Kulturwirtschaft Das Handwerk in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Spezialisierte Handwerksbetriebe machen Milliardenumsätze mit kreativen und kulturellen Leistungen. Wie Betriebe an Aufträge kommen und welche Qualifikation sie brauchen.

Fachwerkhäuser, Villen aus der Gründerzeit, Art-Déco-Mobiliar. Es gibt viele Aufgaben, an denen Michael Hündgen professionell Hand anlegt. Der Tischlermeister und Restaurator im Handwerk aus dem niederrheinischen Meerbusch führt die Holzmanufaktur H und ist auf Restaurierungsarbeiten spezialisiert. „Diese kulturelle handwerkliche Tätigkeit ist für mich Passion, denn Arbeit und Hobby fließen zusammen“, schwärmt der Handwerksunternehmer.

Und es ist eine lukrative Arbeit dazu. Wer meint, Handwerker mit dem Schwerpunkt Denkmalschutz würden als Idealisten für Gotteslohn arbeiten, irrt sich. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie mit dem Titel „Das Handwerk in der Kultur- und Kreativwirtschaft“.

Ein zentrales Ergebnis der Studie: Der Bereich bietet für Unternehmen, wie ja auch Michael Hündgen formuliert, durchaus attraktive Umsatzpotenziale. In Zahlen: Die in Deutschland vollständig und teilweise kulturell und kreativ tätigen Handwerksbetriebe (fast 175000) erwirtschaften mit ihren rund 900000 Mitarbeitern jährlich etwa 77 Milliarden Euro.

Die Aufträge werden zu einem großen Teil von privaten Bauherren vergeben, weitere stammen aus der Industrie oder von anderen Handwerksunternehmen, dem Handel, Kunstgalerien, der öffentlichen Hand oder auch den Kirchen.

Wichtig für die Volkswirtschaft

„Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist nicht nur wichtig für die Neu- und Weiterentwicklung bestimmter Güter und Dienstleistungen, sondern auch für die ganze Volkswirtschaft“, erklärt Kilian Bizer, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen, das die Studie veröffentlicht hat. Sie untersucht die quantitative Bedeutung des Handwerks in diesem speziellen Wirtschaftsbereich auf der einen Seite, charakterisiert auf der anderen Seite die kulturell und kreativ tätigen Betriebe und weist nach, dass das Handwerk mitten in der Kultur- und Kreativwirtschaft verankert ist.

Doch was ist das eigentlich genau, Kultur- und Kreativwirtschaft im Handwerk? „Wenn ein Zimmermann das Bühnenbild zusammensetzt, eine Geigenbauerin Musikinstrumente baut, ein Goldschmied ein neues Design entwirft und umsetzt, ein Tischler einen neuen Designerschrank baut, dann ist man mittendrin in der Kultur- und Kreativwirtschaft“, so Wissenschaftler Bizer.

Sie kennzeichne einen Bereich, in dem Akteure schöpferisch tätig sind und damit einen Impuls für Innovationen geben. Titus Kockel, vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (siehe Interview), ist mit den Ergebnissen der Studie zufrieden: „Wir können jetzt mit validen Daten nachweisen, wie viel Potenzial in diesem Wirtschaftsbereich im Handwerk steckt und in welchen Gewerken zu welchem Anteil kulturell und kreativ gearbeitet wird.“

Ausbildung geht zurück

Insgesamt sind die Aussichten in der Kultur- und Kreativwirtschaft für Handwerksbetriebe gut, auch wenn nicht alles Gold ist. So verweist Titus Kockel auch auf Probleme im Handwerk, etwa durch den Rückgang der Ausbildungstätigkeit in vielen kulturellen Handwerksberufen. „Man kann die Potenziale der Kulturgewerke erschließen, aber dafür ist viel Unterstützung seitens der Handwerksorganisation nötig“, weiß der ZDH-Experte. Mit solcher Unterstützung allerdings könnten sich gerade kulturelle Handwerksunternehmen zu wahren Zugpferden entwickeln. Die Studie zeige da gute Beispiele.

Klar sei aber auch, dass ohne Qualifizierung nichts gehe. Wer beispielsweise die Fortbildung zum Restaurator im Handwerk mache und sich kontinuierlich weiterbilde, kann nicht nur qualifiziert arbeiten, sondern auch qualifizierte Angebote gerade bei öffentlichen Ausschreibungen abgeben. Kockel rät interessierten Unternehmern unbedingt, sich mit ihren Handwerkskammern über Bildungsangebote und Möglichkeiten der kultur- und kreativwirtschaftlichen Gewerbeförderung auszutauschen.

Aktiv in Netzwerken

Das bestätigt auch Michael Hündgen. Er besucht regelmäßig Seminare in der Schulungsakademie Raesfeld der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und tauscht sich in Netzwerken mit Kollegen aus. Denn auch ein gutes Netzwerk verhilft zu Aufträgen. Wer bei Architekten, Planern und Denkmalbehörden für hochwertige und zuverlässige Arbeit bekannt ist, wird weiterempfohlen. Zudem rät Hündgen dazu, sich im Internet gut aufzustellen. So werde man bei spezifischen Suchanfragen schnell gefunden.

Er selbst arbeitet in einem Verbund mit anderen Unternehmen zahlreicher Gewerke in seiner Region. Sie bilden „Das Team im Denkmalschutz“ und haben sich bei Denkmalbehörden einen guten Namen gemacht. Unter anderem haben die Experten das Teehäuschen des Herrenhauses „Haus Meer“ in Meerbusch saniert. ◇

reinhold.mulatz@handwerk-magazin.de

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Infos zu Fortbildungsmöglichkeiten wie Restaurator und Gestalter im Handwerk auf: handwerk-magazin.de/01_2013

Marktübersicht: Fortbildung Restaurator

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