Nachhilfe für Azubis

Ausbildung Viele Lehrstellenbewerber gelten als „nicht ausbildungsreif“. Doch es gibt Möglichkeiten, sie gezielt zu fördern. Unternehmen, die darauf setzen, machen erstaunlich positive Erfahrungen.

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Wir bilden nicht mehr aus, denn die Jugendlichen von heute sind doch sowieso alle zu doof. Solche Äußerungen mancher Kollegen wollte Thomas Lundt nicht mehr hören. 2008 fragte der Obermeister der Berliner Kfz-Innung deshalb beim nächstgelegenen Jobcenter der Arbeitsagentur nach dem Bewerber mit dem schlechtesten Zeugnis. So lernte er Veton L. kennen, einen damals 17-Jährigen mit Migrationshintergrund und zahlreichen Fünfen und Sechsen sowie mehr als 50 unentschuldigten Fehltagen auf dem letzten Hauptschulzeugnis.

Lundt bot dem vermeintlich „unvermittelbaren“ eine Ausbildung zum Servicemechaniker an, und der Inhaber der Lundtauto Sportwagen Service GmbH hat dies noch keine Sekunde bereut: „Der Junge hat die zweijährige Ausbildung mit Bravour gemeistert und macht seit 2010 als Geselle in unserem Team einen tollen Job“.

Die Auswahl wird enger

Der Weg, den der Berliner Unternehmer seit vier Jahren geht, wird in Deutschland Schule machen, davon ist Klaus Weber vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) in Bonn überzeugt: „Firmen, die Fachkräftenachwuchs brauchen, müssen wegen der demografischen Entwicklung bei der Personalgewinnung zunehmend auch auf Bewerber zurückgreifen, die bislang oft links liegen gelassen wurden“, konstatiert der Leiter des Bereiches „Bildungsgänge“ (siehe Interview).

Dazu gehörten Jugendliche mit schlechten oder fehlenden Schulabschlüssen ebenso wie sozial Benachteiligte, Behinderte oder Migranten. Denn der Mangel ist keine vorübergehende Erscheinung: Sank die Zahl der Haupt- und Realschulabgänger in Deutschland seit 2004 von gut 700000 auf heute weniger als 550000, so wird sie bis 2025 um weitere 100000 schrumpfen.

Handwerk besonders betroffen

Die Herausforderung aus Unternehmersicht bestehe angesichts schwindender Auswahlmöglichkeiten darin, „die individuellen Stärken und Talente besonders der vermeintlich schwächeren Bewerber herauszufinden“, betont Hannelore Plicht vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Denn über die für Handwerksberufe besonders wichtigen praktischen Fertigkeiten, über persönliche Interessen oder Begeisterungsfähigkeit seien Zeugnisse nur bedingt aussagefähig.

Schulnoten sieht Kfz-Meister Lundt denn auch nur als „einen Anhaltspunkt unter vielen“. Die wichtigste Entscheidungsgrundlage für die Einstellung von Auszubildenden seien für ihn Praktika, sagt der Firmenchef: „Wenn ein Schüler sich in der Werkstatt gut anstellt und auch meine Jungs den Daumen heben, wiegt das für mich mehr als ein paar Rechtschreibfehler in seiner Bewerbung.“ Gezielt nutzen die Spezialisten für Porsche-Reparaturen erste Praxiseinsätze auch als Mutmacher. So wie bei Veton L. „Sein Talent war unter fehlendem Selbstbewusstsein regelrecht verschüttet“, erinnert sich Lundt: „Wir haben ihm gezeigt, wie ein Kerzenwechsel funktioniert und ihn dann selbst machen lassen. Als das Auto danach sofort ansprang, war das ein Riesen-Erfolgserlebnis für ihn.“

Hilfe von der Arbeitsagentur

Auch Arbeitsagenturen bieten umfangreiche Unterstützung beim Übergang von der Schule zur Berufsausbildung. „Zu den erfolgreichsten Angeboten zählen zum Beispiel ausbildungsbegleitende Hilfen“, so Hannelore Plicht. Sie haben das Ziel, den Ausbildungserfolg zu sichern. Ein spezieller Unterricht und gegebenenfalls begleitende sozialpädagogische Betreuung tragen zum Abbau von Sprach- und Bildungsdefiziten bei und fördern das Lernen fachtheoretischer Kenntnisse und fachpraktischer Fertigkeiten. Dabei entstehen den Arbeitgebern keine Kosten. Auch die Möglichkeit, Jugendliche im Rahmen einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme oder einer Einstiegsqualifizierung für längere Zeit im eigenen Betrieb kennenzulernen (siehe Tabelle), sei leider noch „viel zu wenig bekannt“.

Motivation auslösen

Schon vor Ausbildungsbeginn könnten Praktika, wenn sie gut vorbereitet sind und die Schüler fordern, regelrechte Motivationsschübe auslösen, beobachtet Dagmar Ehnert von der Handwerkskammer in Leipzig. Die Kammer bietet Schülern ab der siebenten Klasse in ihrem Bildungszentrum die Möglichkeit, in ein- bis zweiwöchigen Lehrgängen verschiedene Handwerksberufe auszuprobieren. Dabei fangen nicht wenige Feuer für Handwerksberufe. „Viele Lehrer aus den mehr als 30 Partnerschulen haben uns hinterher berichtet, dass Jugendliche von sich aus um Nachhilfe in dem einen oder anderen Fach gebeten haben“, freut sich die Leiterin Berufsbildung: „Sie wussten plötzlich, wofür sie es brauchten.“

Einen noch unkonventionelleren Weg, Jugendliche zu begeistern, fand Lars Thullesen aus Neumünster. Der Dachdeckermeister beschäftigt auf eigene Kosten einen Lehrer, der schwächere Schüler schon während der Schulzeit in Fächern wie Mathe oder Physik Nachhilfe erteilt. Viele Jugendliche nutzen die Chance, nach dem Unterricht in dem Unternehmen zu jobben. Auch die Eltern nehmen den Betrieb, der für seine Initiative mit dem Heribert-Späth-Preis geehrt wurde, äußerst positiv wahr. „Wir finden auf diesem Weg einen Großteil unserer Auszubildenden“, zieht Thullesen zufrieden Bilanz.

Thomas Lundt konnte auf solche Hilfen bislang verzichten. Derzeit absolviert ein weiterer junger Mann, der beim Jobcenter als „hoffnungsloser Fall“ galt, in der Berliner Sportwagen-Werkstatt die Ausbildung zum Servicemonteur. In diesem Sommer nun stehen für ihn bereits die Abschlussprüfungen an. „Danach wird der oder die Nächste mit schlechtem Schulabschluss eine Chance erhalten“, versichert Lundt, zu dessen zwanzigköpfigen Team derzeit insgesamt sechs Auszubildende gehören: „Wir wollen uns nicht nachsagen lassen,wir hätten einfach nur Glück gehabt!“

reinhold.mulatz@handwerk-magazin.de

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