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Deutsches Handwerksinstitut Handwerk und Migranten – da steckt Potenzial drin!

Das Handwerk leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration von Migranten. Und gleichzeitig profitiert es besonders vom Zufluss an potenziellen Fachkräften. Das sagt das Deutsche Handwerksinstitut.

Themenseite: Flüchtlinge

Mit über 20 Prozent Einwohnern mit Migrationshintergrund und etwa genauso vielen ausländischen Einwanderern wie in den USA ist für das Deutsche Handwerksinstitut klar: Deutschland ist ein multikulturelles Einwanderungsland.

Das Handwerk leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration

Eine Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) soll den aktuellen politischen Diskurs mit Fakten unterfüttern und fragt: Welche wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen hat die Einwanderung auf den Arbeitsmarkt im Bereich des Handwerks? handwerk magazin hat das Fazit der Autoren von „Bedeutung von Migranten als Auszubildende, Fachkräfte, Meister und Selbstständige im Handwerk“ des Deutschen Handwerksinstituts zusammengefasst:

  • Die zentrale These der Studie: Der Wirtschaftssektor Handwerk leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration von Migranten – und wird dies auch in Zukunft tun.
  • Gleichzeitig kann speziell das Handwerk vom Zufluss junger potenziellen Fachkräften profitieren, da Migranten weniger oft studieren als Deutsche und sich häufiger dafür entscheiden, eine Ausbildung im Handwerk abzuschließen.
  • Das Qualifikationsniveau von Migranten weist starke Defizite auf und stellt ein zentrales politisches Handlungsfeld dar, um eine erfolgreiche gesellschaftliche und berufliche Eingliederung zu fördern.
  • Das System des Übergangs vom Realschulabschluss zur Berufsausbildung, wie es bisher funktional war, muss – bei Sicherstellung der hohen Ausbildungsqualität – überdacht werden, um da, wo es sinnvoll ist, „umgehbar“ zu werden.
  • Eine Simulation zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen lässt vermuten, dass die Wahrscheinlichkeit, mit der diese eine handwerkliche Tätigkeit aufnehmen, aufgrund des niedrigeren Bildungs- und Ausbildungsniveau deutlich niedriger ist als bei den bisherigen Migranten. Mit jeder zusätzliche Integrations- und Bildungsmaßnahme wird sich die zukünftige berufliche und damit soziale Integration konkret verbessern!
  • Die wahrscheinlich in Zukunft weiter auseinanderdriftende Einkommensschere zwischen einerseits qualifizierten und andererseits ungelernten Tätigkeiten könnte bewirken, dass sich die zweite Generation der Flüchtlinge stark darum bemüht, statt ungelernter Tätigkeiten Engpassberufe mit höheren Einkommen anzustreben. Dies hätte einen positiven Effekt auf den Fachkräftemangel.
 

Faktencheck: Migranten im Handwerk

1. Es gibt mehr Handwerker unter Migranten als unter Nicht-Migranten. Und es gibt mehr Migranten im Handwerk als in allen anderen Wirtschaftsbereichen.

Da das Bildungs- und Ausbildungsniveau von Migranten und Flüchtlingen im Schnitt eher niedrig ist, werden die praktischen, anwendungsnahen Tätigkeiten im Handwerk bevorzugt aufgenommen. Mit bis zu 17 Prozent der eingewanderten erwerbsfähigen Bevölkerung, die im Handwerk tätig sind, liegt der Handwerkeranteil unter Migranten über dem Handwerkeranteil bei Nicht-Migranten (12,5 Prozent).

Andere Untersuchungen zeigen, dass Migranten eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, im Handwerk zu arbeiten (circa 8 Prozent) als in allen anderen Wirtschaftsbereichen (circa 7 Prozent). Handwerksberufe übernehmen also eine wichtige integrative Rolle.

2. Zuwanderer sind häufiger arbeitslos als Nicht-Migranten. Diese Differenz verläuft sich über die Jahre allerdings nahezu.

Die Arbeitsmarktintegration von Migranten ist ein sich über Jahre hinziehender Prozess. Die Erwerbslosenquote aller Migranten (2011: 11,6 Prozent) liegt sichtbar über der deutschen Erwerbslosenquote (2011: 7,1 Prozent), hängt aber direkt von der in Deutschland verbrachten Zeit ab.

Nach 10 Jahren sind noch knapp 10 Prozent der aus der EU Eingewanderten arbeitslos und rund 15 Prozent der aus Nicht-EU-Ländern Stammenden (Wendepunkt: nach 8 Jahren). Nach 20 Jahren liegt die Quote für EU-Zuwanderer in etwa bei der deutschen Erwerbslosenquote, die der Nicht-EU-Zuwanderer rund 2 Prozent darüber.

3. Migranten arbeiten öfter in Gewerken und Positionen mit niedrigen Bildungsvoraussetzungen.

Über 40 Prozent der im Handwerk tätigen Zuwanderer arbeiten im Bereich Gebäudereinigung (13 Prozent Nicht-Migranten). Davon verfügen nur 33 Prozent über einen Gesellentitel (58 Prozent Nicht-Migranten) und 1,3 Prozent über einen Meistertitel (1,3 Prozent Nicht-Migranten).

In den meisten anderen Gewerken sind die Zahlenverhältnisse umgekehrt: 5,4 Prozent der im Handwerk tätigen Migranten sind Elektrotechniker (10,8 Prozent Nicht-Migranten), 5,2 Prozent sind Metallbauer (6,2 Prozent Nicht-Migranten) und 4,6 Prozent Kfz.-Mechaniker (8,2 Prozent).

4. Migranten präferieren Dienstleistungsberufe – gerade dort treffen sie aber auf Konkurrenz.

Die fünf beliebtesten handwerklichen Ausbildungsberufe bei Ausländern im Jahr 2014 sind: Friseur/in, Kraftfahrzeugmechatroniker/in, Anlagenmechaniker/in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroniker/in FR Energie- und Gebäudetechnik, Maler/in und Lackierer/in.

Die Tendenz zeigt, dass sich Migranten in Deutschland häufiger für Dienstleistungsberufe interessieren. Diese sind aber auch bei Nicht-Migranten stärker nachgefragt. Die treffen also auf eine überdurchschnittlich große Konkurrenz. Ihre Chancen, eine Ausbildungsstelle zu bekommen, verringern sich allein auf dieser Grundlage.

5. Migranten lösen häufiger ihre Arbeitsverträge als Nicht-Migranten. Mögliche Gründe: Berufswahl, sprachliche und kulturelle Probleme, das Qualifikationsniveau.

Der Anteil der vorzeitigen Vertragslösungen der ausländischen Auszubildenden ist höher als bei ihren Nicht-Migranten-Kolleginnen und Kollegen. Die Gründe hierfür lassen sich nicht über die Statistik herausfinden. Möglich wäre z.B., dass Migranten sich häufiger für Berufe entscheiden, die per se höhere Lösungsquoten aufweisen. Wahrscheinlich ist, dass sprachliche und kulturelle Probleme eine Rolle spielen, genauso auch das Qualifikationsniveaus.

Knapp 20 Prozent der Migranten verfügen über einen Realschulabschluss (25 Prozent der Nicht-Migranten), etwa 25 Prozent über einen Hauptschulabschluss (35 Prozent der Nicht-Migranten) und 20 Prozent verfügen über gar keinen Schulabschluss (quasi 0 Prozent der Nicht-Migranten). Besonders bei höheren Abschlüssen liegt der Bildungserfolg von Migrantenkindern insgesamt deutlich hinter dem von in Deutschland geborenen Kindern zurück.

6. Selbstständigkeit ist unter Migranten nicht häufig und dient oft der Überbrückung bei schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Migranten, die im Handwerk tätig sind, weisen mit 10 Prozent eine geringere Selbstständigkeit auf als die in Deutschland geborene Bevölkerung (14,7 Prozent). Auffallend ist, dass Migranten, die weniger als 10 Jahre in Deutschland sind, häufiger selbstständig sind, als solche, bei denen die Einwanderung länger her ist.

Das deutet darauf hin, dass die handwerkliche Selbstständigkeit nicht als dauerhafte Erwerbsquelle, sondern als vorrübergehende Einkommensquelle gesehen wird und wahrscheinlich in Abhängigkeit von den sich mit der Zeit verbessernden Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

7. Migranten im Handwerk verfügen über bessere Einkommen als Migranten in anderen Wirtschaftsbereichen.

Der Blick auf die Einkommensverhältnisse bestätigt die integrative Wirkung des Handwerks. Wie aufgrund der geringeren Qualifizierung zu erwarten, verdienen Migranten weniger als Nicht-Migranten. Trotzdem sind die Einkommensunterschiede im Handwerk mit im Schnitt 14,4 Prozent relativ gering.  Bei Migranten, die vor dem Jahr 2000 nach Deutschland eingereist sind, liegt das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen bei ca. 2400 Euro.

Bei Migranten, die bereits 5 Jahre länger im Land sind, erreicht es bereits 2500 Euro. Die Einkommenslücke zwischen Deutschen und Migranten im Handwerk scheint sich mit den Jahren in Deutschland zu schließen. Auffällig ist auch, dass Migranten im Handwerk besonders stark bei den mittleren Einkommensschichten vertreten sind. Nicht-Handwerker verteilen sich dagegen stärker auf untere Einkommensschichten.

Praxisratgeber

Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, findet nützliche Informationen im Praxisratgeber „Flüchtlinge im Handwerk integrieren und beschäftigen“ von Handwerk Magazin. Der Ratgeber zeigt, wie Sie einen Geflüchteten in Ihrem Betrieb beschäftigen können, welche Chancen in einem solchen Projekt stecken und was Sie dabei beachten sollten.

Eine Leseproben finden Sie im Webshop von Holzmann Medien, hier können Sie das Buch auch bestellen.

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