Exklusiv für handwerk magazin-Abonnenten Wie Handwerker den Burnout vermeiden

Reinhard Lachner, Bauunternehmer aus München, plant jeden Arbeitstag sehr genau, um Stress zu vermeiden. Ausgleich findet er beim Lauftraining. Wie auch Sie den Burnout verhindern.

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Wer kennt sie nicht, diese Tage, an denen einfach alles aus dem Ruder läuft: das Material wird nicht pünktlich geliefert, ein wichtiger Mitarbeiter meldet sich krank, und noch dazu klagt ein Kunde über Mängel auf der Baustelle, die sofort behoben werden sollen. „Wenn mehrere ungeplante Dinge zusammenkommen, ist das für mich echter Stress“, sagt Bauunternehmer Reinhard Lachner in München.

So plant der Chef von elf Mitarbeitern zwar seit über 20 Jahren mit dem Organisationssystem von Helfrecht die Abläufe, doch der Alltag hält auch für ihn ständig neue Überraschungen bereit. Da Lachner, wie von Helfrecht empfohlen, jeden Tag etwas „Luft“ vorsieht, bringen ihn kleine Abweichungen wie ein Stau nicht wirklich aus der Ruhe: „Der Zeitdruck stresst zwar kurzzeitig, doch wenn ich mein Fahrziel erreicht habe, belastet mich das nicht mehr“.

Anders sieht es aus, wenn sich die außerplanmäßigen Vorfälle häufen. Dann hat er wie viele Chefs im Handwerk damit zu kämpfen, dass sich in einem Kleinbetrieb wie der Vitus Lachner GmbH eben keine zweite Führungsebene rechnet. Mit der Folge, dass er nur wenige Aufgaben delegieren kann und neben Arbeit und Familie kaum Freiraum zur Entspannung bleibt.

Warum die Balance so wichtig ist

Ein Vortrag des Berliner Marathonarztes Willi Heepe zur Herzinfarkt-Prävention motivierte den Obermeister der Münchner Bauinnung schließlich dazu, sich die für Körper und Seele so dringend notwendigen Freiräume (siehe Info Seite 14) zu schaffen: Er stellte die Ernährung um, nahm neun Kilo ab und begann mit regelmäßigem Laufen. Heute sind die Lauftermine fest im Kalender fixiert, und wenn Lachner abends oder am Wochenende durch den Münchner Olympiapark läuft, ist das für ihn „echte Erholung“.

„Der kontrollierte Wechsel zwischen Spannung und Entspannung ist eines der wirksamsten Ins-trumente zur Burnout-Prophylaxe“, erklärt Jürgen Kässer in Stuttgart. Der Psychoanalytiker hilft Unternehmern dabei, die oft verloren gegangene Balance wieder neu zu finden. Ein Prozess, der den Chefs einiges an Selbsterkenntnis und Veränderungsbereitschaft abverlangt und den die wenigsten deshalb aus eigenem Antrieb gehen. So ist es oft das soziale Umfeld oder auch der Druck einer Bank, die den Unternehmer dazu bringen, sich Hilfe von außen zu holen. „Natürlich will keiner den Begriff Burnout-Behandlung auf der Rechnung sehen“, erklärt Kässer, „doch inzwischen haben die öffentliche Diskussion und das Outing einiger Promis dazu beigetragen, dass psychische Erkrankungen nicht mehr so stigmatisiert werden wie früher.“

Ausfalltage um 79 Prozent gestiegen

Wie notwendig das gerade auch im Handwerk ist, bestätigt die Statistik der IKK Classic zu den Krankheitsursachen von Chefs und Mitarbeitern in Handwerksbetrieben (siehe Chart Seite 13). Lag der Anteil der psychischen Erkrankungen im Jahr 2000 noch bei vier Prozent, ist die Quote 2011 auf 7,4 Prozent gestiegen. Damit schneidet das Handwerk zwar noch etwas besser ab als der Durchschnitt aller IKK-Versicherten - dort lag die Quote 2011 bei 9,2 Prozent -, doch das ist kein Grund zur Entwarnung. Denn immerhin ist im Handwerk die Zahl der Ausfalltage durch eine psychische Erkrankung um stolze 79 Prozent gestiegen, im Durchschnitt verursachen 100 bei der IKK versicherte Handwerker inzwischen beachtliche 134 Ausfalltage pro Jahr.

Angesichts der Zahlen verwundert es wenig, dass die von der IKK Classic angebotenen Kurse zu Burnout-Prävention und Stressmanagement inzwischen auch im Handwerk auf sehr viel positive Resonanz stoßen. Ruth Wagner, Leiterin des Bereichs Prävention bei der IKK Classic, beobachtet bei den Chefs und Chefinnen zudem eine höhere Akzeptanz von psychischen Erkrankungen: „Früher war Burnout ein Tabuthema, heute gilt es als die Krankheit der Sieger.“ Weil immer mehr Menschen an der „Grenze“ unterwegs sind, hat sich nach ihrer Einschätzung die Wahrnehmung verändert. So prüfen die Unternehmer in den Vorträgen nicht nur ihre eigene Betroffenheit, sondern denken auch darüber nach, wie sie den Burn-out von Mitarbeitern verhindern können.

Gerade hier sieht die Expertin das Handwerk im Vorteil: „In Kleinbetrieben mit flexiblen Strukturen gibt es viel mehr Handlungsmöglichkeiten als in den vergleichsweise starren Systemen der Konzerne.“ Aus Sicht der Chefs sei dies jedoch Fluch und Segen zugleich. So werde das Thema in der aktuellen Diskussion zu stark auf das Arbeitsleben fokussiert, obwohl Berufs- und Privatleben natürlich immer ineinander greifen.

Susanne Jantzen, die seit über 20 Jahren die klassische Doppelrolle als mitarbeitende Ehefrau und Mutter dreier Kinder ausfüllt, kann diese Einschätzung nur bestätigen: „Wir führen einen Familienbetrieb mit sieben Mitarbeitern, da lässt sich Privat- und Berufsleben nicht trennen“. Schließlich lebt Susanne Jantzen mit ihrem Mann Bernhard und den Kindern direkt neben der Schreinerei in Saarbrücken und muss täglich die betrieblichen Belange, die Ansprüche der Familie sowie ihr eigenes Privatleben koordinieren.

Stress in der Doppelrolle

Was für einen gesunden Menschen schon ein schwieriger Job ist, stellt für die seit ihrer Kindheit an einer Hüfterkrankung leidende Unternehmerfrau eine zusätzliche Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass die inzwischen 20-jährige Tochter Cora am Downsyndrom leidet und deshalb individuelle Pflege benötigt. Bis vor sieben Jahren hatte Susanne Jantzen alles noch gut im Griff, doch dann erkrankte Cora an Leukämie und musste ins Krankenhaus. Die zusätzliche Betreuung kostete viel Kraft und Zeit. Susanne Jantzen kam über Monate nicht dazu, einmal richtig auszuschlafen und hatte ihr Amt als Vorsitzende bei „Frau und Handwerk“ längst niedergelegt.

Einzelkämpfer haben es schwerer

„In dieser Phase war ich ausgelaugt und gereizt, jeder kleine Frage brachte mich sofort aus dem Konzept“, erinnert sich die 46-Jährige. War sie bis dahin stolz, alle Hürden allein bewältigt zu haben, nahm sie nun die Unterstützung ihrer Eltern bei Coras Betreuung an. „Inzwischen haben wir gelernt, Hilfe von außen anzunehmen und auch mal nein zu sagen“, erklärt die Unternehmerfrau. So sind ihr Mann und sie nicht mehr bei allen Terminen vertreten, sondern sagen weniger wichtige Einladungen auch mal ab. Platzt, wie kürzlich geschehen, ein Kundentermin, weil ein Mitarbeiter einen Arbeitsunfall hatte, erklärt Susanne Jantzen den Kunden offen die Ursache. Die Reaktion hat sie dann selbst überrascht: „Für meine ehrliche Entschuldigung habe ich vom Kunden einen Blumenstrauß bekommen.“

Nachdem sie erfahren hat, wie gut es tut, offen über Belastungen zu sprechen und Hilfe zu akzeptieren, findet sie auch wieder Zeit für ihren Vorstandsjob bei „Frau und Handwerk“: „Die Termine nehme ich gerne wahr, das ist mein persönlicher Freiraum, der nicht stresst, sondern viel Freude bereitet.“ Da sie weiß, wie sehr private Probleme die Arbeitsleistung beeinträchtigen, ermuntert sie die Mitarbeiter ebenfalls zur Offenheit: „Die Gesellen sollen sagen, wenn sie private Dinge belasten, dann teilen wir ihnen vorübergehend leichtere Aufgaben zu.“

Gute Chancen auf Heilung

Werner Kissling, leitender Oberarzt am Centrum für Disease Management der TU München, würde sich eine solche Aufgeschlossenheit auch bei seinen Patienten wünschen. „Die meisten Unternehmer und Führungskräfte kommen leider viel zu spät zu uns.“ Oft ist die Erkrankung dann schon so weit fortgeschritten, dass die Behandlung sehr aufwändig wird. In der schärfsten Form, so Kissling, können die Betroffenen morgens nicht mehr aufstehen, dann hilft nur noch ein mehrmonatiger Aufenthalt in einer Spezialklinik aus der Krise.

Bevor es so weit kommt, rät Kissling, die typischen Warnzeichen (siehe Info Seite 17) wie dauernde Antriebslosigkeit, erhöhte Fehlerquoten, Schlafstörungen, häufige Infekte, Magen-Darm-Beschwerden oder Tinnitus nicht zu ignorieren. Bislang kommt seine Botschaft nur bei wenigen an. „Die Unternehmer beuten sich oft selbst aus“, so sein ernüchterndes Fazit. Diejenigen, die dennoch den Weg zur Spezialabteilung der TU München finden, leiden meistens an einer Depression. An zweiter Stelle der Hitliste bei den Krankheitsformen liegen Ängste und Panikattacken, auf Rang drei folgen Suchterkrankungen.

Wer sich die Krankheit eingesteht und Hilfe sucht, hat nach Kisslings Erfahrung gute Heilungschancen, die Erfolgsquoten liegen bei 80 Prozent. Auch das Vorurteil „einmal psychisch krank, immer psychisch krank“, gelte längst nicht mehr. Im Gegenteil, wie Kisslings Kollegin Rosemarie Mendel in ihrer Schulung für Führungskräfte betont: „Manche sind nach einem Burnout sogar viel erfolgreicher als Chef, weil sie durch die Beschäftigung mit den eigenen Zielen gelernt haben, klare Prioritäten zu setzen und nicht immer die perfekte Lösung anzustreben.“ ◇

kerstin.meier@handwerk-magazin.de

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Einen Burnout-Selbsttest sowie weitere Infos für Handwerksbetriebe finden Sie unter handwerk-magazin.de/02_2013

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