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Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Unternehmer und Verbraucher sollten Diesel-Schaden nicht selbst tragen

Der Abgasskandal ist für Verkehrsteilnehmer und vor allem auch Handwerker immer noch ein präsentes Thema. Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) Baden-Württemberg, hat sich mit den Auswirkungen der Dieselaffäre beschäftigt und erklärt ihre persönliche Sichtweise dazu.

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Erneut eine Abhandlung über das Thema „Diesel“? Eher ein Versuch, Dinge fernab einer ideologischen Brille, sondern aus der Praxis zu betrachten. Zu Beginn eine grundsätzliche Feststellung: Umweltschutz ist viel zu wichtig, um populistisch und einseitig für die eigene Überzeugung missbraucht zu werden. Ich bin auch der Überzeugung, dass jeder bei sich selbst anfangen sollte. Vom regionalen Einkaufen ohne Plastiktüte, der eigenen Mobilität und auch bei Antriebsformen.

Dieselfahrzeuge und -maschinen sind teure Investitionen

Die aktuell so verhassten Dieselfahrzeuge und Maschinen haben bei ihrer Herstellung die unterschiedlichsten Ressourcen verbraucht: Metall, Kunststoff, Energie usw. Umweltbewusstes Verhalten spiegelt sich auch in der Nutzungsdauer. Zudem ist es kein Geheimnis, dass der Preis bei derartigen Gütern hoch ist. Es handelt sich schließlich nicht um Wegwerfartikel, sondern um Investitionen. Getreu dem Motto: Bis dass der TÜV uns scheidet.

So war es bisher die Regel. Plötzlich erfährt aber der Umweltschutz eine Wandlung zum In-Thema. Man überbietet sich gegenseitig in dem Bestreben, allein die Welt retten zu wollen. Es wird über Werte und Messstandorte diskutiert und analysiert, wobei auf jede Einschätzung und Gutachten jeweils eines der anderen „Gesinnung“ folgt. Auch die Wissenschaft scheint hier überfordert und interpretierbar.

Man hat nicht mal Zeit, die bereits ergriffenen Maßnahmen Wirkung entfalten zu lassen. Für die geforderten Werte ist nicht einmal die entsprechende Plakette (blau) verfügbar. Als kleines Trostpflaster, um die Verkehrsteilnehmer und Unternehmer etwas zu beruhigen, dienen dann Ausnahmebewilligungen und Fördermittel, die plötzlich auf dem Markt sind.

Unternehmer und Verbraucher tragen den Diesel-Schaden

Fakt ist: Es wurden Werte vernichtet. Wer bekommt heute noch etwas für seinen Diesel, sofern er überhaupt schon bezahlt ist? Wen kümmert es, dass die KFZ-Steuer für das ganze Jahr zu bezahlen ist, aber das Fahrzeug im Einsatzort gegebenenfalls eingeschränkt ist? Wen schert es, wie ländliche Betriebe in Städte wie Stuttgart kommen? Die steuerlichen Auswirkungen einer sofortigen Abschreibung von Fahrzeugen bzw. Maschinen versucht man unter den Tisch zu kehren. Bilanzielle Grundsätze werden ignoriert. Die Auswirkungen auf das Erbschaftssteueraufkommen bei Betriebsübergaben scheint man bewusst aussitzen zu wollen. Den Schaden lastet man dem Verbraucher auf, die Verursacher der arglistigen Täuschung bleiben anscheinend unbehelligt.

Stattdessen wird über Nacht der bis dato schleppend verlaufende Verkauf von E-Mobilität zum Baldrian des umweltbewussten Verkehrsteilnehmers. Der Strom aus der Steckdose kommt sowieso, das zum Teil marode Leitungsnetz wird aus der Betrachtung gestrichen, Kinderarbeit und Ökobilanz bei der Batterieherstellung werden plötzlich lässlich. Warum kann man nicht ehrlicher an die Problemlösung gehen? E-Mobilität könnte im Mix mit anderen Antriebsformen (Wasserstofftechnologie, Brennstoffzelle) ein erster Schritt sein, aber nur, wenn man ergebnisoffen forscht. Bis dato ist man den Beweis schuldig, wie schwere Lasten und große Maschinen den Diesel ersetzen können. Hier helfen Absichtserklärungen uns nicht wirklich weiter.

Mobilität sollte kein Luxusgut sein

Dem chaotischen Durcheinander von Messwerten, Standorten, neuen Materialien etc. wohnt aber auch ein kleiner Anfang inne: Plötzlich verschmelzen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen und vereinen in der Betroffenheit der unterschiedlichen Spielregeln und der Wertevernichtung. Der Schluss erfolgt nicht nur in der gemeinsamen Angst um die Mobilität und den Wirtschaftsstandort, sondern auch als Ausdruck des betrogenen Verbrauchers.

Wer Mobilität zum Luxusgut weniger erklärt, sollte den sozialen Frieden nicht aus den Augen verlieren. Die Angst um die Umwelt darf sich nicht nur im Individualverkehr zeigen, Verkehrsteilnehmer nicht in gut und schlecht eingeteilt werden. Intelligente Verkehrsführung, „Grüne Welle“, könnte auch zum Umweltschutz genutzt werden. Die Schifffahrt, gewerblich oder touristisch, ist auch ein Faktor, der in der Umweltbilanz nicht unerheblich ist. Globaler Müllexport aus einem Land mit hohem Know-how in Recycling und Entsorgung ist ein Armutszeugnis. Wer Akten monatlich zwischen Straßburg und Brüssel hin- und herfliegt (Anm.d.Red.: In Straßburg tagt das EU-Parlament, in Brüssel treten die parlamentarischen Ausschüsse zusammen), sollte sich an die selbst aufgestellten Spielregeln erinnern. Wer heute den Dieselmotor stigmatisiert, ist morgen durch die CO2-Diskussion schnell beim Benziner.

Umweltschutz dank Energiemix

Daher mein dringender Appell: Umweltschutz kann mit Diesel, Benziner, E-Mobilität, Brennstoffzelle oder Wasserstofftank oder im Mix gelingen. Man muss aber so ehrlich sein, die gesamte Problematik nicht nur zu erfassen, sondern auch nach praktischen Lösungen zu suchen. Selbst auf die Gefahr hin, sich dem "Mainstream" nicht anzuschließen. Dies erfordert nicht nur gesunden Menschenverstand, sondern auch ein dickes Fell.


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