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Business-Modell Handwerk und Startup: Wie Harry´s das Beste aus beiden Welten herausholt

Schnelldrehendes Startup und Handwerksbetrieb mit Tradition: Aus dieser ungewöhnlichen Freundschaft, die auch von den Handwerkskammern derzeit stark gefördert werden, sollen Geschäftsmodelle der Zukunft entstehen. Der Nassrasierklingen-Hersteller Harry´s Feintechnik mit Sitz in Thüringen und New York macht es vor. Wie sich über diese Mischung Wachstum erzielen lässt, erzählt Michael Hirthammer im Interview.

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Harry´s ist ein Startup aus New York, das vor sechs Jahren die Feintechnik GmbH Eisfeld für 100.000 Millionen Dollar gekauft hat: Wie hat das den Betrieb in Thüringen seither verändert?

Michael Hirthammer: Wir haben das Beste aus beiden Welten zusammengefügt: In Thüringen produzieren wir seit hundert Jahren Rasierklingen mit höchstem Qualitätsanspruch, gebrandet oder auch als Private Label, und in New York bringen Startup-Gründer Andy Katz-Mayfield und Jeffrey Raider eine neue Sichtweise ein, wie sich der Markt der Nassrasierer aufrollen lässt. Dazu ziehen sie Daten heran, interpretieren sie und ziehen Schlüsse daraus, wie sich der Betrieb weiterentwickeln lässt und steuern darüber Marketing, Vertrieb und Customer Service in unseren Kernmärkten USA, Kanada und UK: Dort bedienen wir die Endkonsumenten auch über einen Online-Shop. In kurzen Feedbackschleifen mit unseren Kunden lassen sich deren Bedürfnisse immer besser und schneller bedienen und wir können sie besser ansprechen. Das hätten wir uns als Mittelständler niemals zugetraut. Wichtig dabei ist: Unser Produktionsbetrieb mit seinen Wurzeln in Südthüringen hat sich nicht in ein hippes Startup verwandelt und das Startup nicht in einen Handwerkbetrieb. Wir haben unsere Kultur aber aneinander angepasst, um die gesamte Wertschöpfungskette des Produkts unter einem Dach zu bündeln: von der Produktion und Design bis hin zu Marketing und Vertrieb. Unser Ziel ist es, auch künftig gemeinsam Innovationen umzusetzen.

Wie hat der Zusammenschluss die Unternehmenskultur und das Selbstverständnis geprägt - immerhin wird ja nun neben Deutsch auch Englisch kommuniziert?

Sicher läuft bei uns in Eisfeld nun vieles auf Englisch und gute Sprachkenntnisse sind wichtig, vor allem aber beim Management. Wir verstehen uns als lernende Kultur und setzen auf eine offene Führungskultur mit einem agilen Netzwerk und eigenständig arbeitenden Teams. Aus dem Feedback, das uns der Markt zurückspielt, lernen wir unsere Produkte laufend zu verbessern und etwaige Fehler zu korrigieren.

Was bedeutet das fürs Geschäft und den Umsatz?

Wir wachsen seit mehreren Jahren zweistellig im Markt. Das Gute dabei ist: Um zu wachsen, mussten wir uns als Betrieb mit unserer hundertjährigen Geschichte nicht neu erfinden oder gar restrukturieren. Mit unserem Katalysator aus New York konnten wir unserem Geschäft wie zuvor weiter nachgehen und es dabei erheblich erweitern. Seit der Zusammenführung haben unsere Investoren einen zweistelligen Millionenbetrag in den Betrieb investiert und wir haben unsere Mannschaft in Thüringen von 300 auf 600 verdoppelt. Wir haben vor allem Mitarbeiter eingestellt, die mit uns zusammen den Weg agil gestalten möchten. In unserem Team haben wir heute junge Handwerkskräfte, die sich bei uns zum Betriebswirt weiter entwickeln, genauso wie ältere Kollegen, die bei uns ihre Meisterausbildung gemacht haben und solche, die zu uns kommen, weil sie ihre Ideen bei uns ausprobieren und umsetzen können.

In welche Software und Tools investieren Sie?

Wir nutzen SAP-Software, bauen daneben aber auch unsere eigene Betriebssoftware, mit der wir unseren Produktkatalog abbilden können, Abonnements verwalten können und herauslesen können, was der jeweilige Kunde braucht. So konnten wir die Kundenbindung bedeutend erhöhen: Im Schnitt bleiben uns die Kunden länger treu als zuvor. Über gesteckte Kennzahlen können wir die Wertschöpfung unseres Betriebs genau unter die Lupe nehmen. Wir haben unsere Maschinen mit Sensoren versehen, die Auslastung und Verfügbarkeit messen und optimieren helfen. Diese Automation unserer Abläufe und Prozesse treiben wir ständig weiter voran, um Komplexität zu reduzieren und um unser Wissen im Werk kontinuierlich aufzubauen.

Wie helfen diese neuen Prozesse im Wettbewerb weiter?

Weil wir unsere IT selbst entwickeln und nicht auslagern, wissen wir vollumfassend und im kleinsten Detail über unsere Geschäftsprozesse Bescheid. Die meisten unserer Wettbewerber, aber auch andere Betriebe, machen das nicht. Das Problem dabei ist aber: Immer wenn Unternehmensbereiche nach außen delegiert werden, geht der Überblick verloren. Dann kann man sich die entscheidenden Fragen, die den Markt betreffen, nicht stellen.

Wann ist für die Harry´s-Produkte der Markteintritt in Deutschland geplant?

Wir arbeiten daran, aber lassen uns damit auch Zeit. Auch wenn wir mit der Harry‘s Brand nun in drei Märkten erfolgreich sind, funktioniert doch jeder Markt anders, da andere Voraussetzungen und Kundenpräferenzen vorherrschen.

Vita:

Michael Hirthammer ist Geschäftsführer von Harry‘s in Deutschland. Vor dieser Tätigkeit war Michael Hirthammer bei dem international agierenden Unternehmen Honeywell GmbH als Site Leader beschäftigt und verantwortete den Multi Business Standort, bestehend aus Produktion, Einkauf, R&D, Business-Funktionen und Verwaltung. Unter seiner Führung erfolgte die Weiterentwicklung des Honeywell Operating System als Pilotprojekt zum Lean Enterprise.

Harry‘s wurde als Herrenpflegemarke 2013 von Jeff Raider und Andy Katz-Mayfield gegründet und hat seinen Hauptsitz in New York City. Das deutsche Team, das Michael Hirthammer als Geschäftsführer leitet, verantwortet die Klingenfertigung am jahrhundertealten Produktionsstandort in Eisfeld. Die Fabrik in Südthüringen wurde 2014 mit Harry‘s zusammengeführt. Das weltweit tätige Unternehmen beschäftigt insgesamt an den Standorten in New York City, London und Eisfeld rund 800 Mitarbeiter. In Deutschland finden sich Rasurprodukte „Made in Eisfeld“ in Supermarkt- und Drogeriemärten als Handelsmarken („Private Label“) – u.a. Balea (DM) und Cien (Lidl).

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