werden. Ich würde mir wünschen, dass man weniger über uns, mehr mit uns und öfter für uns (und unsere Betriebe) redet. Und zwar auf Augenhöhe, was dann die Wertschätzung erlebbar machen würde. Uns und unseren Mitarbeitern sollte man nicht tagtäglich die Welt, in der wir leben, erklären. Es wäre eine Anerkennung unseres Tuns, wenn man uns und unseren Anliegen Gehör schenken und Anregungen zumindest durchdenken würde. Es wäre dann Wertschätzung, die sich nicht in Sonntagsreden erschöpfen würde. Zuhören, Reflektieren und Agieren sind Qualitäten, die nicht nur vor Wahlen gepflegt werden sollten. Denn Wertschätzung und Anerkennung haben, wie auch das Ehrenamt, keine Bürozeiten. Man lebt es, zeigt es und schätzt es, eben auf gemeinsamer Augenhöhe.

© handwerk-magazin.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen