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Wirtschaftsprognose Konjunkturdelle: Aber nicht im Handwerk

Droht uns eine Wirtschaftskrise? Alle Konjunkturforscher haben ihre Prognosen nahezu halbiert. Doch das Handwerk läuft unter Volldampf mit einem Umsatzplus von vier Prozent.

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Selten haben alle namhaften Konjunkturforscher ihre Frühjahrsprognosen für die deutsche Wirtschaft so drastisch nach unten geschraubt wie in diesem Jahr. Im Schnitt erwarten Sachverständigenrat, Wirtschaftsforschungsinstitute, aber auch die Bundesregierung nur noch ein Miniwachstum des Bruttoinlandsproduktes von gut einem halben Prozent – und damit nur noch halb so viel wie im Herbst 2018.

Handwerk unter Volldampf

Und das Handwerk? Läuft weiter unter Volldampf, von einer Konjunktureintrübung keine Spur. In einigen Branchen ist die Stimmung sogar noch besser als zum Jahresanfang, meldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nach Auswertung seiner Frühjahrsbefragung unter rund 20.000 Handwerksbetrieben. „Und das wird sich im weiteren Verlauf des Jahres nahezu ungebremst fortsetzen“, erklärte Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH.

In Zahlen bedeutet das:
  • 95 Prozent der Betriebe bezeichnen ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend, das ist Rekord.
  • Bei der Bewertung der Umsätze gab es in einem ersten Quartal noch nie bessere Werte. Für 2019 wird insgesamt ein Umsatzplus von vier Prozent erwartet.
  • Mit 81 Prozent liegt die Auslastung auf Höchststand, im Bau ist sie noch höher.
  • 30.000 neue Mitarbeiter/-innen sollen 2019 eingestellt werden, es könnten mehr sein, wenn es welche gäbe.
Aber warum läuft es in der Gesamtwirtschaft zurzeit schlecht, im Handwerk aber unverändert gut? „Die Nachfrage nach neu gebauten Wohnungen ist ungebrochen, und die energetische Gebäudesanierung bringt weiter Wachstumsimpulse für die Bau- und Ausbaubranche“, erklärt Professor Kilian Bizer, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh).

Gute Binnenkonjunktur

Neben dem Bau- und Ausbauhandwerk, mit 49,8 Prozent die mit Abstand größte Gruppe im Gesamthandwerk, profitieren aber noch weitere Branchen von einer nach wie vor guten Binnenkonjunktur. Gestiegene Löhne und nahezu Vollbeschäftigung sorgen für eine gute Verbraucherstimmu ng und haben die Geschäftslage im Lebensmittelhandwerk auf ein hohes Niveau gesetzt. 90 Prozent der Betriebe melden gute oder zufriedenstellende Geschäfte. Das Gleiche gilt für die Handwerke des persönlichen Dienstleistungsgewerbes. Auch die Gesundheitshandwerke äußern sich zufrieden, was auch daran liegt, dass die Krankenkassen höhere Zuschüsse für Medizinprodukte gewähren.

Die Sorgen der Industrie

Während das Handwerk überwiegend von der Binnenkonjunktur lebt, plagen die deutsche Industrie große Sorgen. Dazu zählt die EU-Kommission in ihrer Prognose für die Wirtschaft in der Eurozone die Gefahr eines chaotischen Brexits, den zunehmenden Protektionismus wichtiger Handelspartner, etwa der Vereinigten Staaten, und nicht zuletzt eine kriselnde Automobilindustrie, die besonders Deutschland trifft. „Das Umfeld wird rauer, die Konkurrenz härter“, äußerte sich Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Kempf mahnt einen wirtschaftspolitischen Neustart an, um das Wohlstandsniveau für die Zukunft zu sichern.

Keine Insel der Seligen

Auch im Handwerk weiß man, dass man sich nicht dauerhaft auf einer Insel der Seligen befinden wird. Das zeigt sich schon jetzt in Branchen wie dem Kraftfahrzeughandwerk, wo der Neuwagenmarkt auch durch die Dieselkrise rückläufig ist, die Hersteller mit neuen Vertriebskonzepten den klassischen Handel aufmischen und die Elektromobilität das Werkstattgeschäft nachhaltig verändern wird.

Exportorientierte Handwerksbetriebe wie Feinwerktechniker und industrienahe Zulieferer spüren bereits die Eintrübung der Konjunktur, da sich die Nachfrage nach handwerklichen Vorleistungsgütern derzeit nur verhalten entwickelt. Alle Handwerksbranchen sind vom Fachkräftemangel bedroht, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz könnte Abhilfe schaffen, aber der ZDH fordert hier mehr politische Flankierung. „Wir brauchen eine Bildungswende und wieder ein vernünftiges Verhältnis zwischen Auszubildenden und Studenten“, fordert ZDH-Generalsekretär Schwannecke.

Doch zu viel Gemäkel soll die Stimmung im Handwerk nicht trüben. Zumindest für 2019 zeigen alle Indikatoren auf ein beständiges Konjunkturhoch, von Wachstumsschwäche wie in der Gesamtwirtschaft gibt es keine Spur.

Die wichtigsten Branchentrends

Bau

Lage: Die milde Witterung im Winter und Frühjahr hat die Geschäftstätigkeit der Bauhauptbetriebe nur wenig beeinträchtigt: 64 Prozent berichten von guten Geschäften (plus drei Prozentpunkte), nur noch vier Prozent von schlechten (minus zwei Prozentpunkte). Kräftig angewachsen sind die Kapazitätsauslastung und Auftragsreichweiten (neues Allzeithoch von 14,5 Wochen). Erstmals steigt zum Jahresbeginn zudem die Beschäftigung.

Prognose: Die Aussichten für die nächsten Monate bleiben glänzend. Angesichts der Auftragslage können die Unternehmen Kostensteigerungen bei Material und Lohn an den Markt weitergeben.

Ausbau

Lage: Nochmals verbessert zeigt sich die Geschäftslage in den Ausbaugewerken. Zwei Drittel der Betriebe melden gute Geschäfte (plus zwei Prozentpunkte), lediglich fünf Prozent schlechte (minus ein Prozentpunkt). Die Betriebsauslastung liegt noch einmal höher als in den Bauhauptgewerken, die Auftragsreichweiten steigen kräftig auf 10,9 Wochen. Weiter angestiegen sind auch die Beschäftigtenzahlen.

Prognose: 96 Prozent der Betriebe erwarten, dass ihre Geschäfte weiterhin rund laufen. Dafür sorgen in erster Linie der Wohnungsbau und Sanierungen mit Schwerpunkt Energiesparen.

 Gewerblicher Bedarf

Lage: Bei weiterhin 92 Prozent der handwerklichen Zulieferer ist die Geschäftslage zumindest zufriedenstellend. Von der gedämpften Industriekonjunktur spüren die Betriebe aktuell noch wenig. Die Auslastung der Produktionskapazitäten bleibt auf dem hohen Vorjahresniveau, zudem erhöht sich die Beschäftigung erneut deutlich.

Prognose: Leicht eingetrübt haben sich die Geschäftserwartungen, in der Summe gehen die Betriebe aber weiterhin von besseren Geschäften aus. Speziell die Feinwerktechnikbranche als klassischer Zulieferer für die Autoindustrie registriert sinkende Auftragszahlen. Hier machen sich auch Handelshemmnisse bemerkbar, die den Export der Betriebe belasten.

Gesundheit

Lage: Deutlich verbessert hat sich die Geschäftslage in den Gesundheitshandwerken, die auch von der Erweiterung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen profitieren. 47 Prozent mehr berichten von guten Geschäften, 11 Prozent von schlechten. Merklich erhöht hat sich der Personalbestand in den Gewerken.

Prognose: 93 Prozent rechnen weiter mit guten oder befriedigenden Geschäftsverläufen.

Persönliches Dienstleistungsgewerbe

Lage: Die gestiegenen Einkommen der Verbraucher führen zu einer besseren Geschäftslage bei den privaten Dienstleistern im Handwerk. Bei 42 Prozent laufen die Geschäfte gut (plus vier Prozent gegenüber Vorjahr), bei nur noch 13 Prozent schlecht (minus drei Prozent gegenüber Vorjahr).

Prognose: 93 Prozent bleiben auch fürs zweite Quartal zuversichtlich.

Konjunkturprognosen für die deutsche Wirtschaft halbiert

Selten wurden Prognosen von führenden Konjunkturexperten so kurzfristig und drastisch gesenkt wie aktuell für die Wirtschaftslage in Deutschland. Die Prozentangaben geben den Wert des deutschen Bruttoinlandsprodukts an, in Klammern stehen die Werte der jeweils letzten Prognose.

Gemeinschaftsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute

0,8 % (April 2019, im Herbst 2018 noch 1,9 %)
»Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende.«
Oliver Holtemüller, stellvertretender Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), bei der Präsentation der Prognose.

Sachverständigenrat der Bundesregierung

0,8 % (März 2019, im Herbst 2018 noch 1,5 %)
»Eine Rezession ist angesichts der robusten Binnenkonjunktur aktuell nicht zu erwarten.«
Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrats.

Konjunkturprognose der Bundesregierung

0,5 % (April 2019, im Herbst 2018 noch 1,8 %)
»Es ist kein Konjunktur programm notwendig, Firmen und Bürger brauchen aber Entlastungen.«
Peter Altmaier, Bundeswirtschaftsminister.

Internationaler Währungsfonds

0,8 % (April 2019, im Sommer 2018 noch 2,1 %)
»Die Weltwirtschaft ist an einem heiklen Punkt angelangt.«
Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Konjunkturprognose der KfW

0,8 % (Februar 2019, 2018 noch 1,6 %)
»Im Jahresverlauf ist jedoch Besserung für die deutsche und europäische Wirtschaft in Sicht.«
Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe.

Konjunkturprognose der EU-Kommission

0,5 % (Mai 2019, 2018 noch 1,1 %)
»Ein Grund sind vor allem Schwächen in der Autobranche.«
Pierre Moscovici, EU-Wirtschaftskommissar.

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