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Pflegeversicherung: Das unterschätzte Risiko

Weniger Beitragszahler und immer mehr Rentner sorgen für Defizite in der Sozialversicherung. Führende Experten sind sich einig: Die private Vorsorge für die Pflege wird in Zukunft ein Muss für jeden Einzelnen.

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Ein Thema, über das keiner gerne spricht: die Pflegeversicherung und ihre künftigen Herausforderungen. Langfristig wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland deutlich steigen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes von derzeit knapp 2,4 Millionen auf etwa 4,4 Millionen Menschen, die im Alltag auf Unterstützung von Pflegekräften angewiesen sind.

Das bedeutet: Die Ausgaben für die Pflege steigen stärker als die Beitragseinnahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung. Durch die demogra-
fische Entwicklung wird die Zahl der aktiven Beitragszahler sinken, während die Anzahl der Rentner immer weiter zunimmt.  

Daher wird das System ohne eine private Zusatzversicherung für die Pflegebedürftigkeit im Alter, nicht finanzierbar bleiben. Handwerksunternehmer, die freiwillig in der gesetzlichen Krankenkasse versichert sind, zahlen automatisch auch in die soziale Pflegeversicherung ein, seit 1995 die fünfte Säule der Sozialversicherung. Privat Versicherte haben eine private Pflegeversicherung, die die Leistungen der gesetzlichen Variante abdeckt. Derzeit zahlen Kinderlose 2,2 Prozent Pflegebeitrag und Versicherte mit Kindern 1,95 Prozent. Experten warnen aber, dass diese Beiträge bei einem Anstieg der Pflegebedürftigen nicht mehr ausreichen werden.

Politische Gestaltung ist unklar

Deshalb haben Union und FDP im Koalitionsvertrag vereinbart, für die gesetzliche Pflegeversicherung eine Kapitaldeckung einzuführen, die „verpflichtend, individualisiert und generationengerecht“ ausgestaltet sein soll. Doch die politischen Details und was sie genau für den Bürger bedeuten, sind noch unklar.

Die Konzepte der Union weisen bisher in die Richtung, die privat gezahlten Zusatzbeiträge in einem gemeinsamen Topf zu sammeln, aus dem dann in 20 bis 30 Jahren die notwendigen Pflegeleistungen bezahlt werden sollen. In der FDP wird dagegen der Vorschlag favorisiert, eine Art „Pflege-Riester“ einzuführen. Das heißt, individuelle Policen für den einzelnen Bürger. „Die Pflegeabsicherung könnte man auch sehr gut über die Betriebe organisieren, ähnlich wie die betriebliche Altersvorsorge“, schlägt Rainer Reitzler, Vorstandsvorsitzender des Münchener Vereins im Interview mit handwerk magazin vor.

Laut einem Orientierungspapier der SPD-Fraktion für die Pflege müssten die Beiträge bereits ohne Reform ab 2014 steigen. Der Beitragssatz von derzeit 1,95 Prozent würde bis 2020 auf 2,3 Prozent klettern.

Während andere Experten sich bereits den Kopf zerbrechen, macht der erst seit drei Monaten amtierende Gesundheitsminister Daniel Bahr, FDP, noch ein großes Geheimnis aus der geplanten Pflegereform. Nach der Sommerpause will er ers-te konkrete Vorschläge auf den Tisch legen. Ob auch der Beitrag zur gesetzlichen Pflegeversicherung steigen wird, ließ der Minister noch offen. Experten der Union rechnen mit einem Anstieg der Beiträge von 0,5 bis zu 0,6 Prozentpunkten.

Minus ist absehbar

Ende 2010 verfügte die Pflegeversicherung noch über 5,1 Milliarden Euro. Doch diese finanziellen Reserven werden in den nächsten Jahren unweigerlich schrumpfen. Zumal die Regierung bei der letzten Pflegereform auch beschlossen hatte, die Leistungen für die rund 2,4 Millionen pflegebedürftigen Bürger künftig an die Inflationsquote anzupassen. Kritik übten auch die Wirtschaftsweisen in ihrem letzten Gutachten: Die gesetzliche Pflegeversicherung steuere mittelfristig auf Defizite zu, wenn die Regierung nicht rechtzeitig gegensteuere.

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