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So verdienen Sie am Klimawandel

Geschäftsstrategie | Naturkatastrophen verusachen hohe Sachschäden, und immer mehr Bürger fordern stärkeren Umweltschutz. Potenzielle Kunden sind also für die Ökoangebote des Handwerks empfänglich. Wer sich jetzt richtig positioniert, kann mit steigenden Umsätzen rechnen.

Des einen Leid, des anderen Freud – in dieser Abwandlung eines alten Sprichworts steckt mehr als nur ein Kern Wahrheit. Nicht um Schadenfreude geht es in diesem Fall, sondern um zufriedene Handwerksunternehmer, die in ihrer Bilanz ein schönes Umsatzplus verbuchen. Der Grund für den unerwarteten Auftragsschub: Orkan Kyrill, der im Januar über Deutschland tobte und eine Schneise der Verwüstung hinterließ. Allein hierzulande belief sich der Schaden auf zwei Milliarden Euro. Seitdem sind unter anderem die Bau- und Ausbauhandwerker fleißig damit beschäftigt, zerbrochene Fenster, demolierte Dächer oder von umgestürzten Bäumen eingedrückte Mauern zu reparieren.

Einen dieser Betriebe leitet Stefan Janker. Seiner Dachdeckerei und Zimmerei Janker in Röthenbach bei Nürnberg hat der heftigste deutsche Wintersturm seit dem legendären Lothar im Jahr 1999 bislang rund 70000 Euro an zusätzlichem Umsatz gebracht – in einem Umkreis von zehn Kilometern. Das durchschnittliche Auftragsvolumen von gerade mal 300 Euro stört den 36-Jährigen nicht. Er will die Aufträge auch gar nicht unnötig aufblähen. Lieber nutzt er solche Naturkatastrophen, um seinen Betrieb bei neuen Kunden ins Gespräch zu bringen. „Immerhin war bisher kein Janker-Dach von Sturmschäden betroffen“, sagt er stolz. Um die Auftragsflut schnell abwickeln zu können, bereitete sich der Unternehmer gut vor: „Weil der Sturm angekündigt war, standen wir schon morgens um fünf Uhr im Betrieb, um Aufträge anzunehmen und den Kunden so schnell wie möglich zu helfen – selbstverständlich auch am Samstag.“

Orkan Kyrill als Umsatzturbo

Der Chef von 25 Mitarbeitern hat allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Er arbeitet in einer Branche, die deutlich von der globalen Klimaveränderung profitieren dürfte – wie die meisten Sparten des Handwerks. Während energieintensive Wirtschaftszweige wie die Chemieindustrie oder CO2-Verursacher wie die Autokonzerne unter explodierenden Rohstoffpreisen und einem angekratzten Firmenimage leiden, freuen sich vor allem im baunahen Bereich tätige Unternehmen derzeit über eine Art Sonderkonjunktur: Weil die Bundesregierung vor allem über die KfW-Bankengruppe üppige Förderprogramme für Investitionen in Energiesparmaßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes aufgelegt hat, lassen Wohnungsgesellschaften und Immobilienbesitzer modernisieren und sanieren wie selten zuvor. Eric Heymann, Branchenanalyst bei Deutsche Bank Research, der Forschungsabteilung der Deutschen Bank, hat gerade eine aktuelle Studie über die Folgen der Erderwärmung vorgelegt. Er sieht durch die vom Klimawandel verursachten Marktveränderungen interessante Geschäftsmöglichkeiten: „Gerade Unternehmer, die im baunahen Bereich tätig sind, können mit steigenden Umsätzen rechnen, wenn sie den Kunden ihre Angebote nur richtig schmackhaft machen.“ Chancen auf zusätzliche Aufträge bieten sich danach fast jedem Handwerksunternehmer, der mutig genug ist, sie beherzt zu ergreifen (siehe Interview Seite 20). Interessant sind vor allem die Ertragsperspektiven durch

Reparaturen nach immer öfter zu erwartenden Naturkatastrophen;
Umbauten zur Wärmedämmung und Senkung des Energieverbrauchs;
Investitionen zur effizienteren Energienutzung sowie
private Geldanlage in Ökoprodukte.

Um von diesen Veränderungen zu profitieren, reicht es allerdings nicht, einfach nur auf den Ökozug aufzuspringen. Jeder Unternehmer muss vielmehr gut überlegen, mit welcher langfristigen Strategie er von den Auswirkungen des Klimawandels profitieren will. Vor blindem Aktionismus warnt auch DB-Research-Experte Heymann: „Es gilt vor allem zu unterscheiden zwischen Modethemen und langfristig wichtigen Themen, zu denen beispielsweise die Gebäudesanierung zur Steigerung der Energieeffizienz zählt.“ Anstatt einfach nur hinter eventuell extrem kurzfristigen Trends herzulaufen, gelte es, durch eine genaue Analyse des Marktes herauszufinden, welche Umweltveränderungen und dadurch angestoßenen politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen die solide Basis für ein langfristig tragfähiges eigenes Geschäftsmodell bilden könnten.

Die Strategie ist entscheidend

Stefan Janker jedenfalls hat sich eingehend mit dieser Frage beschäftigt. „Mit Qualität und Umweltbewusstsein konnte ich mein Unternehmen schon vor Jahren richtig positionieren“, meint er im Rückblick und fügt hinzu: „Bei meinen Produkten geht es schließlich nicht um den Preis, sondern um Energieeinsparung, Sicherheit und Behaglichkeit für die Bewohner.“ Um potenzielle Kunden mit einem hochwertigen Service und entsprechenden Materialien überzeugen zu können, hat sich der Unternehmer in Sachen Baubiologie fortgebildet. Er erwarb nicht nur in einem dreimonatigen Vollzeitkurs den Titel Gebäudeenergieberater Handwerkskammer. Er hat außerdem noch seine Firma für die Mitgliedschaft im Qualitätsverbund umweltbewusster Betriebe fit gemacht. Diese Maßnahmen beflügeln nicht nur den Umsatz, der vergangenes Jahr bei 2,4 Millionen Euro lag, sondern auch die Stimmung im Betrieb. Schließlich müssten seine Leute kein Material verarbeiten, das jucke oder stinke. „Und vor den Kunden müssen meine Mitarbeiter auch nichts verstecken.“

Energiesparen fürs Marketing

Viel schwieriger ist es auf den ersten Blick für die Vollkornbäckerei Effenberger in Hamburg, den Folgen der globalen Klimaveränderung eine gute Seite abzugewinnen. Immerhin leiden energieintensive Betriebe des produzierenden Gewerbes, beispielsweise Bäckereien, massiv unter steigenden Strom- und Brennstoffpreisen. Doch Inhaber Thomas Effenberger lässt den Kopf nicht hängen. Im Gegenteil, der 50-jährige Bäckermeister und Betriebswirt investiert gezielt in Kostensenkung sowie effizienteren Ressourceneinsatz. Das auch sehr gut fürs Marketing nutzbare Ergebnis spricht Bände: ein um zwei Drittel geringerer Energieverbrauch als in vergleichbaren Betrieben – und das, obwohl Effenberger das benötigte Getreide in der Bäckerei selbst vermahlt.

Kernstück der Sparmaßnahmen: ein Ofen mit einer im Wirkungsgrad stark verbesserten Brenneranlage und ein System zur Wärmerückgewinnung. Effenberger nutzt die Abwärme des mit Gas befeuerten Brenners zur Warmwassergewinnung und zum Heizen der Räume durch Wärmetauscher. Auch den beim Backvorgang entstehenden Wasserdampf setzt er mit Hilfe eines sogenannten Schwadenkondensators zum Heizen ein. Das Wohnhaus über der Bäckerei hat der Unternehmer isoliert und auf dem Dach eine Photovoltaikanlage errichtet, die 4000 kWh Strom im Jahr produziert. Geplant ist zudem, künftig den gesamten Warmwasserbedarf sowie den Raumwärmebedarf für 500 Quadratmeter Produktions-, Büro- und Gewerbefläche plus acht Wohneinheiten durch den Ausbau der Wärmerückgewinnung, die verbesserte Wärmedämmung und die Photovoltaikanlage zu decken.

Doch nicht nur technisch ausgeklügelte Systeme helfen Thomas Effenberger dabei, Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Wichtig ist für ihn auch die optimale Auslastung der Öfen. Er hat beispielsweise ausgerechnet, wie viel Mehl er in den Backtrog füllen muss, um später die Öfen komplett zu befüllen und damit in der Produktion pro hergestelltem Brot so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Außerdem fahren die Lieferwagen der Vollkornbäckerei nur voll beladen los, halbe Fuhren gibt es nicht. Ressourcen sinnvoll zu nutzen heißt für den Bäckermeister natürlich auch, möglichst wenig Müll anfallen zu lassen – und damit automatisch die Betriebskosten weiter zu senken. Das erreicht er unter anderem durch eine enge Zusammenarbeit mit Landwirten, die das zu liefernde Getreide extra für ihn in wiederverwendbare Säcke füllen.

Immer wieder überlegt Thomas Effenberger zusammen mit seinen Mitarbeitern, was sie in der Bäckerei ökologisch noch verbessern können. Dass ihn sein Team mit vielen Ideen unterstützt, ist kein Zufall: Jeder Beschäftigte kennt durch ein Arbeitsplatz-Rotationsprinzip alle Bereiche des Betriebs genau. Zudem schult der Firmenchef seine Mitarbeiter im verantwortungsvollen Umgang mit Energie und erklärt ihnen, wie viel wo verbraucht wird. Derart intensiv an der Unternehmensführung beteiligt, gestalten seine Mitarbeiter Effenbergers umfassende Konzepte zur vernünftigen Ressourcennutzung aktiv mit.

Durch die energiesparende Produktion stößt die Vollkornbäckerei rund 200 Tonnen weniger CO2 aus als vergleichbare Betriebe. Natürlich kostet dieses ökologische Engagement viel Geld, doch Effenberger ist überzeugt, dass sich die Investitionen nicht nur für die Umwelt, sondern auch kaufmännisch lohnen. „Je stärker die Energiepreise steigen, desto schneller hole ich die Anfangsinvestition wieder rein“, sagt er. Auch die Stadt Hamburg findet das Energieeinsparkonzept absolut zukunftsweisend und unterstützt die Investition des Unternehmers mit Fördermitteln.

Einen anderen Weg, um vom Klimawandel zu profitieren, hat Bernd Reisinger gefunden. Der Firmenchef ist selbst auf die Installation von Photovoltaikanlagen spezialisiert, die seinen Kunden eine attraktive Stromeinspeisevergütung bescheren. Jetzt investiert Reisinger zusammen mit seiner Frau Christine in Photovoltaik, um seine Altersvorsorge abzurunden. „Schließlich sehe ich, was die Anlagen bringen“, sagt der 36-Jährige. Da sei es folgerichtig, dass nicht nur die Kunden diese Vorteile genießen, sondern auch der Installateur selbst.

Photovoltaik als Goldgrube

Seine Kalkulation sieht dabei folgendermaßen aus. Für die Installation einer 30-kW-Anlage benötigt er 250 Quadratmeter Dachfläche. Die Pacht dafür beträgt in Aufkirchen bei München 650 Euro im Jahr, was einem Quadratmeterpreis von 2,60 Euro entspricht. Im Schnitt lassen sich mit der Fläche 30000 Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren. Pro Kilowattstunde Strom erhält er als Investor 49,21 Cent Einspeisevergütung. Abzüglich der Dachpacht bleiben ihm damit jährlich 14113 Euro. Bei einer Investition von 125000 Euro für die Photovoltaikanlage liegt die Rendite pro Jahr zwischen sieben und acht Prozent. Für jetzt installierte Anlagen ist die Einspeisevergütung für eine Dauer von 20 Jahren festgelegt und die Investition damit absolut berechenbar. Bei einem Eigenkapitaleinsatz zwischen zehn und 20 Prozent ist der Investor so bereits nach zehn Jahren schuldenfrei.

Die Reisingers haben inzwischen in 164,5 kW Photovoltaik investiert. Weitere 60 kW kommen im August dazu, wenn der Betrieb in ein neues Firmengebäude zieht. Attraktiv wurde diese Art der Altersvorsorge für das Unternehmerehepaar auch durch das optimale Zusammenspiel von zwei Faktoren: Einerseits haben die Reisingers aufgeschlossene Kreditinstitute, die die Photovoltaikanlagen selbst als Sicherheiten akzeptieren. Andererseits nutzen sie die Anlagen, um Steuern zu sparen. „Im ersten Jahr können wir die 30-prozentige Sonderabschreibung ansetzen, was die Anlagen zu einem attraktiven Steuersparmodell macht“, betont Bernd Reisinger.

Diesen Vorteil bietet der Kauf von Ökoaktien oder entsprechenden Investmentfonds zwar nicht, aber auch mit der richtigen Geldanlage lässt sich am Klimawandel verdienen. Mehr dazu erfahren Sie ab Seite 68 unter der Überschrift „Mit grünem Gewissen Geld verdienen“.

Gudrun Bergdolt, Sandra Rauch

frank.wiercks@handwerk-magazin.de

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