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Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Sündenbock Corona – eine Pandemie wird zur Ausrede für alles

Noch immer hat uns die Pandemie fest im Griff und bestimmt unseren Alltag. Es ist aber nicht so, dass Corona die Ursache allen Übels ist, sondern an verschiedenen Stellen auch aufzeigt, wo ohnehin Handlungsbedarf besteht. Unsere Kolumnistin Ruth Baumann, Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg, gibt Erklärungen und Einblicke in die Thematik in einer neuen Folge von „Neues von der Werkbank“.

Topic channels: TS Kolumne Ruth Baumann und TS Coronavirus

Spätestens seit Anfang März wird unser Alltag durch die ausgebrochene Pandemie bestimmt. Wir alle mussten lernen, mit dem Auftauchen und den Folgen von Corona umzugehen. Plötzlich wurden die Absichtserklärungen und Bestrebungen, die Digitalisierung vorantreiben zu wollen, mit der bitteren Realität konfrontiert. Fehlende Glasfaseranbindungen, schleppende Übertragungsraten und mangelnde technische Ausstattung sind nicht nur im Bildungswesen zum Problem geworden. Im betrieblichen Alltag stieß man vielerorts an Grenzen. Ämter und öffentliche Einrichtungen, die noch kurz zuvor, stolz ihre eng bemessenen, offenen Büros mit „Kommunikationssitzgruppen“ präsentiert hatten, konnten nur noch halbtags im Wechsel arbeiten.

Da aber in Handwerk und Mittelstand in der Regel „Normalbetrieb“ herrschte, zeigten sich Reibungsverluste. Plötzlich merkte man, dass Datenschutz, der ein hohes und unverrückbares Gut darstellt, effektives Arbeiten behindert bis gar verhindert. Was nützt es dem Unternehmer, wenn er eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Krankenkasse benötigt, aber auf die Datenbank vom Homeoffice aus nicht zugegriffen werden kann? Telefonate mit der Bank drehen sich um konkrete Anliegen und erschöpfen sich nicht in oberflächlichem „Geplänkel“, aber ohne den Zugriff auf die nötigen Unterlagen war man dieser Gefahr nun ausgesetzt. Der Abschied vom Bargeld war schon lange geplant. Jetzt diente die Pandemie als Vorwand, diesen Prozess zu beschleunigen. Und der Facharbeitermangel sowie die fehlende Attraktivität verschiedener Berufe war ebenfalls hinreichend bekannt. Nun konnte man aber durch das Ausbreiten der Pandemie über die Zustände in Großschlachtereien seinem Entsetzen Ausdruck verleihen. Geiz war doch bisher "geil" und der Schreibtisch besser als die Schlachtbank. Wenn unsere Betriebe aber die Mitarbeiterzahl oder die An- und Abfahrt zum Einsatzort den herrschenden Umständen anpassten, war das Verständnis für diese Vorgehensweise mitunter, sagen wir, übersichtlich.

Das Homeoffice als allumfassende Lösung?

Plötzlich zeigten sich in oder durch Corona Fehler der Vergangenheit oder waren gar in der Gegenwart daran schuld. Die Pandemie diente als Ausrede, wenn so manches Schreiben nach drei Monaten immer noch unerledigt war. Auskünfte nicht mehr erteilt werden, da dies, Corona bedingt, nicht mehr möglich sei. Erst jetzt scheint man aufgrund der Infektionszahlen zu Erkenntnissen über Arbeitsbedingungen gekommen zu sein. Das ist in meinen Augen scheinheilig. Dennoch hatte man aber zeitgleich einen Lösungsansatz für all‘ diese Herausforderungen gefunden: das Homeoffice.

Datenschutz und Technik haben ihre Grenzen

Vorab eine Feststellung: Homeoffice kann ein Ansatz sein, aber nicht die generelle Lösung. Die Ausgliederung einer großen Stadtverwaltung ins Homeoffice hatte, neben den bereits skizzierten datenschutzrechtlichen Vorgaben, auch noch mit Problemen der Technik zu kämpfen. Die neue (ein Jahr alte) Telefonanlage brach zusammen und somit war schlussendlich keiner mehr erreichbar. Schuld ist daran aber nicht Corona, sondern eine unzureichende Planung.

Auch jetzt gilt: Unterlagen und Fristen sind unabdingbar

Für manche Arbeiten und Gewerke ist eine Homeoffice-T ätigkeit auch schlicht einfach unmöglich. Die Wurst kann nicht bei der Verkäuferin zu Hause gekauft, das Auto nicht im Wohnzimmer repariert und die Haare nicht bei der Friseurin im Badezimmer geschnitten werden. Die Diskussion um einen Rechtsanspruch zeigt daher in meinen Augen nur eines: wie wenig die Akteure Dinge zu Ende denken oder in der Realität zu Hause sind. Da die uns seit Jahrzehnten versprochene Ent-Bürokratisierung immer noch in den Kinderschuhen steckt beziehungsweise gar nicht erst spürbar ist, ist es ohne Zertifikate und Programmschlüssel nicht möglich, die Umsatzsteuer zu melden, Lohnabrechnungen zu erstellen oder die statistische Auskunftspflicht zu erfüllen. Bei allem Wohlwollen braucht es nämlich noch immer zahlreiche Unterlagen, die vor Ort präsent sein müssen. Von Betriebsinhabern wird, trotz der Pandemie erwartet, dass sie dennoch diese und weitere Aufgaben frist- und formgerecht erfüllen. Ich wage zu bezweifeln, wenn - Corona bedingt - beispielsweise eine Steuermeldung verspätet erfolgt, dies keine Säumniszuschläge nach sich zieht. Eine lebensbedrohliche Krebserkrankung entbindet, so die Erfahrung einer Handwerkskollegin, auch nicht von der Pflicht statistischer Erhebungen.

Corona ist nicht an allem schuld

Die Folgen der Pandemie dürfen nicht als Ausrede dafür herangezogen werden, wenn bestimmte Vorgänge verschlafen oder falsch eingeschätzt wurden. Von unseren Unternehmen und Betriebsinhabern wird Kontinuität und Termintreue bei den zu erledigten Arbeiten vorausgesetzt und eingefordert. Corona ist nicht an allem schuld und sorgt nicht nur in der Verwaltung für Herausforderungen. Auch in unseren Firmen herrscht „Pandemiebetrieb“ und wir würden uns über Verständnis freuen. Denn bei uns helfen keine Schuldzuweisungen, wir müssen liefern.

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