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Unternehmensnachfolge Gläserner Betrieb - So wird der Unternehmenswert objektiviert

Viele potenzielle Nachfolger mit dem Thema Unternehmensbewertung. Sehr hohe Preisvorstellungen des Seniors stehen dem Wunsch des Juniors nach einem günstigen Kaufpreis oft mit krassem Abstand gegenüber. Da hilft die objektive Kalkulation eines Fachmanns.

AWH-Verfahren - Gesundheitscheck des Betriebes

In welchen Schritten das von den Handwerkskammern angebotene AWH-Verfahren in der Praxis abläuft, lesen Sie hier.

1. Schritt

Der Senior füllt einen zehnseitigen Fragebogen aus. Er legt dem Berater die Jahresabschlüsse der vergangenen vier Jahre und die betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) fürs laufende Jahr vor. Hinzu kommt eine Aufstellung der Mitarbeiter sowie der Kunden und Lieferanten.

2. Schritt

Analyse der Gewinne der vergangenen Jahre.

3. Schritt

Gewichtung einzelner Wirtschaftsjahre, wobei diejenigen jüngerer Vergangenheit einen höheren Stellenwert haben.

4. Schritt

Festlegung Kapitalisierungszinssatz. Dabei fließen die Bedeutung der Unternehmerpersönlichkeit, die zweite Führungsebene oder die Alleinstellung des Betriebes mit ein. Er ergibt sich aus einem Basiszins (Umlaufrendite der Deutschen Bundesbank) plus individuellem Risikozuschlag. Je niedriger dieser Wert ist, desto höher ist der Wert des Unternehmens. Weitere Informationen zum AWH-Verfahren unter www.awh.zdh.de

Unternehmenswert wird objektiviert

Bernd Juhl, Bewertungsexperte der Handwerkskammer Ulm, zu den Vorzügen des AWH-Verfahrens.

handwerk magazin: Worin sind vor allem die Vorteile des AWH-Verfahrens zu sehen?

Bernd Juhl: Mit dem standardisierten Verfahren wird der Unternehmenswert objektiviert. Der Existenzgründer profitiert vom Gutachten, weil viele Seniorchefs den Wert ihres über Jahrzehnte aufgebauten Unternehmens überschätzen. Der Faktor, mit dem die Ertragskraft bei der Bewertung multipliziert wird, ergibt sich aus einer nachvollziehbaren, objektiven Analyse der Struktur des Betriebes.

Welche Faktoren wirken sich negativ beim AWH-Verfahren aus?

Wenn zum Beispiel der Erfolg des Unternehmens nur von der Person des Unternehmers selbst abhängig ist. Auch veraltete Maschinen oder die Abhängig-keit von einzelnen Kunden wirken sich über einen erhöhten Risikozuschlag negativ aus. Eine angespannte Branchenkonjunktur oder massiver Verdrängungswettbewerb in der Region sind weitere Kriterien für eine Wertminderung. Auch das Leistungsspektrum hat Einfluss. Vielleicht fehlt dem Betrieb ein Alleinstellungsmerkmal. Oder es arbeiten dort extrem viele Mitarbeiter, die in Kürze das Unternehmen verlassen.

Welchen Praxisrat können Sie Jungunternehmern geben, die einen sehr kleinen Handwerksbetrieb übernehmen möchten, bei dem das AWH-Verfahren nicht greift?

Auch sie sollten sich an eine objektive Stelle, zum Beispiel die Handwerkskammer wenden. Sie sollten gemeinsam mit dem Berater beim Altunternehmer die kritischen Faktoren und die Erfolgsfaktoren des Unternehmens abfragen, um sich ein Bild zu machen. In der Regel übernimmt der Gründer
in diesen Fällen nur die Vermögenswerte zum aktuellen Verkehrswert und vereinbart mit dem Verkäufer einen geringen Aufschlag.

Firma kaufen mit Rabatt

Mit 65 Jahren denkt Drehermeister Lorenz Strobel in Ulm an seinen Ruhestand, er plant konkret seine Nachfolge. Von der Handwerkskammer ließ er vor einigen Wochen dazu erst einmal seinen Betrieb bewerten. Vielleicht will seine Tochter Petra (38) das Unternehmen mit 16 Mitarbeitern übernehmen. Doch selbst, falls sich die junge Mutter doch nicht dafür entscheidet, nutzt dem Senior das Wertgutachten der Kammer bei der Suche nach einem Nachfolger.

Wie sie beschäftigen sich viele potenzielle Nachfolger mit dem Thema Unternehmensbewertung. Sehr hohe Preisvorstellungen des Seniors stehen dem Wunsch des Juniors nach einem günstigen Kaufpreis oft mit krassem Abstand gegenüber. Um Brücken zu bauen, hilft da die objektive Kalkulation eines Fachmanns. Auf dieser Basis kann der Nachfolger dann mit dem Senior verhandeln.

Ein wenig Pokern ist bei jedem Unternehmenskauf dabei. Nils Koerber, Unternehmensberater in Göttingen mit Spezialgebiet Nachfolge (www.kernundpartner.de), bringt das Problem auf den Punkt: „ Einen fairen Preis gibt es nicht. Es gibt nur den Preis, den der Nachfolger bereit ist zu zahlen und der gegebenenfalls vom Verkäufer akzeptiert wird. Beim Unternehmenswert spielen immer auch subjektive Komponenten eine wichtige Rolle.“

Angebot und Ncahfrage entscheiden

Und es ist letztendlich auch eine Frage von Angebot und Nachfrage. Einer der Experten für Firmenbewertungen ist Bernd Juhl, Betriebsberater der Handwerkskammer Ulm. Drei Tage lang saß er mehrere Stunden bei Strobel und machte sich ein Bild vom Betrieb. „Wir legten auch die tagesaktuellen Zahlen vor und die Jahresabschlüsse der vergangenen drei Jahre“, so Petra Strobel. Der Metallbetrieb hat jetzt schwarz auf weiß in der Hand, wie gut die Firma aufgestellt ist. „Wir blicken optimistisch in die Zukunft“, so die Unternehmerin.

Künftiger Erfolg zählt

Bei ertragreichen inhabergeführten Betrieben wie der Firma Strobel wendet Berater Juhl das bewährte AWH-Verfahren an. Das Kürzel steht für „Arbeitsgemeinschaft der Wert ermittelnden Betriebsberater im Handwerk“. Ein Kreis kluger Köpfe, die es entwickelt haben. Deren Idee: Der eigentliche Wert des Betriebes ergibt sich aus dem erwarteten künftigen Erfolg des Unternehmens. Der Bewerter prognostiziert den möglichen Gewinn und zinst ihn mit einem individuellen Satz auf den Zeitpunkt der Übernahme ab. Es handelt sich um den sogenannten Ertragswert.

Senior und Übernehmer können sich bei ihren Verhandlungen an diesem orientieren. „Der Unternehmenswert nach dem AWH-Verfahren stimmt meist bis auf zehn bis 15 Prozent mit dem erzielten Kaufpreis überein“, weiß Juhl aus Befragungen.Bei Betrieben mit einem niedrigen Ertragspotenzial wenden die Kammerexperten das AWH-Verfahren aber nicht an.

Glasermeister Michael Schmid (36), der vor einem guten Jahr die Firma Glas Quadflieg Bau & Kunstglaserei mit zwei Mitarbeitern seines ehemaligen Chefs in Aachen übernahm, erzählt von seiner Übernahme: „Weil ich selbst einmal im Betrieb beschäftigt war, kannte ich die Firmenstruktur, die Kunden, und anhand der Abschlüsse der vergangenen Jahre verschaffte ich mir ein Bild der Ertragssituation“, sagt Schmid.

Junior und Senior setzten sich an einen Tisch und verhandelten über den Kaufpreis.„Oftmals gehen die Parteien bei solchen Betrieben vom Verkehrswert plus einem kleinen Aufschlag als Kaufpreis für das Unternehmen aus“, erklärt Berater Juhl. „Der Firmenvater ist bei ihnen häufig die treibende Kraft. Verlässt er das Unternehmen, sind diese Firmen eben nicht mehr viel wert“, ergänzt Franz Falk, Betriebsberater der Handwerkskammer Region Stuttgart.

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