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Turbocomputer mit zwei Herzen

CeBIT-Trends | Im Sog von Vista zündet die gesamte PC-Industrie auf der Messe CeBIT ein Feuerwerk der Innovationen. Doppelherz-Prozessoren sorgen für Power, HD-DVD für scharfe Bilder, TFT für Kinoatmosphäre und die Drucker arbeiten jetzt auf Zuruf – kabellos mit Funk.

Vista ist das Highlight auf der Frühjahrsmesse CeBIT in Hannover (vom 15. bis 21. März). Das neue Betriebssystem setzt Maßstäbe. Es bestimmt, was im Multimedia-Bereich möglich ist, und zeigt gleichzeitig für den Nutzer viele Grenzen auf. Denn die neue Technik, insbesondere die dreidimensionale Fenster-Oberfläche Aero, entpuppt sich als Ressourcenfresser oder als Softwarebremse. Wer den Windows-Nachfolger in vollen Zügen genießen will, muss den vorhandenen Computer nachrüsten oder gleich einen neuen PC anschaffen. Ältere Grafikkarten taugen nicht für Vista, die RAM-Hauptspeicher in älteren Systemen sind zu gering dimensioniert und zu langsam. Das gilt auch für ältere Prozessoren. Sind die Komponenten zu alt, dann läuft mit Vista entweder gar nichts, nicht in der vollen Schönheit oder nur im Schneckentempo.

Vista ist anspruchsvoll und erwartet so viel Rechenpower, dass ein einziger Prozessor fast überfordert ist. Das hat Intel auf den Plan gerufen. Seit Herbst letzten Jahres hat der US-Halbleiterhersteller die komplette Produktpalette auf DualCore-Technologie umgestellt. In diesen Prozessoren schlagen zwei Herzen gleichzeitig. Die Parallel-Verarbeitung und und ein größerer Cache-Zwischenspeicher bringen in der Praxis glatt die doppelte Rechenpower. Allerdings nur, wenn die Software auch mehrere Rechenkerne nutzen kann. Das wiederum setzt Vista voraus. Was Microsoft mit dem neuen Windows angestoßen hat, vollendet Intel mit den neuen Doppelprozessoren. Und schon für die Sommermonate hat Intel bereits die ersten Halbleiter mit vier Prozessoren auf einem Chip angekündigt.

Die Entwicklung des Marktführers Intel ist damit Wettbewerber AMD deutlich voraus. Während Intel schon kräftig die Werbetrommel rührt und erste Chipmuster auf der CeBIT zeigen will, kann AMD die sogenannten QuadCore erst Ende 2007 liefern. Acht-Kern-CPUs sind auch geplant, sie werden, wenn in der Entwicklung alles klappt und auch von der Softwarebranche die Anforderungen an die Hardwareperformance steigen, gegen Ende 2008 in Desktop-PCs eingesetzt.

Die Mehrfachprozessoren haben sich binnen weniger Monate durchgesetzt. Sie sind der Umsatzrenner der Branche, in allen Notebooks und Desktop-Geräten aus aktueller Produktion schlagen bereits zwei Herzen nebeneinander. Der Grund ist aber nicht nur die höhere Geschwindigkeit. Weil die neuen DualCore mit kleineren Schaltkreisen auskommen, benötigen sie auch weniger Fläche und verbrauchen deshalb deutlich weniger Strom. Das verbessert bei Notebooks den Akkubetrieb: Waren früher zwei Stunden ohne Steckdose das Maximum, so sind jetzt vier Stunden Batteriebetrieb die Praxis.

Die Nachfrage nach Notebooks hat übrigens die Verkaufszahlen von Desktop-PCs im letzten Quartal erstmals übertroffen. Allein in Deutschland wurden in diesem Zeitraum 500000 tragbare Computer verkauft. Das waren zehn Prozent mehr als Schreibtisch-PCs. Trotz starker Verkäufe von Fujitsu-Siemens hat die deutsche PC-Fertigung allerdings keine Marktbedeutung mehr. Quanta aus Fernost ist der Marktführer, das Unternehmen verkaufte allein im Dezember letzten Jahres zwei Millionen Notebooks. Der zweitgrößte Hersteller Compal Electronics kommt auch aus Fernost, produzierte 2006 insgesamt 14,5 Millionen Stück. Wistron, eine Acer-Tochter und Nummer drei am Weltmarkt, folgt mit 9,5 Millionen. Das zeigt: Das Wirtschaftswachstum findet anderswo statt. Der Siegeszug der tragbaren Computer ist nicht mehr aufzuhalten. Auch, weil die Preise stimmen. Gute Mittelklasse ist bereits um 700 Euro zu haben – ein Preisniveau, das auch schwere Desktops samt Display mit ähnlicher Leistung haben. Weil die Desktops obendrein ein Platzkiller auf dem Schreibtisch sind, fällt immer häufiger die Kaufentscheidung zugunsten der mobilen Rechner aus.

Blu-Ray oder HD-DVD

Könnte die Porno-Filmindustrie das künftige Standardformat für bewegte Bilder bestimmen, dann wäre das Rennen zwischen Blu-Ray oder HD-DVD schon gelaufen. Derzeit stehen zwei unterschiedliche Technologien vor der Markteinführung. Das erinnert an den Streit Betamax und VHS-Videosystem, den vor allem voreilige Kunden bezahlen mussten. Die Pornofilmer haben sich überwiegend für HD-DVD entschieden. Das ist das System des Microsoft-Konsortiums. Der Konkurrent Blu-Ray ist eine japanische Entwicklung unter Federführung von Sony. Im Vergleich zum bisherigen DVD-Format laufen die Bilder nicht nur schneller, sie sind auch deutlich schärfer. Das gilt für beide Systeme. Doch es scheint, als habe die US-Entwicklung zeitlich und technisch die Nase vorne. Weil aber in dieser Branche nichts unmöglich ist, kann durchaus am Ende auch Blu-Ray als Sieger dastehen – oder keiner der Kontrahenten, wenn die breite Markteinführung (geplant ist ab Ende 2007) verschoben wird. Abwarten lohnt sich also. Zwar gibt es zur CeBIT die ersten Hybrid-Laufwerke, die beide Systeme verstehen und alle HD-Scheiben gleich in welcher Version abspielen können. Aber meist sind die ersten Produkte einer neuen Technik zu teuer, technisch überfrachtet und bieten wenig Zukunftssicherheit.

Filme sehen in Kinoqualität setzt ein Blu-Ray- oder HD-DVD-Laufwerk voraus. Das ist aber nur eine Komponente für den vollen Bildgenuss. Mindestens ebenso wichtig ist der Bildschirm. Schnelle Bildfolgen auf einem trägen Display mit langsamen Bildwechseln sind kein Genuss. Auch schärfste Bilder wirken nicht auf Kleinst-Bildschirmen oder falschen Formatausschnitten. Deshalb wachsen die Bilddiagonalen in Richtung Größenwahn: Das Standardformat 19 Zoll war gestern, heute kommen im Schnitt 24-Zoll TFTs ins Wohnzimmer – mit voller HD-Auflösung von 1920 x 1200 Bildpunkten und im Breitformat. Im Durchschnitt wohlgemerkt, denn in den oberen Preisregionen tummeln sich noch größere Formate. Natürlich ist auch eine Grafikkarte mit HDMI-Buchse und DirectX-10 für hochauflösende virtuelle Spiele in Echtzeit und für das Ablaufen digitaler Filme nötig.

Schneller PC-Start

Seit über 25 Jahren kommt der PC nur mühsam aus den Startlöchern: Vom Einschalten bis zum ersten Windows-Bild vergehen oft mehrere Minuten. Das ist nicht nur störend, das nervt privat genauso wie im Büro. Microsoft hat zwar längst erkannt, dass das langsame Anlaufen mit den umständlichen Routinen und undurchsichtigen Automatismen die Anwender vor eine Geduldsprobe stellt. Aber bislang haben die Softwerker die Bedürfnisse der Nutzer hartnäckig ignoriert. Erst mit Windows XP in der (teuren) Media Center Edition (jetzt Vista Home Premium) ist ein schnellerer Systemstart möglich – allerdings nur wenn es darum geht, eine einfache Windows-unabhängige Anwendung – etwa CD hören – einzuschalten. Jetzt ist aber das Ende der Langsamkeit in Sicht. Auch andere Hardwarekomponenten helfen, die Startzeiten zu verkürzen. So ist auf der CeBIT die erste Hybrid-Festplatte zu sehen (das Modell HM16HJI von Samsung mit 160 GB). Das ist eine kleine Notebook-Festplatte, die zusätzlich über einen Flash-Speicherchip verfügt und nur zehn Euro mehr als eine herkömmliche Festplatte kosten wird. Damit sollen Lese- und Schreibdaten schneller übertragen, die Transferrate also erhöht werden. Diese Rechnung könnte aufgehen, zumindest der Neustart, das Aufwecken aus dem PC-Schlafmodus oder der Start einer Office-Anwendung sollten mit der neuen Hybridplatte schneller erfolgen.

Funkkontakt mit dem Drucker

Unaufhaltsam kommt die schnurlose Technik ins Büro. Erst das Handy und das Festnetztelefon im DECT-Standard ohne Kabel, dann die PC-Vernetzung mit W-LAN per Funk. Jetzt gibt es auch Scanner und Drucker, die sich ohne Kabelsalat an den PC anschließen lassen. Per Funk oder Bluetooth kommuniziert die Peripherie mit den PCs und umgekehrt. Das ist praktisch und dem Ende der Kabelverbindungen wird niemand nachtrauern. Denn kaum eine Buchse passt in den vorhandenen Stecker. Im Jahresrhythmus kreiert die Industrie neue Normen. Nach den Parallelverbindungen kamen die seriellen Stecker in vielen verschiedenen Ausführungen. Seit ein paar Jahren nerven die unterschiedlichen Enden der USB-Kabel. Entweder ist Typ A gefordert oder ist der Geräteausgang ein USB Typ B? Meist passt das vorhandene Kabel nicht und bei einfachen Geräten stehen die Hersteller offenbar unter so hohem Kostendruck, dass sie gar kein Kabel mitliefern.

Mit Funk und Bluetooth gab es bislang auch ein Verständigungswirrwarr, weil meist die Installation nicht zum Dialogverfahren der Gegenseite passte. Jeder Hersteller kochte seine eigene Suppe. Die Zeit der Funkstille ist nun mit Vista zu Ende. Die genormten Übertragsprotokolle sind jetzt fester Bestandteil des Betriebssystems, alle Treiber sind in Windows eingebunden und stehen der Peripherie als Standard zur Verfügung. K

Peter Altmann

reinhold.mulatz@handwerk-magazin.de

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