Betrieb -

Öffnen, wie der Markt es braucht

Ladenschluss | Die neuen Regelungen stoßen bislang bei den Betrieben auf wenig Begeisterung. Zu Unrecht, denn es gibt viele Chancen – für besseren Service, mehr Umsatz und zufriedene Mitarbeiter.

„Endlich kundenfreundlich sein, ohne zum Gesetzesbrecher zu werden“, freut sich der Bäckermeister Jürgen Weidner aus Halle an der Saale über das im November verabschiedete Ladenöffnungszeitengesetz in Sachsen-Anhalt. Denn obwohl an der Tür seines Geschäftes noch die einstmals frühestmögliche Öffnungszeit von 5.30 Uhr zu lesen ist, haben viele Kunden sich seit Jahren daran gewöhnt, hier bereits ab fünf Uhr frische Brötchen und noch dampfenden Kuchen kaufen zu können.

„Das kam wie von selbst“, erinnert sich Weidners Schwägerin Edeltraud, die als Verkäuferin im Laden arbeitet: „Wenn wir früh morgens die Waren in die Regale räumten, klopfte es immer wieder an der Ladentür.“ Viele Menschen, die im Schichtdienst arbeiteten, ließ der hell erleuchtete Laden auf ein leckeres Frühstück hoffen: Krankenschwestern aus dem nahen Universitätsklinikum, Mitarbeiter aus den Funkhäusern der Saalestadt, Polizisten, Pfleger aus Altenheimen, Taxifahrer... „Weil wir es nicht übers Herz brachten, sie draußen warten zu lassen, ließen wir die Tür ab fünf Uhr einfach offen“, erinnert sich Edeltraud Weidner, „das sprach sich dann herum“.

Sogar bis zum Ordnungsamt. Die Behörde brummte dem Betrieb in den 90er- Jahren eine Geldstrafe von etwa 1000 D-Mark auf und untersagte den Frühaufsteherservice. Im Konflikt zwischen Kundenwunsch und Paragrafen entschied sich das Team des seit drei Generationen bestehenden Familienbetriebes schließlich für die Kunden. „Jetzt ist das endlich legal“, freut sich Jürgen Weidner über die neue Gesetzeslage, die es Ladenbesitzern gestattet, ihre Geschäfte zwischen montags null Uhr und samstags 20 Uhr ganz so zu öffnen und zu schließen, wie sie es selbst für richtig halten.

Mit seiner Begeisterung darüber gehört der 44-Jährige jedoch zu einer Minderheit. Nachdem 13 von 16 deutschen Bundesländern den Ladenschluss sehr weit gelockert haben, fällt es schwerer als je zuvor, Händler zu finden, die darüber wirklich begeistert sind.

Skeptische Unternehmer

Allerorten kürzen Ladenbesitzer ihre Öffnungszeiten wieder zusammen. In Berlin, wo am 14. November das erste Ladenöffnungsgesetz verabschiedet wurde und wo gute Voraussetzungen für den Späteinkauf bestehen, schließen die Gropius-Passagen in Neukölln wochentags statt um 22 Uhr jetzt wieder um 20 Uhr und setzen ganz auf den langen Samstag. Deutschlands größtes Kaufhaus, das KaDeWe, gönnt seinen Kunden mit dem „langen Freitag“ (bis 22 Uhr) lediglich zwei Stunden zusätzlichen Einkaufsspaß pro Woche.

Von den Betrieben im Handwerk wird die neu gewonnene Freiheit bislang anscheinend kaum genutzt. „Ich kenne keinen Kollegen, der von sich aus über 20 Uhr hinaus öffnet“, erklärt etwa Burkhard Stelse, Obermeister der Augenoptiker-Innung Berlin, „im Gegenteil: in den Außenbezirken gehen viele Betriebe wieder von 20 auf 19 Uhr zurück“. Es rechne sich schlicht nicht, die Läden länger offen zu halten. Ursula Fischer, Obermeisterin der Innung der Gold- und Silberschmiede sowie des Uhrmacherhandwerks in Essen, bestätigt wie Kollegen in vielen anderen Städten: „Aus unserer Innung macht beim späten Ladenschluss niemand mit.“ Ausnahmen finden sich dort, wo Ladenbesitzer durch Mietverträge an Öffnungszeiten gebunden sind, beispielsweise in Einkaufscentern.

Skepsis und Abwarten ist symptomatisch für die derzeitige Situation – „und zugleich auch ein Stück weit deren Ursache“, unterstreicht Wolfgang Twardawa, Marketingleiter des Marktforschungsunternehmens GfK in Nürnberg. Denn um Kunden wirklich länger in die Läden zu locken, brauche es „konzertierte Aktionen an einem Standort“. Und eben diese seien bislang nur selten zu beobachten. Zudem werde unterschätzt, dass die Kunden „eine gewisse Zeit benötigen, sich an die neuen Angebote zu gewöhnen“ (siehe Interview rechts).

„Bei uns hat diese Phase über drei Monate gedauert“, erinnert sich Petra Bauer, Geschäftsführerin des Frisiersalons „Box Haare“ im Hamburger Schanzenviertel. Als Friseurbetriebe bereits im März 2003 von den Lasten des Ladenschlusses befreit worden waren, „wandten sich drei unserer Kollegen spontan an die beiden Inhaber, weil sie ihre Arbeitszeit gern weiter in den Abend hinein verschieben wollten“, berichtet Petra Bauer, die damals selbst noch mit am Frisierstuhl stand.

Die beiden Firmenchefs stimmten einer Testphase zu. Denn die Rahmenbedingungen im Schanzenviertel mit seinen zahlreichen Kneipen und Restaurants, mit vielen kreativen Firmen, die selbst eher unkonventionelle Arbeitszeiten pflegen, schienen durchaus gut zu sein.

Im Frühsommer 2003 wurden in der „Box“ donnerstags und freitags erstmals Termine bis 22 Uhr vergeben. „Der Andrang hielt sich in Grenzen“, umschreibt die heutige Geschäftsführerin das zunächst bescheidene Resultat. „Aber das Angebot musste sich natürlich erst herum sprechen“, erklärt die innovative Friseurmeisterin. Dafür engagierte die „Box“-Crew unter anderem Discjockeys, die den Salon nach 20 Uhr in eine Art Szeneclub verwandelten. Das brachte Aufmerksamkeit – bei Vorübergehenden ebenso wie in lokalen Medien.

Sorge um die Mitarbeiter

Andererseits zeigten Fragen wie „Seid Ihr denn um die Uhrzeit nicht zu müde?“, dass viele Kunden sich sorgten, ihr Komfortgewinn könne zu Lasten der Angestellten gehen. „Die Mitarbeiter haben hier tolle Aufklärungsarbeit geleistet“, lobt Petra Bauer: „Sie erklärten, dass die Initiative von ihnen ausging, dass die Spätschicht erst um 12.30 Uhr beginnt und dass die neuen Arbeitszeiten ihnen Lust und keine Last sind.” Heute redet kein Mensch mehr darüber. Und die Spättermine sind fast immer ausgebucht.

Dass im Zusammenhang mit den neuen Ladenschluss-Regelungen fast nur von längeren Öffnungszeiten gesprochen wird, findet Ines Wissel vom Management-Center-Handwerk in Düsseldorf bedauerlich: „Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind viel mannigfaltiger“, erklärt die Diplomkauffrau. Mitunter könne eine Verschiebung oder Aufsplittung der Öffnungszeiten sinnvoll sein, in anderen Fällen eine Konzentration auf publikumsstarke Events. Einen Königsweg für alle gäbe es jedoch nicht.

Bäckermeister Jürgen Weidner jedenfalls ist überzeugt, eine optimale Lösung für sich gefunden zu haben: „Bei uns gibt es um fünf Uhr die ersten Brötchen der Stadt. Dafür schließen wir um 18 Uhr etwas früher als die anderen.“

Frank Pollack

kerstin.meier@handwerk-magazin.de

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