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Finanzierung Kapitalbeschaffung: Mit Genussscheinen finanzieren

Kreativ in der Krise – Unternehmer können sich über Genussscheine Kapital verschaffen und auch gleich für Kundenbindung sorgen. Wichtige Fragen sind: Wer kommt als Geldgeber infrage? Wie funktionieren Genussscheine? Und welche welche Vor- und Nachteile hat diese Art der Unternehmensfinanzierung? Die Antworten stehen hier.

Topic channels: TS Banken, TS Crowdfunding, TS Eigenkapital, TS Kapitalmarkt, TS Liquiditätsmanagement und TS Mezzanine
Nicolay Ofner, Mitgründer der Finanzierungsplattform Fincompare

Handwerksunternehmer benötigen Eigenkapital, um an attraktive Kreditkonditionen zu kommen. Wer nicht über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, kann seine Kapitalausstattung mithilfe von Genussscheinen verbessern. „Sie sind eine Mischform aus Aktien (Eigenkapital) und Anleihen (Fremdkapital), ihre Ausgestaltung ist hingegen kaum reguliert und sehr individuell – das können Unternehmer für sich nutzen“, sagt Ofner, Head of Placement und Mitgründer der Finanzierungsplattform Fincompare. Der Betrieb erhält vom Anleger Eigenkapital und sichert im Gegenzug dem Genussrechtsinhaber beispielsweise eine Beteiligung am Gewinn des Unternehmens oder einen fest vereinbarten Zinssatz sowie die Rückzahlung des eingesetzten Kapitals am Ende der Laufzeit zu.

Die Ausgestaltung von Genussscheinen

Die Laufzeit eines Genussscheins kann zeitlich befristet sein, muss es aber nicht. „Die Ausschüttung kann entweder fix festgelegt werden, zum Beispiel mit einem festen Zinssatz. Oder es wird eine erfolgsabhängige Gewinnbeteiligung durch einen variablen Zinssatz festgelegt. Komponenten wie Mindestverzinsungen finden ebenfalls Anwendung”, erzählt Ofner. Rück- und Zinszahlung können auch an das Erreichen definierter Unternehmenskennziffern gekoppelt werden. Ebenso ist es möglich, Zinszahlungen so festzulegen, dass sie nur geleistet werden, wenn das Unternehmen im betreffenden Geschäftsjahr einen Gewinn erzielt.

„Genussscheine finden zum Beispiel Verwendung bei größeren Wachstumsinvestitionen oder um neue Projekte zu finanzieren, die das Wachstum vorantreiben. Findet die Genussschein-Ausgabe im direkten Umfeld, zum Beispiel im Bereich Lieferanten und Partner des Unternehmens statt, kann es dieses Umfeld zusätzlich enger an die Unternehmung binden”, sagt Nicolay Ofner.

Die Vorteile von Genussscheinen im Überblick

  • Der Unternehmer erhält Kapital, ohne dass er Mitspracherechte abgeben muss.
  • Genussscheinkapital ist Eigenkapital – je nach Ausgestaltung des Papiers zu 100 Prozent oder in Teilen. Das erhöht die Kreditwürdigkeit des Betriebes. Es gehört zu den hybriden Finanzierungsformen und ist somit eine mezzanine Finanzierungsform.
  • Abhängig von der Gestaltung können Genussrechte als Beteiligungskapital steuerrechtlich als Fremdkapital mit den dazugehörigen Vorteilen gewertet werden.  So sind Ausschüttungsgelder, wie beispielsweise Zinszahlungen, als Betriebsausgaben absetzbar und mindern den steuerpflichtigen Gewinn.

Wer sollte Genussscheine zur Finanzierung nutzen?

Genussscheine helfen gleich doppelt bei der Finanzierung von Investitionen. Einerseits, indem der Unternehmer Kapital erhält. Und andererseits, indem die erhöhte Eigenkapitalbasis die Kreditaufnahme bei den Banken erleichtert. Die bessere Ausstattung mit Eigenkapital sorgt gleichzeitig für verbesserte Konditionen bei Krediten.

Welche Vorhaben können mit Genussscheinen finanziert werden – und welche nicht?

  1. Investitionen eignen sich zur Finanzierung mit Genussscheinen. Denn die Investition führt zu erhöhtem Umsatz, der die Zins- und Rückzahlung finanzieren soll.
  2. In wirtschaftlich guten Phasen für schlechte Phasen vorzusorgen macht Sinn – Kapitalreserven können mithilfe von Genussscheinen aufgebaut werden. Im privaten Bereich gilt das immer. Wer mit institutioneller Hilfe einen Genussschein emitiert, muss mit höheren Kosten rechnen: „Genussscheine sind in der Regel teurer als Fremdkapital, zudem gibt es für den Aufbau von Kapitalreserven besser geeignete Instrumente“, findet Ofner.

Nicht geeignet sind Genussscheine für die Schuldentilgung oder bei Liquiditätsengpässen.

Wie haftet das Genusskapital im Betrieb?

Der Kapitalgeber ist im Ernstfall mit seinem eingebrachten Kapital in der Haftung. In der Praxis heißt das: „Bei eintretender Insolvenz werden immer erst alle ausstehenden Forderungen der Fremdkapitalgeber bedient und erst anschließend erhalten die Genussrechts-Kapitalgeber ihr eingesetztes Kapital erstattet, sofern noch Vermögensmasse vorhanden ist”, so Ofner.

Somit haften Gläubiger von Genussscheinen nur im Innenverhältnis gegenüber dem Unternehmen im Rahmen ihrer Einlagepflicht. Eine persönliche Mithaftung sowie eine direkte Außenhaftung gegenüber anderen Gläubigern des Unternehmens sind davon ausgeschlossen.

Was kostet die Ausgabe von Genussscheinen - an Zeit und Geld? 

Bei Beträgen von über 100.000 Euro (gesamtes Genusskapital) muss der Unternehmer einen Beteiligungsprospekt erstellen und gesetzliche Auflagen erfüllen. Das ist teuer und kostet viel Zeit. Wer kleinere Summen benötigt, hat deutlich weniger Auflagen zu erfüllen.

Wer kauft Genussscheine?

Meist sind es die Familie, Freunde, Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden, die dem Handwerksunternehmer Geld zur Verfügung stellen wollen. „Meist werden Neuanschaffungen, wie zum Beispiel Maschinen oder Büroausstattung aber über Bankdarlehen, Leasing oder Mietkaufverträgen finanziert. Bereits getätigte Investitionen ins Anlagevermögen können auch nachträglich noch über eine Bank oder über Sale & Lease back finanziert werden“, sagt Ofner.

Alternativen zum Genussschein

Es gibt viele weitere Wege, um an Kapital zu kommen. Crowdinvesting ist einer von ihnen: „Mit Crowdinvesting können Sie auch in Form von Genussscheinen Kapital von fremden Investoren einsammeln. Diese Crowdfunding-Plattformen ermöglichen eine professionelle Abwicklung der Genussschein-Ausgabe und bieten Ihnen die Gelegenheit, eine große Anzahl potenzieller Investoren anzusprechen. Dabei kann es sein, dass Sie nicht nur einen Kapitalgeber finden, sondern auch einen überzeugten Neukunden oder Lieferanten für Ihr Unternehmen gewinnen“, sagt Ofner.

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