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Abgas-Skandal Hardware-Nachrüstung: Hoffnung für Millionen Dieselfahrer

Das Verkehrsministerium hat die technischen Anforderungen an Stickoxidminderungssysteme festgelegt und damit den Weg für eine Hardware-Nachrüstung von Euro-4- und Euro-5-Dieselfahrzeugen frei gemacht. Das könnte ein lukrativer Markt für das Kfz-Handwerk werden, aber noch fehlen zugelassene Nachrüstsysteme.

Unsere Kunden warten schon sehnsüchtig auf Möglichkeiten zur Nachrüstung ihres Dieselfahrzeugs“, weiß Thomas Peckruhn, Inhaber und Geschäftsführer der Autohaus-Gruppe Liebe in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) sowie Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Vor allem für junge Euro-5-Diesel sei die Hardware-Nachrüstung eine lohnende Sache. Doch der Kfz-Meister und Unternehmer mit Autohäusern an acht Standorten weiß auch, dass er seinen Kunden noch keine Nachrüstung anbieten kann. Denn noch hat kein Hersteller eine Freigabe vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) für sein Produkt. „Ärgerlich“, meint Peckruhn, „denn die Zeit läuft gegen uns.“ Klar, je länger es mit den Freigaben dauert, desto mehr schrumpft der Markt, weil die Autos mit Euro 4 und Euro 5 älter werden und sich irgendwann eine Nachrüstung nicht mehr rechnet.

Unternehmer Peckruhn plant sogar, seine Gebrauchtfahrzeuge nachzurüsten, um sie besser verkaufen zu können. Schließlich entwickeln sich ältere Diesel aufgrund drohender Fahrverbote immer mehr zu Ladenhütern. Ab Baujahr 2013, so rechnet Peckruhn, könnte eine Nachrüstung interessant sein. Eine dreistellige Zahl von Umbauten pro Jahr kann er sich in seinen Autohäusern gut vorstellen.

Technisch machbar

Ob die Diesel-Nachrüstung ein lukratives Geschäft für das Kfz-Gewerbe wird, hängt wesentlich von zwei Faktoren ab: der technischen Machbarkeit mit entsprechend zugelassenen Systemen und der Förderung. Eines steht jedoch fest: Der Markt ist vorhanden. Nimmt man nur die Diesel-Pkw mit Euro-5-Norm, liegt der Bestand in Deutschland bei über 5,6 Millionen. Bei Nutzfahrzeugen bis 2,8 Tonnen Gesamtmasse sind es 431.774 mit Euro 5.

Theoretisch könnten für rund 95 Prozent aller Kraftfahrzeugtypen sogenannte SCR-Nachrüstsysteme angeboten werden, schätzt der ZDK. Es sei aber sinnvoll, sich vorrangig auf Systeme für zulassungsstarke Fahrzeugmodelle zu konzentrieren. „Nach unserer Schätzung könnte für rund ein Viertel der im Bestand befindlichen Euro-5-Dieselfahrzeuge – also rund 1,3 Millionen – auf die wesentlichen Hardware-Teile SCR-Katalysator, AdBlue-Tank sowie beheizbare Leitung, Pumpe und Filter aus dem Regal der Fahrzeughersteller zurückgegriffen werden“, sagt ZDK-Pressesprecher Ulrich Köster. Diese Teile ließen sich im Baukastenprinzip zu einem SCR-System zusammenstellen und somit individuell für die SCR-Nachrüstung eines Euro-5-Dieselfahrzeugs anbieten.

Noch keine Genehmigungen

Zurück zur Technik: SCR-Katalysatoren werden eingesetzt, um die Stickoxidemissionen nach dem sogenannten SCR-Verfahren zu vermindern. SCR steht für Selective Catalytic Reduction und bezeichnet ein Verfahren, bei dem die schädlichen Stickoxide an einem geeigneten Katalysator umgesetzt werden. Derzeit hat das Kraftfahrt-Bundesamt nur bei Nachrüstsystemen für Busse Genehmigungen erteilt, für Transporter und Pkw liegen dem KBA Anträge von Herstellern wie Baumot (Twintec) oder Dr. Pley vor. Die HJS Emission Technology GmbH & Co. KG in Menden im Sauerland hingegen hat sich entschieden, gar keine Nachrüstprodukte für Pkws anzubieten, sondern sich ausschließlich auf Transporter zu konzentrieren. Stefan Lefarth, bei HJS für den Bereich Diesel-Nachrüstung zuständig, begründet das damit, dass es bei Transportern deutlich einfacher sei, die Systeme unterzubringen.

Auch sei die Modellvielfalt in diesem Fahrzeugsegment wesentlich geringer als bei Pkw, deshalb müssten die Nachrüstsysteme weniger stark angepasst werden. Allerdings, so Lefarth, würde HJS sicher in den Pkw-Markt einsteigen, wenn beispielsweise ein Autohersteller zu einer Kooperation bereit wäre.

Für Handwerksbetriebe, die künftig Nachrüstungen durchführen wollen, aber wegen Haftungsfragen unsicher sind, hat der ZDK eine klare Vorgabe: Wer als Kfz-Unternehmer eine Nachrüstung durchführt, haftet im Rahmen der Gewährleistung (Sachmangelhaftung) für die geleistete Arbeit und die verbauten Teile. Sollten sich im Nachhinein Teile als fehlerhaft erweisen, kann sich der Kfz-Unternehmer beim Teilehersteller schadlos halten. Der Fahrzeughalter ist auf der sicheren Seite: Da die nachzurüstenden Systeme über eine Allgemeine Bauartgenehmigung (ABE) verfügen müssen und der Einbau durch einen anerkannten Betrieb mit einer Einbaubescheinigung dokumentiert wird, ist eine darüber hinausgehende Abnahme nicht notwendig.

Autoindustrie ist zurückhaltend

Bleibt noch die Frage nach Fördermöglichkeiten, die es den Autobesitzern schmackhaft machen könnten, eine Nachrüstung zu beauftragen. Hier sind Handwerker im Vorteil, denn für gewerblich genutzte Transporter gibt es schon ein Förderprogramm mit Zuschüssen bis zu 5.000 Euro. Bei Pkw gibt es vom Staat nichts, hier erhofft sich Verkehrsminister Andreas Scheuer Angebote der Automobilindustrie. Die fallen aber noch mager aus, lediglich Volkswagen und Mercedes-Benz haben bis zu 3.000 Euro Zuschuss pro Umrüstung angekündigt. Nahezu alle Hersteller lehnen Nachrüstungen eigentlich ab und setzen lieber auf Kaufanreize für neue Fahrzeuge. Für den ZDK ein Unding. Die Nachrüstung von Fahrzeugen mit Technik zur Minderung des Schadstoffausstoßes sei seit langer Zeit gang und gäbe, wie die Beispiele Katalysator und Rußpartikelfilter zeigten.

Auch Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer ist mit der Förderung unzufrieden: „Alle Fahrzeuge unter 2,8 Tonnen sind ausgeschlossen, beispielsweise Kombis. Das gilt auch für Lkw über 7,5 Tonnen, die gerade in Baugewerken, bei Gerüstbauern oder Dachdeckern zum Einsatz kommen.“ Außerdem sei das ganze Antragsverfahren zu umständlich. Im Übrigen sollten zur finanziellen Unterstützung auch die mit ins Boot geholt werden, die das Problem verursacht hätten – also die Autoindustrie.
Dass eine Hardware-Nachrüstung von Dieselfahrzeugen wirkungsvoll ist, hat der ADAC in Tests belegt. Nach Einbau der verschiedenen Diesel-Umrüstsysteme sinken die Emissionen im ADAC-Test um 60 bis 80 Prozent. Damit drücken sie den NOx-Ausstoß der Testfahrzeuge auf oder unter den Grenzwert von 270 Milligramm pro Kilometer (mg/km).

Die letzte Meldung vor Redaktionsschluss: Der Bundestag hat einen Gesetzentwurf zur Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes beschlossen. Damit werden bundesweit einheitliche Regeln für den Umgang mit Verkehrsverboten eingeführt. Das beschlossene Gesetz legt unter anderem fest, dass Diesel-Fahrzeuge von möglichen Fahrverboten ausgenommen sind, wenn sie nachweislich einen geringen Stickstoffoxid-Ausstoß aufweisen. Damit schafft das Gesetz einen Anreiz für die Hardware-Nachrüstung von Fahrzeugen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze erklärte: „Um die Luftqualität zu verbessern, brauchen wir Hardware-Nachrüstungen. Damit Fahrzeughalter Hardware-Nachrüstungen vornehmen können und die Nachrüster entsprechende Angebote machen, benötigen wir Rechtssicherheit.“ Diese werde durch die beschlossene Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes geschaffen. Damit, sagte die Ministerin, seien die Dieselfahrzeuge mit einer wirkungsvollen Hardware-Nachrüstung bundesweit von Verkehrsverboten ausgenommen.

Ausnahmen für Handwerker

Das Gesetz stellt klar, dass emissionsarme Diesel-Pkw mit den Abgasnormen Euro 4 und 5 von Verkehrsverboten ausgenommen werden, wenn sie im realen Fahrbetrieb geringere Stickstoffoxidemissionen als 270 Milligramm pro Kilometer ausstoßen. Euro-5-Diesel-Fahrzeuge stoßen derzeit auf der Straße im Durchschnitt rund 900 Milligramm pro Kilometer aus. Mit einer Hardware-Nachrüstung können die Emissionen so gesenkt werden, dass sie den Wert von 270 Milligramm einhalten.

Interessant: Die Kosten für eine solche Hardware-Nachrüstung sind aus Sicht der Bundesregierung von den Fahrzeugherstellern zu tragen.

Ausgenommen von Verkehrsverboten werden aus Verhältnismäßigkeitsgründen auch alle Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 6. Weitere Ausnahmen gibt es für nachgerüstete Handwerker- und Lieferfahrzeuge sowie schwere Kommunalfahrzeuge.

Förderung: Geld für Handwerker-Autos

Schon jetzt können Handwerker staatliche Fördermittel für die Hardware-Umrüstung von Diesel-Transportern beantragen. Bei Pkw sind die Hersteller gefragt, aber noch zögerlich.Hier ein Überblick, welche Möglichkeiten es aktuell gibt.

Handwerker- und Lieferfahrzeuge

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fördert die Nachrüstung von Handwerker- und Lieferfahrzeugen. Förderberechtigt sind Fahrzeughalter mit gewerblich genutzten Fahrzeugen von 2,8 bis 7,5 Tonnen (Schadstoffklassen Euro 3, 4, 5 und 6), die ihren Firmensitz in der von Grenzwertüberschreitungen betroffenen Stadt oder den angrenzenden Landkreisen haben, sowie die gewerblichen Fahrzeughalter, deren Firma nennenswerte Aufträge in der Stadt hat. Gefördert werden System- und externe Einbaukosten der Nachrüstung von genehmigten Abgasnachbehandlungssystemen zur Reduzierung der Stickstoffdioxidemissionen.

Die Förderquote beträgt höchstens 40 Prozent der Umrüstungskosten bei großen, 50 Prozent bei mittleren oder 60 Prozent bei kleinen Unternehmen. Sie ist auf einen Höchstbetrag von 3.800 Euro pro Fahrzeug bei einer Antragstellung bis zum 31. Mai 2019, und auf 3.000 Euro bei einer Antragstellung ab dem 1. Juni 2019 begrenzt. Für Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen gelten Höchstbeträge von 5.000 beziehungsweise 4.000 Euro.
Infos: bav.bund.de

Busse im öffentlichen Personennahverkehr

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fördert die Nachrüstung von Diesel-Bussen mit Abgasnachbehandlungssystemen der Schadstoffklassen Euro 3, 4, 5 im Öffentlichen Personennahverkehr. Antragsberechtigt sind Gebietskörperschaften, Verkehrsverbünde sowie öffentliche und private Verkehrsunternehmen. Die Förderquote beträgt höchstens 80 Prozent der Umrüstungskosten und ist auf einen Höchstbetrag von 20.000 Euro pro Fahrzeug begrenzt.
Infos: bav.bund.de

Pkw

Zwar forderte das Bundesverkehrsministerium die Autohersteller auf, die Kosten für ein SCR-System und den Einbau bei von Fahrverboten bedrohten Fahrzeughaltern zu übernehmen. Allerdings haben bis jetzt nur Volkswagen und Mercedes-Benz angekündigt, bis zu 3.000 Euro für die Nachrüstung zu übernehmen – aber nur für belastete Städte.
Experten rechnen jedoch damit, dass andere Hersteller nachziehen werden.

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