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Kampfkunst: Malermeister mit sechstem Sinn

Sven Gutknecht ist selbständiger Lackierermeister in Wilkau-Haßlau bei Zwickau. Seine zweite Leidenschaft gilt aber seinem Hobby Ninjutsu. In Deutschland gehört er zu den höchstgraduierten Schülern.

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Behände Sprünge, Tritte, die einen Gegner ausschalten, durch die Luft wirbelnde Angreifer: Viele, die in den 80er Jahren groß geworden sind, kennen solche Szenen aus dem Fernsehen, als die grünen Comic-Helden namens „Ninja Turtles“ kämpfend durch den Bildschirm hüpften. Auch Sven Gutknecht aus Wilkau-Haßlau bei Zwickau reizten als Zehnjährigen die Kampftechniken und die schnellen Bewegungen der Fernsehfiguren. Doch heute weiß der selbständige Maler- und Lackierermeister, dass es bei Ninjutsu um viel mehr geht als nur Kämpfen. Es geht um „die Kunst des Erduldens“, so die Bedeutung des Begriffs.

Vor 25 Jahren hat Gutknecht mit dem Training begonnen – lange bevor er sich für seinen Beruf als Malermeister entschied. „Das Faszinierende ist die Vielfältigkeit“, erklärt er seine Begeisterung für die Kampfkunst mit Tritten, Würfen und verschiedenen Waffen. Bis heute lebt die Leidenschaft und treibt ihn immer weiter an. So zählt der 35-Jährige in Deutschland zu den höchstgraduierten Ninjutsu-Sportlern überhaupt: Von 15 möglichen sogenannten Dan-Graden hat er bereits den 14. erworben. Immer wieder fliegt er nach Japan, um dort in der Schule des aktuellen Großmeisters Masaaki Hatsumi zu lernen. Zusätzlich leitet Gutknecht den Bujinkan Dojo Zwickau – eine Schule für Ninjutsu. Und das alles neben der Arbeit in seinem eigenen Betrieb.

„Es geht um die Reinigung von Körper und Geist“, erläutert der Shihan, was etwa „Seniorlehrer“ bedeutet, sein Hobby. Für ihn dreht sich das Training vor allem um die geistige Entwicklung. Denn Ninjutsu lehrt Tugenden wie Geduld, Ausdauer sowie Selbstdisziplin und schärft den sechsten Sinn. „Jeder Mensch besitzt Intuition, aber bei den meisten ist sie verkümmert“, betont Gutknecht. Beim Ninjutsu-Training werde sowohl durch Technik als auch mithilfe der Traditionenlehre diese Wahrnehmung geschärft.

„Es ist nicht wirklich erklärbar“, sagt er. „Aber es funktioniert.“ Das zeigt beispielsweise seine Prüfung für den fünften Dan-Grad, den Gutknecht 2003 in Japan erwarb. Dafür habe er mit geschlossenen Augen und mit dem Rücken zu seinem Großmeister gekniet – und rein dem sechsten Sinn folgend einen überraschenden Schwertangriff ausweichen müssen. „Es hat geklappt“, erinnert sich Gutknecht lachend.

Drei Mal die Woche trainiert der Malermeister; ein bis zwei Mal im Jahr fliegt er für etwa 14 Tage nach Japan, um sich dort ganz intensiv mit der Kampfkunst auseinanderzusetzen. „Die Graduierung ist mir eigentlich ganz egal“, sagt Gutknecht. „Ich mache es für mich; um mich stetig weiterzuentwickeln.“ Keine Frage: Der Mann ist ehrgeizig und packt die Dinge an – das zeigt er auch in seinem Beruf. 2002, gerade einmal drei Jahre nach seiner abgeschlossenen Lehre, beschloss der Handwerker, einen eigenen Betrieb zu gründen. Eine Sondergenehmigung machte es auch ohne den Meistertitel möglich, denn mit dieser Ausbildung begann er zur gleichen Zeit. Was als Einmannbetrieb startete, hat sich heute zu einem gut laufenden Unternehmen mit sieben Mitarbeitern entwickelt. Bis März sei er bereits ausgebucht, sagt Gutknecht. Die Zeit für das Training und die Reisen nach Japan nehme er sich aber trotzdem immer – sein engagiertes Team helfe ihm dabei. „Solange es Spaß macht, funktioniert auch alles, egal ob im Hobby oder im Beruf.“ So einfach lautet seine Erklärung, wie er Unternehmen und Freizeit im Alltag in Einklang bringt.

Und in gewisser Weise unterstützt die Kampfkunst ihn im Betrieb, auch wenn er Arbeit und Hobby streng trennt. Probleme oder Schwierigkeiten, die er tagsüber erlebt, schließe er am Abend im Dojo, der Übungshalle für japanische Kampfkünste, aus. Nur so könne er sich komplett auf das Training konzentrieren und einen freien Kopf bekommen. Den nimmt er dafür am nächsten Tag mit in die Arbeit und kann so ganz konzentriert Schwierigkeiten angehen.

Darüber hinaus profitiere er sicherlich auch von der körperlichen Fitness, die Ninjutsu mit sich bringe. Denn Maler und Lackierer spüren die Arbeit schnell in den Halswirbeln, dem Nacken und der Schulter. Bis jetzt hat der 35-Jährige damit noch keine Probleme. „Aber ob das am Ninjutsu liegt, kann ich natürlich nicht sicher sagen.“

Sicher sei jedoch, dass die japanische Kampfkunst fit hält. Großmeister Hatsumi, so berichtet Gutknecht, bewege sich im Dojo mit seinen 84 Jahren so behände, wie es so mancher 40-Jähriger nicht könne. „Mich fasziniert die Ganzheitlichkeit“, fügt er hinzu, denn auch der Geist bleibe geschmeidig. Und das nutzt der Handwerker ebenfalls für seine Arbeit – dank Geduld, Ausdauer und Intuition: „Ich lasse alles auf mich zukommen, aber schmiede natürlich schon weitere Pläne.“

ist eine japanische Kampftechnik mit einer mehr als 800 Jahre alten Tradition. Es vereint verschiedene Kampfformen sowie ursprünglich auch Spionagetechniken und Heilkünste. Trainiert werden verschiedene Schlag- sowie Tritttechniken, Hebel und Würfe, aber auch das Fallen und Rollen über den Boden. Auch Waffen wie Schwerter, Stöcke und Messer kommen zum Einsatz.
Das Ziel ist laut verschiedener Ninjutsu-Schulen allerdings nicht, nur verschiedenen Kampftechniken und Abfolgen zu erlernen. Es gehe vielmehr darum, natürlich Bewegungsabläufe so zu ­verinnerlichen, dass sie in Kampf und Verteidigung angewendet werden können. Das Training soll sich zudem ­positiv auf Fitness und ­Balance sowie auf schärfere ­Sinne auswirken. ­Besondere Eigenschaften muss man nicht mitbringen, erklärt Sven Gutknecht.

marcus.creutz@handwerk-magazin.de

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