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Studie zur Finanzierung im Handwerk Großer Finanzierungsbedarf im Handwerk: Immer mehr Alternativen zur Hausbank

Eine Studie der Finanzierungsplattform Compeon zeigt: Das Handwerk findet in der Pandemie neue Wege der Finanzierung. Wie wichtig das ist, belgen folgende Zahlen: 42,9 Prozent der Betriebe erhielten eine Absage auf ihre Finanzierungsanfrage. Fast ein Drittel dieser Betriebe musste deshalb Personal abbauen. Die weiteren Ergebnisse im Überblick.

Topic channels: TS Banken, TS Crowdfunding, TS Factoring, TS Leasing und TS Mezzanine

Der Mittelstand hat sich in der Corona-Krise stärker als zuvor auf die Suche nach Liquidität und finanziellen Handlungsspielräumen begeben - und dabei Alternativen zur Hausbankfinanzierung gefunden. So das zentrale Ergebnis der jüngsten Umfrage der Finanzierungplattform Compeon . Und das hat seinen Grund: Einerseits sind weltweit rund 90 Prozent aller Unternehmen klein- und mittelständisch, jeder zweite Arbeitsplatz wird von ihnen gestellt. Ihr Wachstum ist also bedeutend für die Konjunktur. Um dieses aber finanzieren zu können, benötigen sie Fremdkapital. Und das wird von den Banken immer restriktiver zur Verfügung gestellt. Die Suche nach Finanzierungsalternativen stellt sich vielen Unternehmern daher als alternativlos da.

"Der Fokus der Umfrage lag in diesem Jahr vor allem auf Veränderungen, die auf die Pandemie und die damit verbundenen Auswirkungen im vergangenen Geschäftsjahr zurückzuführen sind. Ausgewertet wurden 405 Antwortbögen von Entscheiderinnen und Entscheider aus Unternehmen unterschiedlicher Umsatzklassen, Branchenzugehörigkeiten und Größe", schreibt Compeon. Die Finanzierungsplattform arbeitet mit rund 300 Finanzierungspartnern zusammen.

Handwerk im Fokus

Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, sodass auch während den Corona-Monaten Investitionen in den Betrieben notwendig waren, um beispielsweise neue Werkzeuge, weitere Fahrzeuge oder Lagerbestände zu ordern – oder um andere Ausgaben wie die Vorkasse für steigende Personalkosten abzudecken. Hierzu greifen viele Betriebe seit jeher auf Hilfe von außen zurück und nutzen zur Finanzierung von Investitionen externe Finanzmittel wie Kredite.

Handwerker setzen vor allem auf alternative Finanzierungen

Insgesamt wird im Handwerk im Vergleich zu anderen Branchen ein hoher Finanzierungsbedarf deutlich. Fast die Hälfte (48,4 Prozent) der Handwerksbetriebe hat vergangenes Jahr eine Finanzierung bei einem Finanzdienstleister platziert. Der besondere Fokus lag dabei auf alternativen Finanzierungen wie Leasing oder Mietkauf mit 35,5 Prozent (zum Vergleich: 25,2 Prozent bei den gesamten Befragten). Wie dringlich Finanzierungen in der wirtschaftlich angespannten Situation waren, zeigt sich auch dadurch, dass Handwerksbetriebe vergangenes Jahr in rund einem Drittel der Fälle aktiv eine weitere Bankverbindung aufbauten (35,5 Prozent). Eine große Zahl der Befragten gab dabei an, dass die Erweiterung des Netzwerks der Grund für den Aufbau war (63,6 Prozent), aber auch Hilfskredite waren stärker als im gesamten Branchenschnitt gefragt (54,6 Prozent zu 45,8 Prozent).

Das Finanzierungsnetzwerk ausbauen

Eine Erweiterung des Netzwerks an Finanzdienstleistern scheint notwendig, schließlich hatten Handwerker 2020 deutlich häufiger nur genau eine Bankverbindung - und zwar im gesamtdeutschen Durchschnitt fast doppelt so häufig (61,3 Prozent der Handwerker) wie die gesamten Unternehmen ( 37,3 Prozent). Problematisch: Von den 48,4 Prozent der Handwerker, die im Vorjahr eine Finanzierung durchführen wollten, erhielten 42,9 Prozent eine Absage.

Dass Hilfskredite bei Handwerker eine große Rolle spielten und dies den Finanzanbieter auch bewusst war, zeigt sich daran, dass drei Viertel der befragten Betriebe aktiv auf Fördermittel von ihren Banken hingewiesen wurden (77,4 Prozent). Das ist im Branchenvergleich ein absoluter Spitzenwert (Gesamtdurchschnitt liegt bei 65,4 Prozent).

Folgen nicht gewährter Finanzierungen

So positiv die Aktivitäten der Handwerksbetriebe sind und so wohlwollend Banken Fördermittel anbieten, so folgenschwer sind die Konsequenzen, wenn Finanzierungen nicht gewährt werden. So gab fast ein Drittel (32,3 Prozent) an, dass es aufgrund einer nicht gewährten Finanzierung bereits Personal im Betrieb abbauen musste. Zum Vergleich: Im Schnitt mussten 21,5 Prozent aller Unternehmen Personal abbauen. Damit war das Handwerk die Branche, die am häufigsten Personal als Folge nicht gewährter Finanzierungen reduzieren musste.

Auf Platz 2 gaben Handwerksunternehmen als Folge jeweils Umsatzrückgang und die Nichteinführung einer Innovation im Unternehmen an (jeweils 29 Prozent)

Weitere Studienergebnisse

Ohne Fokus auf die Handwerker, aber inklusive der Handwerker-Antworten, kam die Studie zu weiteren Ergebnissen. So hat rund ein Drittel der befragten Personen (31,9 Prozent) im zurückliegenden Zeitraum eine neue Bankverbindung abgeschlossen. Grund dafür war oft die fehlende Möglichkeit, Hilfskredite über eine bestehende Bank zu beziehen, wie 45,7 Prozent dieser Unternehmen angeben. Die Entwicklung zu einem breiteren Netzwerk an externen Finanzgebern zeigt sich auch daran, dass im Vergleich zum Vorjahr nur 38,7 Prozent der befragten Unternehmen genau eine Bankverbindung besitzen. Im Jahr 2019 waren es noch 50,9 Prozent. Das bedeutet: Unternehmen erweitern ihr Portfolio an Finanzgebern, die Krise sorgt für eine breitere Diversifizierung.

Dies wird auch bei der Wahl der Anbieter deutlich: 35,7 Prozent der Befragten gaben an, alternative Finanzierungsprodukte wie Leasing oder Factoring zu benötigen. Besonders auffällig: Mehr als ein Viertel (26,4 Prozent) der Unternehmen war mit den Leistungen des Haupt-Finanzierungsanbieters zu unzufrieden beziehungsweise empfand dessen Leistungen als so unzureichend, dass direkt nach einer neuen Haupt-Geschäftsbank gesucht wurde.

Schnelligkeit im Entscheidungsprozess zählt

In einer wirtschaftlich angespannten Situation sind schnelle Angaben zur Zu- oder Absage einer Finanzierung für viele Unternehmen der Grundstein weiterer Planungsschritte: 46,9 Prozent der Befragten nannten eine schnelle Kreditentscheidung ein Top-3-Kriterium für die Zufriedenheit mit ihrem Finanzierungsgeber. Dass Tempo zählt, erkennen zunehmend mehr Hausbanken und bieten ihre digitalen Kreditfinanzierungsangebote oft mithilfe von Fin-Techs um. Beispiel: Die Volksbank in Frankfurt/Main vermittelt seit Anfang Juni über eine Online-Tochter Immobilienkredite, sogar auch die der Konkurrenz. Gewerbliche Immobilienfinanzierungen gibt es dort allerdings noch nicht.

Alternative Finanzierungsprodukte für den Mittelstand

Bei der Wahl der Finanzierungsprodukte griffen Unternehmen im Pandemie-Zeitraum vermehrt auf Lösungen neben Darlehen oder bestehenden Reserven zurück. "So erfuhren Finanzierungsarten wie Leasing, Mietkauf, Sale and lease back oder Factoring fast alle Steigerungen um rund zehn Prozent in der Nutzung im Vergleich zur Befragung im Vorjahr.", informiert Compeon.

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