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Harald Welzer: Qualität ist nicht massentauglich

Die Menschen haben eine steigende Sehnsucht nach Qualität und Handwerklichkeit. Das sagt der Soziologe und Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald Welzer im Gespräch mit handwerk magazin. Fortsetzung des Interviews aus der Juli-Ausgabe.

Topic channels: TS Zukunftsperspektiven im Handwerk und TS Upcycling

Sie sagen, ein Wertewandel hin zu mehr Qualität und zu mehr Nachhaltigkeit existiert im Mainstream nur auf einer symbolischen Ebene. Eine Gesellschaft die nachhaltig wäre, würde über Nachhaltigkeit nicht sprechen. Gibt es keine Alternativen?

Es gibt eine wahrnehmbare Bewegung, die versucht ganz anders damit umzugehen: in anderer Ernährung, anders Kleiden, kaufen im Second-Hand-Laden, in Upcycling-Strategien, also der Weiterverwendung von Abfallstoffen, in Wohnprojekten und so weiter. Das ist gar nicht zu unterschätzen. Das mag zwar quantitativ wenig bedeutsam sein, ist aber für Lebensstilveränderungen nicht unwesentlich.

Wird die Zahl solcher Projekte zunehmen?  

Die Frage ist, ob diese Nischenstrategien und Nischenprojekte in den Mainstream gelangen. Das kann man an einigen Phänomenen sehen. Zum Beispiel beim Reparieren, was für viele Menschen interessant ist, da es unter anderem an alte Wissensbestände anknüpft. Viele von ihnen sagen, warum soll ich nicht selber etwas reparieren können? Das lasse ich mir jetzt nochmal beibringen. Dafür existiert eine Tradition, ganz neu kann man so etwas nicht erfinden. Und wo es solche Bezugspunkte gibt, lassen sie sich revitalisieren.

Das andere Problem ist, dass vieles in der Nische bleiben soll. Kapitalismus funktioniert ja so, dass für jedes Bedürfnis eine Marktnische vorhanden ist und deshalb haben sich beispielsweise die Produktpaletten von Autos immer weiter diversifiziert. Der Mini ist das beste Beispiel, wo es mittlerweile 15 verschiedene Modelle gibt.

Die Frage ist: Werden diese Projekte ooder Produkte mainstream-fähig oder bleibt sie in der Nische für die Konsumenten, die sich selbst Bewusstsein zuschreiben. Generell kann man sagen, dass es heute mehr Leute gibt, die etwas mehr Geld ausgeben, um etwas mehr Qualität zu bekommen. Das korrespondiert allerdings auch mit der anderen Seite, mit dem Luxuskonsum, wie man es etwa bei mechanischen Uhren sehen kann.

Ist hier Qualitätsbewusstsein nicht oft nur ein Distinktionsmerkmal, also ein Mehrmal, um mich von anderen zu unterscheiden?

Nicht unbedingt, denn ich finde aber interessant, was unterm Strich dabei herauskommt. Wenn sich Leute hochwertige Möbel kaufen, und zwar nicht wegen der Nachhaltigkeit oder der Qualität, sondern als Statussymbol, kann es trotzdem sein, dass sie die wesentlich länger benutzen als so ein IKEA-Kram. Das wäre dann nachhaltiger. Es gibt also auch Aspekte, die sich hinter dem Bewusstsein durchsetzen können.

Aktuelle Mehrgenerationen-Studien zeigen, dass die älteste Generation das geringste Nachhaltigkeitsbewusstsein hat und die jüngste Generation das am stärksten ausgeprägte. Wenn man das aber mit der Lebenspraxis abgleicht, sind die, die am wenigsten Ahnung davon haben, die die nachhaltigsten leben und umgekehrt. Die berühmte schwäbische Hausfrau, die immer alles restlos verbraucht oder aus den Resten nochmal die nächste Mahlzeit macht, ist ein Sozialtypos, der viele Nachhaltigkeitseigenschaften hat. Aber sie würde für sich selbst niemals in Anspruch nehmen, dass sie jemals darüber nachgedacht hat.

Dem gegenüber: Wenn wir anfangen darüber nachzudenken, haben wir unglaublich viele Verrechnungen. Viele Verbraucher stellen Überlegungen an wie „Ich war doch jetzt beim Bio-Bäcker, da kann ich schon mal nach Mallorca fliegen.“ Der Bio-Bäcker gleicht den Carbon-Footprint aus dem Flug aus, so diese Logik. Das machen die Menschen auch deshalb, weil das Gesamtsystem eines ist, was immer auf Verausgabung angelegt ist und nicht auf Reduktion oder Einsparung. Alles ist auf Expansion angelegt.

Bilden kleine, junge mitunter handwerklich orientierte Start-Ups die Vorhut dessen, was später industrialisiert und standardisiert wird und in großem Stil auf einem niedrigeren Qualitätsniveau produziert wird?

Ich bin nicht sicher, ob das generell so zu werten ist. Diese Avantgarden produzieren nach klassischen Kriterien völlig unwirtschaftlich. Wenn ich regionale Rohstoffe verarbeite oder Textilien in Deutschland produziere, bin ich natürlich viel teurer. Was solche Projekte erfolgreich macht, das steckt ja in anderen Bereichen als in den betriebswirtschaftlichen Rechenarten. Und das lässt sich nicht skalieren. Ist also nicht massentauglich.

Herr Welzer, vielen Dank für das Gespräch.

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