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Konjunktur-Prognose für das Handwerk 2019 Starkes Handwerk - Schwächelnde Industrie

Das Handwerk strotzt weiter vor Wirtschaftskraft, gleichzeitig geht der Industrie langsam die Luft aus. handwerk magazin hat Experten zu den Gründen für diese unterschiedliche Entwicklung befragt. Und zu möglichen Risiken, die auch Handwerksbetriebe treffen können. Fazit: 2019 wird für das Handwerk ein gutes Jahr, aber kein Rekordjahr.

Themenseiten: TS Konjunktur und TS Zukunftsperspektiven im Handwerk

Besser als jemals zuvor – das ist das zentrale Ergebnis des aktuellen Konjunkturberichts des Handwerks. In Zahlen: Die Umsatzprognose für das Gesamthandwerk liegt für 2018 bei einem Plus von fünf Prozent, für 2019 erwartet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) ein Umsatzwachstum von vier Prozent.

Das konjunkturelle Hoch bleibt den Betrieben erhalten, es hat sich gegenüber dem Frühjahr sogar noch verstärkt. Bereits zum vierten Mal in Folge beurteilen die Handwerksbetriebe in einer Herbstbefragung des ZDH aktuelle Geschäftslage, Umsatzentwicklung, Auftragspolster und Investitionsklima besser als jemals zuvor. „Der Konjunkturlauf im Handwerk hat sich inzwischen zu einem Konjunkturmarathon ausgewachsen“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke bei der Präsentation der Umfrage.

Die Handwerkseuphorie platzt mitten hinein in eine Stimmung, die der deutschen Gesamtwirtschaft, speziell der Industrie, eine Abkühlung der Konjunktur bescheinigt. Der Sachverständigenrat, die Wirtschaftsforschungsinstitute, die Bundesregierung, alle haben ihre Prognosen sowohl für 2018 als auch für 2019 nach unten korrigiert .

Kaum mehr Wirtschaftswachstum in der Industrie

Nicht ohne Grund, denn die Stimmung unter den deutschen Firmenchefs sinkt. Der ifo-Geschäftsklimaindex ist im November gefallen, der dritte Rückgang in Folge. Die Unternehmen schätzten die aktuelle Lage schlechter ein, wenn auch ausgehend von einem noch hohen Niveau. Ihre Erwartungen trübten sich ebenfalls ein. Dies deutet mit anderen Indikatoren auf ein Wirtschaftswachstum von allenfalls 0,3 Prozent im vierten Quartal hin. Fazit von ifo-Chef Clemens Fuest: „Die Konjunktur kühlt ab".
Doch was sind die Gründe dafür, dass im Handwerk der Daumen nach oben und in der Industrie der Daumen nach unten zeigt?

Handelskrieg wirkt sich aus

„Der Export macht den Unterschied“, weiß Volker Ulbricht, Hauptgeschäftsführer von Creditreform, die seit Jahren die Wirtschaftslage und die Finanzierung im Handwerk analysieren. Die deutsche Industrie, speziell die Bereiche Auto, Maschinenbau und Chemie, sei viel stärker von den meist politisch verursachten Verwerfungen im Außenhandel betroffen als das meist nur regional tätige Handwerk. Als Beispiele für solche Verwerfungen nennt Ulbricht den Handelskrieg zwischen USA und China, Restriktionen mit Ländern wie Russland und auch den Brexit. Das lasse sich durchaus mit Zahlen belegen: Im September verzeichnete der deutsche Export ein Minus von 1,2 Prozent, das zeige, wie schnell sich negative Veränderungen, etwa in der Autoindustrie, bemerkbar machen können.

Natürlich können sich auch der Mittelstand und das Handwerk nicht ganz von den Entwicklungen in der Industrie abkoppeln, so Ulbricht. „Aber kleinere Betriebe sind agiler als die großen Unternehmen und können flexibler reagieren, wenn ein Markt wegbricht.

Das Handwerk werde weiterhin von der hohen Konsumbereitschaft in Deutschland profitieren – und auch von den hohen Ausgaben der öffentlichen Hand vor allem für Infrastruktur, prognostiziert Ulbricht. Auch eine Immobilienkrise sieht er nicht – selbst bei höheren Hypothekenzinsen.

Professor Kilian Bizer, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh), sieht aktuell ebenfalls nur wenige Risiken für das Handwerk. Er ist sich sicher, dass eine konjunkturelle Abschwächung erst mit zeitlicher Verzögerung auf das Handwerk treffen würde.

Doch für Bizer ist nicht alles eitel Sonnenschein: „Nächstes Jahr stehen Ereignisse bevor, die die politische und ökonomische Unsicherheit erhöhen.“ Auf nationaler Ebene ist das für ihn die Teilung von Kanzlerschaft und Parteiführung in der CDU bei gleichzeitig zunehmender Bedeutungslosigkeit der SPD. Beides destabilisiere die Regierungskoalition. Auf europäischer Ebene sieht er Risiken durch einen möglichen Rechtsruck bei der Wahl des Europaparlaments.

Die Handwerker scheinen ein Gespür für die künftige Entwicklung zu haben. Sie setzen laut ZDH-Umfrage jetzt auf Stabilisierung statt Fortsetzung der Wachstumsdynamik.

Branchentrends im Handwerk:

Augenoptiker
  • Lage: 2018 wird mit einem Umsatzplus von circa 2,5 Prozent und einem moderaten Stückzahlanstieg von zwei Prozent bei abgegebenen Brillen abschließen
  • Trend: Die großen Filialisten gewinnen immer mehr Marktanteile gegenüber den Einzelbetrieben.
Bäcker
  • Lage: Die Branche bezeichnet die Entwicklung als zufriedenstellend. Besonders Betriebe mit Premiumstrategie stehen im Wettbewerb mit dem Lebensmitteleinzelhandel gut da.
  • Trend: Der Außer-Haus-Markt bringt weiter Umsatzzuwächse. Kostensteigerungen bei Energie und Rohstoffen könnten die Betriebe aber unter Druck setzen
Baugewerbe
  • Lage: Gerechnet wird für 2018 mit einem Umsatzwachstum von 5,5 bis 6 Prozent. Auch 2019 werden Bauleistungen weiter gefragt sein, vor allem im Mehrfamilienhausbau.
  • Trend: Am meisten profitieren Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten von der großen Nachfrage im Wohnungsbau und Industrie- und Gewerbebau.
Elektrohandwerke
  • Lage: 98 Prozent der Unternehmen sehen zurzeit ihre Geschäftslage positiv. Für die Zukunft herrscht weiter Optimismus: 95,9 Prozent rechnen mit einer verbesserten oder gleichbleibenden Geschäftslage im kommenden Halbjahr.
  • Trend: Den größten Umsatz erwirtschaften momentan Betriebe im Bereich Energie- und Gebäudetechnik, gefolgt von Informations- und Telekommunikationstechnik sowie Automatisierungstechnik.
Maler
  • Lage: Das Umsatzplus liegt niedriger als im Baugewerbe, aber die Branche ist zufrieden. Ein hoher Wettbewerb begrenzt Spielräume für Preiserhöhungen trotz der starken Nachfrage.
  • Trend: Private Auftraggeber sowie der Renovierungs- und Sanierungsbedarf einschließlich der auf Energieeinsparung
    zielenden Sanierungen tragen die Branchenkonjunktur.
Fleischer
  • Lage: Die Umsätze stiegen 2018, auch 2019 wird mit einem Plus gerechnet. Betriebs- und Beschäftigtenzahlen gehen zurück, viele Unternehmen arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze.
  • Trend: Erfolgreich sind umsatzstärkere und leistungsfähigere Betriebsgrößen, die auch Geschäftsfelder wie Thekenverkauf anbieten können.
Orthopädie-Technik
  • Lage: Die Umsatz- und Erlössituation der orthopädietechnischen Betriebe und Sanitätshäuser ist in den ersten drei Quartalen 2018 im Vergleich zu 2017 gestiegen.
  • Trend: Einzelne Krankenkassen wollen durch „Open-House-Verträge“ Rahmenbedingungen und Preise vorgeben. Dadurch könnten Betriebe wirtschaftlich unter Druck geraten.
Kraftfahrzeuggewerbe
  • Lage: Die Auto-Neuzulassungen brachen im Herbst förmlich ein, im Gebrauchtwagenmarkt gibt es, auch durch die Neuwagenrabattaktionen wie Umwelt- und Wechselprämien kaum noch Wachstum. Verbessert hat sich das Werkstattgeschäft, hier liegt die Auslastung bei 86 Prozent.
  • Trend: Für 2019 rechnet der Verband mit einem Autojahr auf dem Niveau von 2018. Erwartet werden rund 3,43 Millionen Pkw-Neuzulassungen, bei den Gebrauchten wird das Geschäft weiter zurückgehen. Unsicher bleibt die Entwicklung bei Nachrüstungen für Dieselmotoren.
Metall
  • Lage: Die Stimmung ist gut, nahezu zwei von drei Unternehmen schätzen ihre aktuelle Lage als gut oder besser ein. Der Auftragsbestand
    beträgt im Metallbauerhandwerk rund zehn Wochen, beim Maschinen- und Werkzeugbau rund elf Wochen.
  • Trend: Vier von zehn Metallbauern sehen in dem zunehmenden Preiswettbewerb eine zentrale Herausforderung der nächsten Zeit. Die zurzeit realisierbaren Preise sind für die Hälfte der feinwerk- mechanischen Betriebe maximal ausreichend.
Sanitär Heizung Klima
  • Lage: 41 Prozent der Unternehmen berichten über gestiegene Umsätze in den letzten drei Monaten. Der positive Stimmungstrend wird durch einen Auftragsbestand von 11,8 Wochen unterstrichen.
  • Trend: Die verstärkte Geldanlage in die eigenen vier Wände wird das Sanierungsgeschäft weiter stabil halten. Die Auftragslage bleibt weiterhin gut.
Tischler/Schreiner
  • Lage: Die Konjunkturaussichten sind weiterhin gut. Nach wie vor boomt die Baubranche, Geschäftskunden investieren und Privatkunden setzen ebenfalls auf die Qualitätsprodukte des Gewerks.
  • Trend: Holz zählt zu den Top-Zukunftsmaterialien. Denn im Gegensatz zu den endlichen Ressourcen ist der Holzvorrat, bei richtiger Bewirtschaftung unerschöpflich.

Prognosen für Deutschland nach unten korrigiert

Nahezu alle Vorhersagen zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland wurden von Wirtschaftsforschern, Organisationen und auch von der Bundesregierung leicht nach unten korrigiert.
Die Gründe: Handelskonflikte, Brexit, Fachkräftemangel, Produktionsengpässe, Probleme der Autoindustrie.

Quelle ART Prognose 2018 Prognose 2019
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirschaftlichen Entwicklung BIP 1,7 % 1,9 %
Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute BIP 1,8 % 1,8 %
Bundesregierung (Herbstprognose) BIP 2,0 % 1,9 %
EU Kommission BIP 1,7 % 1,8 %
Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) BIP 1,8 % 1,7 %

Quelle: Statistisches Bundesamt, ZDH; Icons: The Noun Project

Analyse Was die Handwerkskonjunktur künftig beeinflusst

Professor Kilian Bizer, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh), analysiert für handwerk magazin entscheidende Konjunkturfaktoren für 2019 und die Auswirkungen auf das Handwerk.

  • USA-China-Handelskonflikt und Brexit: Schwächt Exportindustrien und damit Zulieferer in den industrienahen Gewerken wie Metallbau, Feinmechanik.
  • Euro: Die politische Zuspitzung in Italien beeinträchtigt die konjunkturelle Erwartung auch in Deutschland, wenn der Euro unter erneuten Druck gerät.
  • Private Nachfrage: Die Abschwächung der Weltkonjunktur reduziert die private Konjunkturerwartung und die private Nachfrage. Das betrifft konsumnahe Gewerke wie zum Beispiel Friseure, Bäcker, Fleischer.
  • Fachkräftemangel: Er nimmt infolge demografischer Entwicklung weiter zu. Das betrifft alle Gewerke besonders in ländlichen Räumen.
  • Wohnungsmarkt: Die Nachfrage nach neu gebautem Wohnraum ist ungebrochen und unterstützt den Bausektor auch 2019.
  • Digitalisierung: Sinkende Nachfrage stärkt die Wettbewerbsposition stärker digitalisierter Unternehmen, die im Boom investiert haben.
  • Energiewende: Sie setzt im Gebäudesektor zusätzliche positive Impulse für die Bereiche Bau- und Ausbau.
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