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Fuhrparkmanagement Tachografen – Was tun?

Die EU diskutiert darüber, digitale Fahrtenschreiber auch in kleineren Transportern vorzuschreiben. Das Handwerk wehrt sich dagegen. Was auf Betriebe mit entsprechendem Fuhrpark zukommt, welche Geräte es gibt und was Tachografen alles leisten können.

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Heinz-Bernd Lohmanns Mitarbeiter stellte den Siebeneinhalbtonner-Lkw knapp vor einer Garage ab, damit begann automatisch seine Pause – aber gleichzeitig der Schlamassel. Denn einige Minuten später wollte die Besitzerin des darin abgestellten Wagens losfahren. „Mit gemeinsamen Kräften gelang es uns dann, sie haarscharf ohne Schramme an dem Laster vorbeizulotsen. Wäre uns das nicht geglückt, hätten wir den Laster wieder starten und rangieren müssen, womit auch gleichzeitig die Pausenzeit zurück auf Anfang geschaltet worden wäre. Das hätte den Einsatz an der Baustelle unnötig verzögert“, so der Tischlermeister aus dem nordrhein-westfälischen Everswinkel.
Hintergrund des Vorfalls ist die Pflicht, in einem Lkw einen Fahrtenschreiber (auch Tachograf genannt) zu benutzen, der Lenk- und Ruhezeiten des Fahrers aufzeichnet. Im Prinzip ist ein Tachograf ein Tachometer mit angeschlossenem Messschreiber, der neben den Lenk- und Ruhezeiten, Lenkzeitunterbrechungen, zusätzlich gefahrene Kilometer und die gefahrene Geschwindigkeit aufzeichnet. Im Falle von Lohmanns Mitarbeiter wäre die vorgegebene Ruhezeit nicht eingehalten gewesen, hätte er das Fahrzeug bewegt, um den Weg aus der Garage frei zu machen.

EU will Einbaupflicht ausweiten

Digitale Tachografen sind seit Mai 2006 durch eine EU-Verordnung Pflicht in allen zum Gütertransport genutzten Fahrzeugen über 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. Doch das ist der EU nicht genug, denn der Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments tritt für eine Ausdehnung der Pflicht zum Einbau eines digitalen Tachografen auf Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht zwischen 2,4 und 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht ein – die k lassischen Handwerkstransporter. Noch ist dazu allerdings keine endgültige Entscheidung gefallen.

Für Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), ist eine Ausweitung ein Unding: „Die Ausdehnung der Pflicht zum Einbau eines digitalen Tachografen auch auf Fahrzeuge zwischen 2,4 und 3,5 Tonnen wäre ein herber Schlag für kleine und mittlere Handwerksbetriebe.“ Denn diese Entscheidung würde für Handwerksbetriebe zusätzliche bürokratische Belastungen und konkrete Einschränkungen in ihrer Mobilität bringen, so Schwannecke. „Die EU-Abgeordneten sollten mehr Sinn für die Realität und betriebliche Notwendigkeiten von Handwerksbetrieben beweisen“, ergänzt er. Gegen Kontrollvorschriften, die zielgerichtet nur das Transportgewerbe treffen, hat das Handwerk nichts einzuwenden.

Kompliziert und zeitraubend

Firmenchef Lohmann befürwortet die Forderungen der Handwerksspitze uneingeschränkt: „ Im Mittelpunkt unserer Tätigkeiten steht eben nicht das Fahren, sondern das Handwerkliche. Und das macht den Tachografen-Einsatz für uns so kompliziert, aufwendig und zeitraubend.“ Der Unternehmer hat sich auf die Objekteinrichtung von Krankenhäusern spezialisiert – und das bundesweit. Dafür nutzen er und fünf bis sechs weitere Mitarbeiter den Lkw, der wegen seines zulässigen Gesamtgewichts bereits seit geraumer Zeit mit einem digitalen Tachografen ausgestattet ist. Jeder, der dieses Fahrzeug im Dienst bewegt, muss dann seine individuelle Fahrerkarte dafür in den Kartenslot des Geräts stecken – und schon geht die zeitraubende Arbeit los.

Denn beispielsweise müssen die auf der Fahrerkarte festgehaltenen Pausen- und Lenkzeiten alle 28 Tage heruntergeladen und archiviert werden, das verlangt der Gesetzgeber. Herausforderung dabei: Die Fahrerkarte kann ausschließlich durch den Tachografen beschrieben werden. Tage, die dort nicht dokumentiert sind, müssen über den sogenannten manuellen Nachtrag am Tachografen nachgetragen werden. Dies muss man sich ungefähr so vorstellen, als würde man durch Tastenkombinationen am Autoradio eine E-Mail verfassen. Deshalb bietet Marktführer Continental beispielsweise eine Schnittstelle („SmartLink“) und eine Smartphone-App („VDO Driver App“) an, über die sich die Zeiten einfacher nachtragen lassen. Andersherum kann der Nutzer die vom Tachografen erzeugten Daten komfortabler über einen Download-Key herunterladen, der wie ein USB-Stick auf die frontseitige Schnittstelle gesteckt wird. Und selbst die Datenübertragung per WLAN oder Bluetooth ist heutzutage mittels spezieller Hardware möglich.

Derlei Erweiterungen sind für besonders mobile Handwerker dringend vonnöten, denn selbst bei den neueren Tachografen ist deren Speicher nicht mit einer PC-Festplatte vergleichbar, müssen also die erfassten Zeiten regelmäßig übertragen werden. Selbst fahrfreie Wochenenden sind derart zu dokumentieren und müssen wie die Lenk- und Ruhezeiten anschließend auf einem besonderen Formular ausgedruckt werden oder im Gerät eingetragen sein. Bei einer Kontrolle ist dies vorzuzeigen.

Der von Firmenchef Lohmann herangezogene Vergleich zwischen Speditionsfahrern und seinen Mitarbeitern ist ein weiteres Ärgernis. Mal müssen nur ein paar Bauteile zu einer mehrere 100 Kilometer entfernten Baustelle transportiert werden, ein anderes Mal schließt sich der Fahrt aber ein Arbeitseinsatz an. Mal steht der Lkw gleich an Ort und Stelle richtig, mal müssen ihn die Mitarbeiter kurz wegsetzen, um einem anderen Gewerk Platz zu machen. Mal geht die Fahrt weit, ein anderes Mal lediglich im Umkreis von 100 Kilometern um den eigenen Betrieb, sodass die Fahrerkarte nach der geplanten EU-Neuregelung nicht gesteckt werden muss. Der ganz normale handwerkliche Arbeitsalltag eben. Und immer dräut im Hintergrund sozusagen die Zündung, denn sobald die betätigt wird, erwacht auch der Tachograf zum Leben. Es muss wieder neu dokumentiert werden. Deshalb sollten sich Chefs und ihre fahrenden Mitarbeiter unbedingt mit den Smartphone-Apps der Tachografen-Hersteller vertraut machen, denn hier lassen sich auch Aktivitäten festlegen, die bei Zündung ein oder aus auf automatisch eingestellt werden. „Auf jeden Fall ist die ganze Gelegenheit kompliziert, und man muss seine Mitarbeiter intensiv in die Nutzung der Geräte einweisen, damit es klappt“, berichtet Tischlermeister Lohmann.

Vorsicht bei SUVs mit Anhänger

Chefs, die einen digitalen Tachografen für ihre Fahrzeuge nachrüsten müssen, können sich wie der Unternehmer aus Everswinkel an zertifizierte Werkstätten wenden, die die erforderlichen Gerätschaften – Geschwindigkeitssensor mit Datenverschlüsselung, Tachograf mit Anzeige und Drucker, Display sowie Fahrerkarte – einbauen.

Dort können Handwerker auch beispielsweise ihre schweren SUVs nachrüsten lassen und den Tachografen ins Handschuhfach eingebaut bekommen. Denn längst nicht jedem Firmenchef ist klar: Auch wenn das Zugfahrzeug allein nicht auf das für einen Tachografen verpflichtende Gewicht kommt, s obald ein Anhänger mit einem Kleinbagger angehängt wird, ändert sich die Sache schnell.

Preislich liegen die Geräte der drei Hersteller, die den deutschen Markt dominieren, zwischen gut 500 und 600 Euro in der Standardversion. Hinzu kommen noch die Kosten für den Einbau in der Werkstatt und etwaige zusätzliche Soft- oder Hardware für das bequemere Bearbeiten der Daten wie etwa den DTCO SMARTLINK PRO für rund 250 Euro. Letztlich hat die Tachografenpflicht auch etwas Gutes: Sämtliche digitalen Geräte verfügen über gängige Schnittstellen wie etwa an GPS-Module, sodass sich die Positionsdaten der Fahrzeuge an den Tachografen senden lassen. So lassen sich Routen oder – wie es auch Handwerker Lohmann macht – die Arbeitszeiten der Mitarbeiter erfassen.

Ebenso bestehen Schnittstellen an Telematik-Lösungen (CAN-Schnittstelle) und an Flottenmanagement-Lösungen (FMS-Schnittstelle) zur Auswertung von Fahrdaten, gut geeignet für größere Handwerksbetriebe mit gleich mehreren Fahrzeugen. Der Tachograf überträgt somit neben den Routen auch Standorte und wahlweise auch technische Daten der Fahrzeuge in Echtzeit an das Unternehmen. Dort lassen sich dann beispielsweise die letzten Standorte oder die letzten Fahrtzeiten anzeigen und mehrere Monate lang speichern. Oder der Fahrer bemerkt einen Defekt am Fahrzeug und kann dies an den Betrieb melden.

Zumindest zur Dokumentation und Analyse des Fuhrparks lassen sich die Geräte also gut nutzen. Das ändert jedoch nichts daran, dass deren Einsatz kostspielig und zeitraubend ist. Und dass Chefs sich unbedingt mit den verfügbaren Zusatz-Apps beschäftigen sollten, damit aus dem digitalen Datenerfasser kein digitaler Daten-Dschungel wird.

Neue Vorschrift Ab 2019 nur noch intelligente Tachografen

Auch technisch plant die EU Änderungen. Mitte 2019 tritt eine neue Verordnung in Kraft. Alle neu zugelassenen Lkw brauchen dann einen intelligenten Tachografen. Mit dieser Technik:

  • DSRC-­Antennentechnologie
    Die EU-­Richtlinie fordert eine standardisierte DSRC-­Schnittstelle (Dedicated Short Range Communication), um die Straßenkontrollen für alle Beteiligten effizienter zu machen. Es werden damit aus dem fahrenden Fahrzeug Informationen an die Geräte der Kontrollbeamten übermittelt.
  • GNSS-­Anbindung
    Die Verordnung regelt die Anbindung an ein globales Satellitenpositionssystem (GNSS). Positionsdaten werden automatisch aufgezeichnet.
  • ITS-Schnittstelle
    Die ITS-Schnittstelle (Intelligent Transportation Systems) stellt zahlreiche Informationen über ein standardisiertes Interface bereit. Der Gesetzgeber sieht die ITS-­Schnittstelle aber nur optional vor.

Marktübersicht: Die drei Tachografen der großen Anbieter im Vergleich

Nur drei Hersteller dominieren den deutschen Markt. Die Preise für die Geräte liegen zwischen gut 500 und 600 Euro in der Standardversion. Hinzu kommen noch die Kosten für den Einbau in der Werkstatt und etwaige zusätzliche Soft- oder Hardware für das Bearbeiten der Daten. Insgesamt sind dann gut über 1.000 Euro fällig. Wichtig beim Kauf: Das Gerät muss die gesetzlichen Anforderungen erfüllen.

VDO DTCO 3.0

Hersteller: Continental, fleet.vdo.de

VDO DTCO 3.0 von Contental
Schnittstellen (u. a.):
  • CAN für Bordelektronik
  • für Download
  • zündungsunabhängige Info-Schnittstelle für Onboard-Computer oder Telematiksysteme
  • frontseitige 6-PIN-Schnittstelle für Programmierung, Kalibrierung, Datendownload (auch optional per Funk)
Manueller Nachtrag:
am Tachografen oder über App DTCO SMARTLINK PRO


SE5000 Exakt Duo²

Hersteller: Stoneridge Electronics, se5000.com/de

Stoneridge Electronics: SE5000 Exakt Duo²
Schnittstellen (u. a.):
  • Bluetooth für Anbindung von Smartphone
  • mit zusätzlicher Hardware (DigiDL) Daten zur Lenk- und Ruhezeit per GPRS/LTE oder WLAN in Firmennetzwerke oder die Cloud.

Manueller Nachtrag:
am Tachografen, reines Auslesen über App und Zusatz

EFAS 4TE

Hersteller: Intellic, intellic.com

Intellic: EFAS 4TE
Schnittstellen (u. a.):
  • CAN, 6-polige Standard-Frontschnittstelle für Kalibrierung
  • Diagnose und Daten-Download, Drehzahlimpulsausgänge


Manueller Nachtrag:
am Tachografen, Datenfernübertragung über RDD zum Auslesen der Daten der Fahrerkarte sowie des Massenspeichers

Rechtsvorschrift: Welche Regelung jetzt gilt

Noch vor der Sommerpause 2018 sollte im EU-Parlament die Ausweitung der Tachografenpflicht beschlossen werden. Doch es kam anders, die Parlamentarier konnten sich nicht einigen. Hier eine Zusammenfassung der Ereignisse.
  • Der Beschluss:
    Am 4. Juni 2018 hat der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments die Ausdehnung der Pflicht zum Einbau eines digitalen Tachografen auf Fahrzeuge zwischen 2,4 und 3,5 Tonnen im grenzübergreifenden Verkehr beschlossen. Es ist Teil des seit einem Jahr laufenden Gesetzgebungsverfahrens zum sogenannten Mobilitätspaket. Gerade in den Grenzgebieten nach Dänemark, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich gehört aber grenzüberschreitende Tätigkeit auch im Handwerk zur normalen beruflichen Praxis, womit diese Betriebe von den Änderungen betroffen wären. Ein überraschend angenommener Vorschlag des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten sollte jedoch die Belastungen für das Handwerk minimieren, indem die Vorschriften durch eine Ausnahme für den Werkverkehr weitgehend nur für das Transportgewerbe gelten würden. Die Handwerkerausnahme für Entfernungen bis 100 Kilometern wäre geblieben und um eine spezielle Bauausnahme ergänzt werden.
  • Der Rückzieher:
    Das Europäische Parlament konnte sich vor der Sommerpause nicht auf den Vorschlag des Verkehrsausschusses einigen und gab das Gesetzgebungsverfahren zurück an den Verkehrsausschuss. Wann eine Entscheidung fällt, steht noch nicht fest..
  • Was jetzt gilt:
    Tachografen sind Pflicht für gewerblich genutzte Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen Gesamtgewicht. Die Pflicht gilt ab einem Radius von 100 Kilometern rund um den Unternehmenssitz. Handwerkerfahrzeuge bis zu 7,5 Tonnen sind innerhalb von 100 Kilometern ausgenommen, wenn sie Geräte und Material transportieren, die der Fahrer zur Arbeit braucht und das Fahren nicht die Haupttätigkeit des Fahrers darstellt. Keine Tachografenpflicht besteht bei Fahrzeugen bis 2,8 Tonnen. Bei Fahrzeugen über 2,8 bis 3,5 Tonnen gilt eine ähnliche Regelung hinsichtlich Material und Hauptbeschäftigung, aber ohne Limit auf 100 km.
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