Kein Geld für die Enkel

Altersarmut – Experten schlagen Alarm: Bis zu drei Millionen Selbständige haben keine Absicherung fürs Alter. Dabei lässt sich schon mit geringen Beträgen eine attraktive Zusatzrente aufbauen.

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Kein Geld für die Enkel

Sandra Raber ist eine Ausnahme: Das Thema Altersvorsorge bereitet ihr keine schlaflosen Nächte: „Ich fühle mich gut abgesichert“, sagt die Unternehmerin. Die 44-jährige Architektin leitet seit sechs Jahren gemeinsam mit ihrem Vater den Dachdeckerbetrieb Raber Dach in Quierschied-Göttelborn im Saarland.

Die Geschäftsführerin hat früh angefangen, sich eine Basis für den späteren Ruhestand aufzubauen. Nach drei Jahren als angestellte Diplom-Ingenieurin trat sie als Mitglied der Architektenkammer des Saarlands bei und zahlt seitdem statt in die gesetzliche Rente in das berufsständische Versorgungswerk. „Das ist meine Basisrente“, sagt Raber. Ein Vorteil: Die Berufsunfähigkeitsversicherung bis 65 Jahre ist hier integriert. Mit 30 Jahren hat die Unternehmerin außerdem begonnen, zehn Prozent ihres Netto-Gehalts zu sparen. Das Geld fließt in zwei Aktienfonds. Als sie vor sechs Jahren in den elterlichen Betrieb einstieg, schloss sie zusätzlich noch eine betriebliche Altersvorsorge, eine Kapitallebensversicherung als Direktversicherung, ab.

Bewährtes Schichtenmodell

So vorbildlich wie Raber geht nicht jeder Unternehmer bei seiner Altersvorsorge vor. Bis zu drei Millionen Selbständige sind extrem unterversorgt, so eine Studie der Bundesregierung. Unternehmer sollten mit Beginn ihrer Selbständigkeit vorsorgen, wenn auch nur mit kleinen Beträgen. Bewährt hat sich ein Schichtenmodell bestehend aus Basisrente, kapitalgedeckter Zusatzvorsorge und privater Vorsorge (siehe Checkliste Seite 62).

Der Fahrplan für die eigene Altersvorsorge richtet sich nach der persönlichen Lebenssituation wie Alter, Familie und Einnahmen. Ein junger Existenzgründer, der noch Kredite abzahlt, kann weniger zurücklegen als ein gestandener Unternehmer mit festem Einkommen.

Wichtig ist, dass Selbständige das Thema nicht verdrängen oder auf die lange Bank schieben. „Vorsorge ist im Handwerk immer noch ein Tabu-Thema. Man spricht nicht darüber. Erst wenn finanzielle Probleme durch Krankheit oder Umsatzrückgänge auftreten, kommen die Defizite ans Licht“, beobachtet Astrid Vogel, Landesvorsitzende Frau und Handwerk im Saarland, immer wieder.

Ein zusätzliches Problem ist, dass die Einkommen von Selbständigen sinken und damit die eigene Absicherung in den Hintergrund tritt. Alarmierend sind die Zahlen des Sozialbeirats der Bundesregierung: Die Fachleute schätzten, dass 2009 bis zu drei Millionen Selbständige „ohne obligatorische Alterssicherung“ waren, heißt es in ihrem Gutachten. Das Fazit des Sozialbeirats: Selbständige stellen eine akute Risikogruppe für Altersarmut dar. Denn die Gruppe der Selbständigen mit geringem Einkommen nimmt zu: So stieg der Anteil mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1100 Euro zwischen 1995 und 2005 von 24 auf 32 Prozent.

Um hier gegenzusteuern, raten Experten zu einem frühen Start. „Je früher man anfängt, desto besser. Auch kleinere Beträge summieren sich und helfen die Versorgungslücke im Alter zu verringern“, rät Mark Ortmann, Geschäftsführer vom Institut für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA). Ein Beispiel: Legt ein 20-jähriger Sparer monatlich 25 Euro an, beträgt sein Polster mit 65 Jahren knapp 24800 Euro. Bei einem 35-Jährigen kommen gerade mal 13349 Euro zusammen (siehe Tabelle Seite 62).

Was gehört aber zu einer richtigen Vorsorge-Planung? „Ein Unternehmer muss zuerst die eigene Arbeitskraft und das eigene Einkommen absichern“, rät Finanzberaterin Constanze Hintze, Geschäftsführerin von Svea Kuschel + Kolleginnen. Ihre erste Empfehlung: der Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung. „Und zwar so früh wie möglich. Dann ist man noch jung und gesund – und die Police bezahlbar“, so Hintze.

Erst an zweiter Stelle steht dann das Sparen fürs Alter. Vor der Produktauswahl kommt der Kassensturz: Wie viel Geld hat man nach heutigem Stand zur Verfügung? Erster Anhaltspunkt sind die jährlichen Infos der gesetzlichen Rentenkasse und hochgerechnete Auszahlungen von privaten Lebens- und Rentenversicherungen. „Unternehmer sollten auf jeden Fall die Inflationsrate berücksichtigen. Momentan würde ich mit einer Inflation von zwei Prozent im Jahr rechnen“, empfiehlt ITA-Chef Mark Ortmann. Beispiel: 1000 Euro Rente von heute sind bei zwei Prozent Kaufkraftverlust in 20 Jahren nur noch 673 Euro wert. Das heißt, auch bei Finanzprodukten mit vier Prozent Rendite bleibt Sparern dann unter dem Strich nur noch ein Plus von zwei Prozent. Liegt das Geld auf dem Sparbuch, bei zwei Prozent Zinsen, ist der Ertrag gleich null.

Förderung berücksichtigen

Erst jetzt steht die Wahl der einzelnen Produkte an. Bei Selbständigen spielt dabei nicht unbedingt die Höhe der Rendite die größte Rolle, sondern auch Aspekte wie steuerliche Förderung, Insolvenzschutz und Flexibilität. Denn auch in schlechten Zeiten sollten Selbständige die Beiträge weiter zahlen und ihre private Zusatzvorsorge nicht kündigen müssen oder in guten Zeiten Zuzahlen und so ihr Finanzpolster vergrößern. Diese Flexibilität nutzt auch Unternehmerin Raber: „Ich zahle monatlich feste Beträge in zwei Aktienfonds. Allerdings kann ich meine Fondssparpläne jederzeit mit Einmalzahlungen aufstocken, wenn ich Geld übrig habe.“

Orientieren können sich Unternehmer auch an steuerlichen Aspekten. Der Gesetzgeber fördert zum Beispiel Rürup-Versicherungen als Basis-Rente für Selbständige (siehe Musterrechnung Seite 60). Die Basisrente ist außerdem Insolvenz- und Hartz-IV-geschüzt. Im Ernstfall dürfen Gläubiger auf die Rürup-Ersparnisse nicht zugreifen.

Sandra Raber ist mit ihrer Vorsorge zufrieden. Ein Baustein fehlt ihr aber noch: „Eine selbstgenutzte Immobilie. Aber das möchte ich gerne in den nächsten Jahren umsetzen“, sagt die Unternehmerin. Ihr Ziel: Im Alter mietfrei wohnen.

cornelia.hefer@handwerk-magazin.de