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Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Flexible Arbeitsgestaltung statt strenger Beobachtung

"Der Gesetzgeber spricht Betriebsinhabern und Mitarbeitern schlichtweg die Kompetenz ab, Entscheidungen über ihre Arbeitsgestaltung selbst zu treffen", so formuliert es unsere Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg, in der neueste Folge ihrer Kolumne "Neues von der Werkbank".

Themenseite: Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann

Lassen Sie mich gleich zu Beginn meiner Ausführungen eine grundlegende Feststellung treffen: gerade klein- und mittelständische Betriebe leben davon, dass zwischen Firmeninhabern und ihren Mitarbeitern ein enger Kontakt besteht. Auf dubiose und inflationäre Zertifikate über Familienfreundlichkeit und Zusammenhalt, die dann später im wirtschaftlichen Alltag oft zur Makulatur verkümmern, legen wohl die allerwenigsten Wert. Noch dazu sehen sie es nicht ein, für eine „Heiligenbescheinigung“ Geld auszugeben. Es ist der direkte Austausch, das Miteinander, welches den Arbeitsalltag wirklich widerspiegelt. Wo andere das Szenario des Klassenkampfes heraufbeschwören, leben viele gemeinsam den Betrieb als Familie. Nach außen Kontinuität und Beständigkeit, nach innen familiäre Verlässlichkeit. Wenn Arbeit da ist, packen alle mit an!

Zusammenhalt und Verlässlichkeit

Muss es geregelt werden, ob der Senior, wenn der Betrieb bereits übergeben wurde, noch ein Bier für den Stammtisch zapfen darf? Soll die Seniorin lieber Kreuzworträtsel lösen, weil sie zu alt für ein Beschäftigungsverhältnis, aber in ihren Augen dennoch zu jung ist, um nichts zu tun? Wer den Zusammenhalt der Familienbetriebe lobt, sollte auch den Raum dafür lassen. Es ist keine Kinderarbeit, wenn der Nachwuchs im Geschäft auch „schaffen“ will und es ist der Respekt vor der Lebenserfahrung, wenn Oma im Laden mit „anpacken“ und helfen kann. Sie wird nicht nur noch gebraucht, sondern spiegelt auch eine Verlässlichkeit wider, die keine noch so teure Werbung vermitteln kann. Warum diese Beschreibung? Weil das die gelebte Realität ist, wir aber jetzt zur konstruierten und regulierten Version von ihr kommen.

Gelebte vs. regulierte Realität

Ausgehend von der Annahme, dass weder Arbeitgeber ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, noch dass Arbeitnehmer selbst wissen, wie sie ihre Arbeitszeit gestalten möchten, wurde ein kompliziertes Konstrukt auf den Weg gebracht. Das war vielleicht gut gemeint, aber ist nicht gut gemacht. Hochzeitsfeierlichkeiten, Beerdigungen, gutes Biergartenwetter, sind allesamt trotz künstlicher Intelligenz nur begrenzt planbar. Indem man aber die Anforderungen an die Personalplanung über das menschliche Miteinander und die Witterung setzt, opfert man Arbeitsplätze und Flexibilität. Freud‘ und Leid sollen in zementierten Zeitfenstern „abgearbeitet“ werden und das Sterben der Gasthäuser wird anschließend durch Quartiersarbeit aufgefangen. Den gesunden Menschenverstand außer Acht lassend, wird es dann auch sicherlich möglich sein, Saisonarbeit auf das gesamte Jahr auszudehnen, um den Vorgaben zu entsprechen. Im November werden Erdbeeren geerntet und der frisch gestochene regionale Spargel ergänzt das Weihnachtsmenü. Ärzte, Rettungsdienste und Feuerwehr annoncieren künftig ihre Sprechzeiten und Beerdigungen sind vier Wochen im Voraus anzuzeigen. Rundumversorgung oder unterschiedliche Schichten entfallen aufgrund des Facharbeitermangels. Das vielfältige Ehrenamt (in Reden stets gelobt) stößt dann auch an seine Grenzen, da einem Arbeitstag Rechnung getragen werden muss. Die Zeitung hat die Aktualität von vorgestern, da der Besuch einer Veranstaltung erst nach Einhaltung der Ruhephasen zu Papier gebracht werden darf….

Spielregeln einhalten

Spielregeln sollten nicht nur verabschiedet, sondern auch eingehalten werden. Wenn am Rednerpult im Parlament Mandatsträger in den frühen Morgenstunden kollabieren, kann man da so seine Zweifel haben. Wird in dieser Zeit die Fahrbereitschaft „offline“ gestellt? Briefe und Pakete als „Beiladungen“ rollender Betten und mobiler Vesperbuden mit Sanitäreinrichtung auf Autobahnen und Parkplätzen (wenn man Berichten in der Presse glauben darf), dürften auch nicht den verschiedenen Vorschriften und Vorgaben entsprechen.

Eine Freiheit, die nicht sein soll

Unsere Kollegen können mit den Füßen abstimmen, denn Facharbeiter sind rar und Familienmitglieder. Jeder bringt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten ein und was darüber hinausgeht, entscheidet beziehungsweise trägt er mit. Sie sollten somit auch die Freiheit haben, ihre Arbeitszeit und den Arbeitsumfang selbst mitzugestalten. Diese Freiheit und Kompetenz spricht man ihnen aber ab.

Eigene Betroffenheit als Motor?

Bevor jetzt der Vorwurf des Mittelstandspopulismus erhoben wird, noch eine letzte Anmerkung: es ist ein Hilferuf aus der realen Welt, der nicht zerredet oder evaluiert werden soll, sondern einfach schnell beantwortet. Dass dies möglich ist, beweist die zügige Umsetzung der zeitlichen Begrenzung von Plenarsitzungen. Was bei der Bürokratie an Änderungen jahrzehntelang nur versprochen und nie eingelöst wurde, gelang jetzt ganz schnell. Ein Schelm, der hinter dieser Dynamik die eigene Betroffenheit vermutet. Sonst wäre es nämlich offenkundig, dass unsere Einschätzungen und Klagen niemanden wirklich interessieren….

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