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Interview Holger Schwannecke zur Handwerkskonjunktur 2021: "Die Umsatzausfälle bleiben hoch"

handwerk magazin sprach mit Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) über die Folgen der Corona-Krise: "Fast jeder dritte Betrieb ist von pandemiebedingten Mitarbeiter­ausfällen ­betroffen."

Themenseite: Konjunktur
handwerk magazin: Herr Schwannecke, aufgrund der Pandemie und ihren Folgen erwarten Sie für das Gesamthandwerk erstmals seit 2013 ein Umsatzminus. Trauen Sie sich trotz der schwierigen Situation eine konkrete Prognose für 2021 zu?

Holger Schwannecke: Den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie kann niemand vorhersehen. Der Frühjahrs-Lockdown bedeutete für viele unserer Betriebe eine Vollbremsung aus voller Fahrt. Nachdem viele von ihnen über den Sommer bis in den Herbst hinein wieder Tritt fassen konnten, hat sie der Teil-Lockdown erneut zurückgeworfen. Die Umsatzausfälle bleiben hoch, die Auftragsbestände weiter niedriger als sonst um diese Zeit üblich und die finanziellen Reserven der Betriebe sind weitgehend aufgebraucht.

Noch ist nicht abzusehen, wie lange deutliche Einschränkungen und weiter nötige Hygiene- und Abstandsvorschriften den Geschäftsbetrieb unserer Betriebe beeinträchtigen. Es gibt aber mit dem absehbaren Beginn von Impfungen zumindest die Aussicht auf Erleichterungen im Verlauf des kommenden Jahres, was eine deut­liche Belebung der Konjunktur erwarten lässt. Im Zuge dieser zunehmenden Rückkehr zur Normalität für unsere Betriebe dürften sie ihre Verluste aus 2020 weitgehend aufholen können.

Was macht Ihnen Hoffnung für 2021, was Sorgen?

Sorgen bereitet mir, dass es bislang trotz aller Anstrengungen nicht gelungen ist, die Infektionszahlen deutlich zu reduzieren. Unsere letzte Betriebsbefragung hat ergeben, dass fast jeder dritte Betrieb von pandemiebedingten Mitarbeiterausfällen betroffen ist. In diesen Betrieben fehlt jeder fünfte Beschäftigte, weil er erkrankt ist, sich in Quarantäne befindet, Angehörige oder Kinder in Quarantäne betreuen muss. Das erschwert natürlich die Personal- und Arbeitsplanung.

Sorgen bereiten mir auch Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt. Wir beobachten, dass die Verunsicherung von Jugendlichen durch die Corona-Krise dazu führt, dass sich noch mehr Schulabgänger als schon vor der Pandemie für eine Hoch- oder Fachhochschule entscheiden oder eine weiterführende Schule besuchen.

In der Finanzkrise sind die Ausbildungszahlen um sieben Prozent eingebrochen, das haben wir danach nicht wieder aufgeholt. Solch eine Situation darf sich nicht wiederholen. Denn mit einem immer niedrigeren Sockel an Auszubildenden wird langfristig die Fachkräftesicherung für unsere Betriebe immer schwieriger.

Ein Hoffnungsschimmer ist natürlich, dass sich mit der Verfügbarkeit von Impfungen Licht am Ende des Tunnels abzeichnet, wieder zu mehr Normalität zurückkehren zu können. Bis dahin müssen wir aber durchhalten.

Wie bewerten Sie das 2020er- Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat alles in allem schnell und angemessen reagiert; in einer Situation, die so noch nie dagewesen ist, für die es auch keine Blaupause gibt. Die zahlreichen Maßnahmen, besonders zur Liquiditätssicherung haben geholfen, Betriebe zu stützen. Doch aufgrund des Teil-Lockdowns ist die Situation für viele unserer Betriebe wieder sehr angespannt und verschlechtert sich, je länger die umfangreichen Beschränkungen andauern.

Unsere Betriebe brauchen weiter wirtschafts- und betriebsstabilisierende Hilfen. Politik muss dafür sorgen, dass diese Hilfen bei all denen ankommen, die massiv betroffen sind. Die Betriebe müssen darüber hinaus in die Lage versetzt werden, wieder dickere Eigenkapitalpolster aufbauen zu können. Dafür sollten zunächst befristete Maßnahmen, wie die vereinfachte, zins­lose Stundung oder ein Absehen von Vollstreckungsmaßnahmen und von Säumniszuschlägen, bis Mitte kommenden Jahres verlängert werden. Beim Verlustrücktrag ist noch deutlich Luft nach oben; aber auch steuerliche Hemmnisse müssen endlich angepackt werden, wie bei der Thesaurierungsrücklage, die mittelstandsfreundlicher ausgestaltet werden muss. Oder Entlastungen bei den Sozialabgaben. Was die Betriebe jetzt auf keinen Fall gebrauchen können, sind weitere bürokratische Anforderungen, die sie von ihrem Kerngeschäft abhalten.

Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit und Digitalisierung – drei Top-Themen, die vor der Pandemie ganz oben auf der Agenda der Unternehmer standen. Wie hat die Covid-19-Krise aus Ihrer Sicht dieses Themensetting verändert?

Die genannten Themen bleiben weiter auf der Agenda im Handwerk. Die Corona-Pandemie hat deren Bedeutung sogar noch deutlicher vor Augen geführt, besonders in Sachen Digitalisierung: Überall wurden digitale Kommunikationsformate und die dazugehörige Infrastruktur verstärkt, um wichtige Geschäftsprozesse oder auch die Berufsorientierung für junge Menschen aufrechtzuerhalten. Diese digitale Durchdringung, die auch in vielen anderen Bereichen im Handwerk bereits festzustellen ist, wird sich weiter verstärken, und wir als Handwerksorganisation werden unsere Betriebe auf diesem Weg der digitalen Transformation weiter unterstützend begleiten.

Und die beiden anderen Themen?

Fachkräftesicherung bleibt ein Muss für das Handwerk, umso mehr als wir in der Nach-Pandemiezeit unverändert quali­fizierte Fachkräfte benötigen. Beim Thema Nachhaltigkeit sollte das Handwerk noch stärker als bislang seinen „nachhaltigen“ Erfahrungsschatz betonen – sei es bei der Ressourcenschonung, Energieeinsparung, bei regionalen Wertschöpfungsketten oder generationenübergreifendem Ausbil­dungs­engagement. Dieser Erfahrungsschatz wird in dem Maße weiter an Bedeutung gewinnen, in dem Nachhaltigkeit auch bei Kundinnen und Kunden als Anspruch und Erwartung an Dienstleistungen und Produkte steigt. Diese gesellschaftliche und wirtschaftliche Strömung kann das Handwerk wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig befördern und unterstützen.

Herr Schwannecke, danke für die interessanten Einblicke!


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