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Betrieb des Monats Handwerk: Der König der Gitarren

In einem Hinterhof in Hamburg betreiben Robin König und Mario Brüggen ihre Gitarrenwerkstatt. Jedes Instrument, das sie anfertigen, ist ein kostbares Unikat - und speziell auf seinen künftigen Besitzer zugeschnitten.

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Die beste Gitarre der Welt? „Die gibt es nicht“, lächelt Robin König. Dafür seien die Geschmäcker zu unterschiedlich. Denn das Genre, das der Musiker überwiegend spielt, bestimmt die optimale Zusammenstellung von Material, Klang, Form und Farbe. „Es ist doch klar, wer Blues liebt, braucht eine andere Gitarre als ein Metall-Fan“, sagt er.

Deshalb baut er zusammen mit seinem Kompagnon Mario Brüggen individuelle Gitarren nach den Wünschen – und der Persönlichkeit – ihrer künftigen Besitzer. „Wir möchten, dass das passt“, so König. Da die Gitarren, die Brüggen und König bauen, Ausdruck der Persönlichkeit ihrer künftigen Besitzer sind, entstehen wahre Unikate. So ließ sich etwa ein österreichischer Musiker eine Gitarre in der Form der Silhouette seines Heimatlandes bauen, ein anderer dagegen orderte eine Gitarre mit dem Titel „Arschgeige“ - sie war in Form eines weiblichen Pos. Etwa 60 bis 80 Stunden Arbeitszeit investieren die beiden Zupfinstrumentenbauer in jedes Einzelstück, der ganze Bauprozess geschieht in Handarbeit. An den Wänden ihrer Werkstatt in einem Gewerbehof im Hamburger Szene-Stadtteil Ottensen hängen elektrische und akustische Gitarren in diversen Farben und Formen, hier eine sanft geschwungene Gitarre in edlem Dunkelgrün, dort eine poppig-silberne mit zackiger Bauform. Es sind Demonstrationsstücke, gebaut, um Kunden die Möglichkeiten aufzuzeigen. Individualität ist teuer - entsprechend hoch ist der Preis: Ab 3.500 Euro kostet eine König & Brüggen. Zum Vergleich: Die meistgekaufte Gitarre der Welt, eine Fender Stratocaster, bekommt man bereits für 700 Euro.

Wachstum sorgt für Umzug

Der Betrieb ist vor zwei Jahren nach Hamburg-Ottensen gezogen, zuvor war er in Eimsbüttel: „Dort leben viele Musiker, die schnell auf uns aufmerksam wurden. Das hat uns den Start 2014 sehr erleichtert“, ist König überzeugt. Trotzdem war der Anfang nicht leicht. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda wuchs das Auftragsvolumen, die Werkstatt wurde zu klein, der Umzug notwendig – und König brauchte noch einen Mann. So kam im Sommer dieses Jahres Mario Brüggen als Partner ins Unternehmen.
Längst haben sich die zwei in Hamburg einen Namen gemacht, das Auftragsbuch ist voll. Ihre Kunden sind vor allem leidenschaftliche Amateurmusiker, die sich ein individuelles Einzelstück wünschen. Doch auch Profis kommen in die Werkstatt, wenn sie ihre Gitarre zur Reparatur bringen. „Wenn sie sich beim Abholen dann lächelnd verabschieden, weil die Gitarre besser klingt als jemals zuvor, ist das ein sehr erfüllender Moment“, sagt König.

Traumerfüllung

Mit 14 Jahren hatte Robin König begonnen, Gitarre zu spielen. „Zu der Zeit hörte ich, wie wohl alle in dem Alter, die Musik von Nirvana“, erinnert er sich. „Diese Songs auf einer akustischen Gitarre zu spielen, das ging gerade noch. Bald entdeckte ich aber Metallica – und wusste, dass ich eine elektrische Gitarre brauchte.“ Für den Linkshänder gab es allerdings kaum eine geeignete Gitarre auf dem Markt.

Sein Vater, von Beruf Tischler mit eigener Werkstatt in Wedel bei Hamburg, machte einen Vorschlag, der Königs Berufsleben nachhaltig beeinflussen sollte: „Er beschloss, dass wir meine Gitarre selbst bauen. Das haben wir dann auch getan, und dann noch ein paar weitere.“

Von da war sein Traumberuf klar - das Erfüllen der Gitarrenträume anderer. Nach seiner Ausbildung zum Zupfinstrumentenmacher eröffnete er im Sommer 2014 seine erste eigene Werkstatt im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. „Der Beginn war zäh, aber glücklicherweise nur für kurze Zeit“, erinnert er sich. „In Eimsbüttel wohnen einige Musiker und mit meiner Werkstatt hatte ich eine gewisse Sichtbarkeit. Dadurch hatte ich schnell meine ersten Aufträge.“ Der Rest war Mund-zu-Mund-Propaganda, und so zog König nach drei Jahren in eine größere Werkstatt im Stadtteil Ottensen um.

Gemeinsam schaffen sie mehr

Jährlich gibt es nur etwa zehn neue Zupfinstrumentenmacher-Lehrlinge in Deutschland, und Kunden gibt es genügend. Das spürte auch König: „Ich bekam immer mehr Aufträge und deshalb mit der Arbeit kaum noch hinterher. Irgendwann wusste ich: Alleine schaffe ich das nicht mehr.“ Glücklicherweise stieß dann im Sommer 2019 Mario Brüggen als Partner hinzu, die beiden kannten sich bereits seit ihrer Ausbildung in einer Aachener Gitarrenwerkstatt. Brüggen war noch einige Jahre dort geblieben, doch schließlich zog es ihn in den Norden.

Während König erzählt, betritt ein Kunde mit einer defekten Ukulele die Werkstatt. Die Buchse für den Tonabnehmer wackelt, beim Verstärker kommt kein Ton an. Eine schnelle Reparatur, die Mario Brüggen gleich erledigt, während der Kunde sich die ausgestellten Instrumente ansieht. Das Bauen einer Gitarre ist sozusagen die Kür, die Reparaturen sind dagegen die Pflicht, die den Großteil der Arbeit ausmachen. Deswegen wechseln sich die Beiden ab. Mal repariert König und Brüggen baut, nach einigen Wochen tauschen sie dann die Aufgaben. Sie haben sich in Hamburg längst einen Namen gemacht, das Auftragsbuch ist voll, ihre Gitarren begehrt.

Preise sind relativ

Der Preis, den man für eine Gitarre von König und Brüggen zahlt, erscheint übrigens nur auf den ersten Blick hoch. Zwar kostet eine handelsübliche Fender Stratocaster nur 700 Euro und eine Gibson Les Paul nur wenig mehr. Sobald man aber eine Ausführung möchte, die nicht dem Standard entspricht, werden auch diese Gitarren deutlich teurer. Bereits eine andere Lackierung des Körpers kann den Preis verdoppeln, mit weiteren Modifikationen landet man schnell bei Preisen, die noch deutlich über dem liegen, was König und Brüggen für eine Gitarre berechnen. In den Online-Shops für Musiker sind Sondermodelle für 7.000 Euro keine Seltenheit, und selbst die werden in Serie gefertigt, wenn auch in limitierter Stückzahl. Wer also auf ein wirklich individuelles Instrument Wert legt, erhält bei den Hamburger Gitarrenbauern seinen eigenen Gitarrentraum gebaut und bezahlt auch noch weniger als bei den großen Firmen.

Die Kunden, denen König und Brüggen eine Gitarre anfertigen, sind vor allem leidenschaftliche Amateure, die sich ein individuelles Einzelstück wünschen. Sie reichen vom Studenten, der sich das Instrument vom Mund abspart, bis zum gut verdienenden Anwalt. Sie alle wissen: Eine Gitarre von König und Brüggen ist ein Instrument für's Leben, das man nie wieder verkauft.

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